Sie sind hier:

Nach Grenfell-Brandkatastrophe - 4.000 Londoner evakuiert - nicht ohne Kritik

Datum:

Die Zahl der brandgefährdeten Hochhäuser in Großbritannien steigt weiter. Die nächtliche Evakuierung in London erntet Kritik. Einige Bewohner fühlten sich zu wenig informiert. Andere blieben nicht in der chaotischen Notunterkunft. Die Opposition fordert Premierministerin May auf, eine Krisensitzung einzuberufen.

Nach dem Feuer im Londoner Grenfell Tower mit mindestens 79 Toten sind 4 andere Hochhäuser geräumt worden. Bei Brandschutzüberprüfungen wurde bemerkt, dass die Außenverkleidungen aus ähnlich leicht entflammbarem Material bestehen.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Anderthalb Wochen nach dem verheerenden Feuer im Londoner Grenfell Tower haben Experten an mindestens 34 Hochhäusern in Großbritannien leicht entflammbare Außenfassaden entdeckt. Das teilte die britische Regierung am Samstag in London mit. Betroffen seien unter anderem Manchester, Portsmouth und Plymouth.

80 Bewohner verweigern Evakuierung

Etwa 4.000 Menschen mussten schon am Freitagabend ihr Nötigstes packen und vier Hochhäuser im Norden Londons wegen Brandgefahr räumen. Die Feuerwehr hatte in den jeweils 22-stöckigen Gebäuden erhebliche Sicherheitsmängel festgestellt: etwa brennbare Fassaden, Fehler bei der Isolierung von Gasleitungen und das Fehlen von Brandschutztüren. In einem fünften, kleineren Hochhaus durften die Bewohner bleiben.

Die Betroffenen verbrachten die Nacht in Notunterkünften, Hotels oder bei Freunden. Mehr als 80 Bewohner weigerten sich allerdings, ihre Wohnungen in den Gebäuden im Stadtteil Camden zu verlassen. Die britische Nachrichtenagentur PA zitierte einen 31-jährigen Bewohner, Carl McDowell, der in ein als Notunterkunft hergerichtetes Freizeitzentrum gebracht wurde. Ein Blick auf das Durcheinander und die dort ausgelegten Luftmatratzen habe ihn bewogen, wieder heimzugehen.

"Kein Offizieller ist zu uns gekommen“

Andere sagten, sie hätten von der bevorstehenden Evakuierung zuerst aus dem Fernsehen erfahren. Die 90-jährige Renee Williams sagte PA: "Kein Offizieller ist zu uns gekommen und hat uns gesagt, was los ist. Ich habe es im Fernsehen gesehen und dann meine Tasche für die Nacht gepackt." Sie verstehe ja, dass es um ihre Sicherheit gehe, "aber man kann uns doch nicht mit so knapper Ansage evakuieren".

In Interviews sprachen einige Bewohner von einer Überreaktion. "Zwei frühere Brände in diesem Hochhaus sind doch leicht in Schach gehalten worden", sagte ein Familienvater. Ein 94-Jähriger berichtete den Journalisten, dass er nicht ausreichend Tabletten mit sich genommen habe. "Ich habe für so etwas nicht mehr die Kraft."

Brandinspektoren hätten in dem Hochhauskomplex Chalcots Estate Probleme mit der Isolierung von Gasleitungen und Brandschutztüren festgestellt, die es zusammen mit einer entzündlichen Außenverkleidung zu gefährlich machten, dass die Bewohner noch eine Nacht dort schliefen, teilte die Vorsitzende Georgia Gould mit. Der Komplex soll nach einem BBC-Bericht von 2006 bis 2009 von derselben Firma saniert worden sein wie der Grenfell Tower.

Corbyn fordert Krisensitzung

Die Arbeiten an den geräumten Gebäuden werden Gould zufolge drei bis vier Wochen dauern. Etwa 650 Wohnungen sind den Angaben zufolge betroffen. Londons Bürgermeister Sadiq Khan schrieb auf Facebook von einer "Vorsichtsmaßnahme" und bezeichnete die Räumung als den besten Weg, um die Bewohner zu schützen.

Premierministerin Theresa May hatte nach dem Brand des Grenfell Towers angekündigt, dass täglich etwa 100 Hochhäuser im Land überprüft werden. Nach der Räumung in Camden twitterte sie, ihre Gedanken seien bei den in Sicherheit gebrachten Einwohnern. Der Rat von Camden teilte mit, alle Bewohner dürften in Begleitung von Feuerwehrleuten noch ihre Habseligkeiten aus den Wohnungen holen.

Nach Ansicht des Chefs der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, sollte May eine Krisensitzung einberufen. Nur so könnten Maßnahmen gegen den unzureichenden Brandschutz besser koordiniert werden. Es handele sich um eine "landesweite Bedrohung".

Anklage wegen fahrlässiger Tötung?

Ein defekter Kühlschrank hatte laut Scotland Yard das Feuer am 14. Juni im Grenfell Tower entfacht. Der Brand griff an der Außenfassade entlang rasch auf den ganzen 24-stöckigen Sozialbau über. Der Hersteller bestimmter Dämmplatten, die in der Fassadenverkleidung benutzt wurden, kündigte inzwischen an, dass sein Produkt künftig nicht mehr in Gebäuden über 18 Meter Höhe verwendet werden soll.

Mindestens 79 Menschen kamen bei dem Brand ums Leben. Die tatsächliche Opferzahl könnte aber wesentlich höher liegen. Möglicherweise haben sich viele Menschen illegal in dem Sozialbau aufgehalten. Sechs Verletzte lagen am Samstag noch in Krankenhäusern.

Die Ermittler erwägen eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung. Man sehe sich alle Unternehmen an, die am Bau und an der Sanierung des Grenfell Towers beteiligt gewesen seien, hieß es.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.