Sie sind hier:

Entsetzen nach Messerattacke - Hamburg Helden: "Mit Stühlen und Steinen beworfen"

Datum:

Am Tag nach der Messer-Attacke in einem Supermarkt herrschen in Hamburg immer noch Trauer und Entsetzen. Aber auch stolz auf die "Helden von Hamburg" - Passanten, die halfen und den Täter verfolgten.  Derweil sucht die Politik nach Antworten.

Der Mann, der am Freitag eine Messer-Attacke in einem Supermarkt in Hamburg verübte, war den Behörden als Islamist bekannt. Die Hintergründe der Tat sind noch unklar. Neben religiösen Beweggründen gebe es auch Hinweise auf eine psychische Erkrankung.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

In dem Moment, als Jamel Chraiet zu einem der Helden von Hamburg-Barmbek wird, geht alles ganz schnell. Eine Frau habe geschrien, dass jemand Menschen absteche, erinnert sich der 48-Jährige am Morgen nach der Messerattacke in einem Supermarkt.

"Dann sind wir losmarschiert"

"Plötzlich haben wir einen Mann gesehen, mit einem langem Messer, blutverschmiert. Egal, wie cool man sonst ist, in einem solchen Augenblick weiß man erst einmal gar nichts." Der gebürtige Tunesier saß mit Landsleuten vor einem Backshop, wenige Meter entfernt vom Tatort - sie reagierten schnell. "Wir haben uns besprochen, jeder sollte einen Stuhl schnappen, dann sind wir auf ihn losmarschiert. Er wurde bereits von Leuten verfolgt, die auf ihn eingeredet haben."

Ein 50 Jahre alter Mann war bei dem Angriff des 26-Jährigen ums Leben gekommen, sechs weitere Menschen teils schwer verletzt worden. Videoaufnahmen zeigen später, wie sich Männer mutig dem weiterhin mit dem Messer bewaffneten Mann mit Stühlen entgegenstellten. Wie viele Menschen den Angreifer bei seiner Flucht letztendlich verfolgten, ist noch unklar. Dennoch sind es diese Unerschrockenen, über die am Samstag nicht nur in Hamburg viele sprechen - ihr Einsatz erscheint vielen heldenhaft, auch weil sie nicht einfach wegschauten.

"Habe versucht, mit ihm zu reden"

"Ich habe auch versucht, mit ihm zu reden, aber er hat nur etwas gesagt, was man überhaupt nicht verstanden hat", erzählt Chraiet, als er am Samstagmorgen wieder in jenem Café sitzt, von dem aus er und andere die Verfolgung aufnahmen. "Ob der in einer anderen Welt war? Keine Ahnung, was mit ihm los war." Es sei alles ganz schnell gegangen. Nur die Zeit, bis auch die Polizei da war - die sei ihm "verdammt lange" vorgekommen.

"Aber als Helden würde ich uns nicht bezeichnen, das ist einfach eine normale Reaktion", sagt Chraiet. Das ganze Café sei voll gewesen, sie hätten einfach alle etwas tun müssen. Er sei aber froh, dass auch er und seine Landsleute an der Verfolgung beteiligt gewesen seien, betont der Mann, der seit 27 Jahren in Deutschland lebt und bei der Hamburger Hochbahn arbeitet. "Damit die Leute sehen, es gibt auch andere, die nicht so sind."

Edeka-Markt bleibt geschlossen

Auch für den Betreiber des Backshops sind die Männer, die so viel Zivilcourage bewiesen, durchaus Helden. Wer weiß, was passiert wäre, "wenn sie ihn nicht aufgehalten hätten", sagt Ahmet Dogan. Stolz verweist er ebenfalls darauf, "dass es ausländische Mitbürger waren", die den Angreifer - in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren und der Volksgruppe der Palästinenser angehörend - aufhielten. Am Samstag gibt es in seinem Laden kein anderes Thema - wie überall in der Einkaufsstraße. Der Edeka-Markt indessen bleibt geschlossen. Davor haben Barmbeker Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet.

