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PR-Experte zum Fall Özil - "Weitere Köpfe werden rollen"

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Die Krisen-PR des DFB sei so schlecht wie die Leistung in Russland, sagt Kommunikations-Berater Flügge. Der DFB sei in der Defensive, Präsident Grindel stehe massiv unter Druck.

DFB-Zentrale in Frankfurt am Main
DFB-Zentrale in Frankfurt am Main Quelle: ap

heute.de: Wozu hätten Sie als Kommunikationsberater Mesut Özil geraten?

Erik Flügge: Das Wichtigste ist: Man muss vom Affekt zu einer rationalen Entscheidung kommen. Das heißt: Druck rausnehmen und Impulse rausnehmen, mich zu verteidigen. Es geht nicht darum, mein Empfinden oder meine Geschichte zu erzählen, sondern eine Lösung anzubieten.

heute.de: Wie hätte die im Fall Özil aussehen können?

Flügge: Özils Schweigen war ein Fehler. Er hätte sich spätestens nach dem Treffen mit Bundespräsident Steinmeier erklären sollen. Er hätte sich gar nicht groß entschuldigen müssen, aber das Signal senden sollen: Ich nehme die Kritik wahr und ernst. Sein Fußball-Kollege Gündogan hat es besser gemacht.

heute.de: Inwiefern?

Erik Flügge
Erik Flügge (32) ist Geschäftsführer der Strategie-Beratung "Squirrel & Nuts". Die Kölner Agentur berät Politiker und Unternehmen und betreut Kampagnen.

Flügge: Gündogan hat nur einen kurzen Moment geschwiegen und ist dann mit einer betont rationalen Klarstellung rausgegangen. So stand er nicht mehr im Fokus der Kritik, sondern Özil.

heute.de: Welche Fehler hat der DFB gemacht?

Flügge: Ganz schön viele, und das von Anfang an. Der DFB hätte Özil sagen müssen: Entweder du erklärst dich und distanzierst dich - oder du kommst nicht mit nach Russland. Das hat auch mit Fürsorge für die eigenen Spieler in so einer Krise zu tun. Das hätte man vor der WM klären müssen. Sobald der Streit ausgeräumt gewesen wäre, hätte sich der DFB hinter Özil stellen müssen. Das ist wichtig, denn Leute in Krisen brauchen Rückendeckung.

heute.de: Es kam anders - und der DFB wird das Thema nicht los, selbst Wochen nach dem WM-Aus.

Flügge: Ja, und das ist für mich als Berater das Spannende an dem Fall: Hier versagt nicht nur die eine Seite kommunikativ, sondern auch die andere Seite. Also nicht nur Özil, sondern auch der DFB. Der DFB trägt Verantwortung dafür, dass die WM so krachend gescheitert ist. Und anstatt, dass der DFB das Tempo rausnimmt, sich Zeit lässt und rational und analytisch draufschaut, sucht er schnell nach einem Sündenbock: Özil. Ich denke, weder Özil noch der DFB haben die kommunikative Schadensbegrenzung zu Ende gedacht.

heute.de: Warum steht der DFB so in der Kritik?

Flügge: Durch Özils Rücktritt ist nun der DFB in der Defensive. Jetzt muss er sich mit Rassismus-Vorwürfen befassen. Schon jetzt werden frühere Äußerungen des DFB-Chefs Reinhard Grindel abgeklopft, wie er sich früher als CDU-Abgeordneter zu Ausländern und Multikulturalismus geäußert hat. Mittelfristig droht Reinhard Grindel zu scheitern. Denn wenn einmal ein Kopf rollt, rollen meistens auch weitere Köpfe.

heute.de: Was hätte der DFB denn tun sollen?

Flügge: Das Übliche, wie es auch Parteien oder Unternehmen nach einer Niederlage machen: Sie erklären die ganze Spitze für verantwortlich und erklären: Wir brauchen eine grundlegende Analyse. Wir werden in ein paar Monaten einen umfangreichen Bericht herausgeben, der alle Schwächen thematisiert. Welche Probleme gab es mit dem Hotel, mit dem Fall Özil, den Trainingsspielen, dem Trainer? All das werden wir in den nächsten Monaten besprechen. Niemand allein ist Schuld und damit kann auch niemand gefeuert werden.

heute.de: Stattdessen macht jetzt Özil den Alleingang. Überzeugt Sie sein Statement?

Flügge: Es klingt authentisch. Aber es ist unklug. Sehr emotional, wenig rational. Özil klingt wie jemand, der wütend und verletzt ist. Das ist keine gute Verfassung, um ein Statement abzugeben. Es ist mehr Trotz als eine wirkliche Reflexion darüber, dass er einen Fehler gemacht hat.

heute.de: Özil hätte doch wissen müssen, dass das Foto mit Erdogan eine Provokation ist.

Flügge: Zumal er bislang immer betont hat, beim Fußball gehe es um sportliche Leistung und nicht um nationale Symbole und wer am lautesten die Nationalhymne mitsingt. Aber ich glaube nicht, dass Özil bewusst provozieren wollte. Er hat einen Fehler gemacht und hatte nicht die Größe, diesen einzugestehen. Für eine bewusste Provokation spricht wenig. Er kann sich ja nichts davon kaufen - seine Sympathiewerte und seine möglichen Werbeeinnahmen sind dadurch deutlich gesunken.

heute.de: Welches Fazit ziehen Sie als Berater aus der Affäre?

Flügge: Das Problem des DFB ist, dass er eine Kultur geprägt hat, in der Fehler klein geredet werden. Das gilt für die Spieler wie für den Verband. Alle werden trainiert, nach Spielen immer das Positive zu betonen. In der Krise muss man aber auch Fehler klar benennen können. Der DFB hat das kommunikative Spiel nicht zu Ende gedacht. Insofern ist die Özil-Debatte ein Spiegel für die sportlichen Leistungen der DFB-Elf in Russland. Bei allen Spielzügen hatte man ja das Gefühl: Das passt nicht, das ist nicht zu Ende gedacht. Und so ist es auch bei den kommunikativen Spielzügen. Dann fliegt man halt schon in der Vorrunde raus. Jetzt ist Özil geflogen, ich bin gespannt, wer als nächstes fliegt.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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