Bürgermeister Olaf Scholz und Innensenator Andy Grote (beide SPD) kommen ebenfalls nach Barmbek, legen Blumen nieder und sprechen mit Augenzeugen. "Es ist sehr bewegend, berührend, den Tatort zu sehen, mit denjenigen zu sprechen, die vor Ort waren, und das alles erlebt haben, geholfen haben oder hinter dem Täter hergelaufen sind", sagt Scholz. "Das ist ein ganz schmerzhafter Moment für uns alle." Er sei sehr stolz auf die Hamburger, die sofort geholfen hätten.

De Maizière: Ideologie und persönliche Motive

Für Bundesinnenminister Thomas de Maizière  (CDU) zeigt die Messerattacke von Hamburg eine mögliche Vermischung von islamistischer Ideologie und persönlichen Motiven. "Wir müssen damit rechnen, dass die dschihadistische Ideologie als Begründung oder Rechtfertigung für Taten herangezogen wird, die vielleicht aufgrund ganz anderer Motive begangen werden. Die eigentlichen Motive können dann auch in der Persönlichkeit des Täters liegen", sagte der CDU-Politiker am Samstag in Berlin.


Es sei jetzt wichtig, die Hintergründe der Tat so schnell wie möglich zu analysieren und aufzuklären, so der Minister. Er dankte insbesondere den Bürgern und Polizisten, durch deren Eingreifen der Täter so schnell habe gefasst werden können. "Meine Trauer gilt dem Toten, mein Mitgefühl seinen Angehörigen und den verletzten Opfern. Ich hoffe, dass sich alle schnell wieder von ihren Verletzungen erholen."

"Am Vortag noch Einkäufe erledigt"

Zwei ältere Damen bringt die Bluttat erstmals zusammen: Die beiden 75-Jährigen lernen sich kennen, als eine von ihnen eine Sonnenblume vor dem Tatort ablegt. Sie sei während des Angriffs anwesend gewesen, wolle aber nicht darüber sprechen und ihren Namen nicht nennen, sagt sie. Nun trinkt sie spontan mit Ingrid Merten, die in einem Seniorenheim in der Nähe lebt und fast jeden Tag in dem Supermarkt einkauft, spontan gemeinsam einen Kaffee. Auch Margot Hansen (78) ist zum Edeka, in dem sie am Vortag noch Einkäufe erledigt hatte, gekommen, um der Opfer zu gedenken. Sie gehe jetzt schon mit einem mulmigen Gefühl einkaufen, sagt sie. "Das kann ja überall passieren."

In der Nähe unterhalten sich zwei weitere Frauen. Ihre Namen wollen sie nicht nennen, am liebsten gar nicht mehr über alles sprechen. Eine von ihnen ist Verkäuferin in der Edeka-Filiale, die andere hörte in ihrer Wohnung die "Allahu Akbar-Schreie" (Gott ist groß). "Wir haben gesehen, wie die Leute mit Stühlen hinterhergelaufen sind. Alles war unheimlich laut", berichtet sie. Innerhalb eines Tages habe sich das Leben geändert. "Man fühlte sich immer sicher. Das Grauen war woanders, aber nie hier in Barmbek." Ihr Viertel sei sehr bunt, unterschiedliche Nationalitäten lebten gut zusammen. Dass der Täter ein Flüchtling ist, kommentiert sie mit: "Danke, Frau Merkel".

Einkaufsliste abarbeiten

Jamel Chrait will am Samstag nun die Einkaufsliste abarbeiten, die ihm seine Frau schon am Vortag über WhatsApp geschickt hatte. Über den Messenger-Dienst habe ihn rund eine halbe Stunde nach der Messerattacke auch eine besorgte Nachricht seines 18-jährigen Sohnes erreicht: "Ruf sofort an!!". Seine Familie sei froh gewesen, dass er heil nach Hause gekommen sei. Und er selbst? Irgendwann in der Nacht habe er es geschafft, einzuschlafen. "Aber es hat lange gedauert. Die Bilder gehen einem nicht aus dem Kopf."

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.