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Nach Steinmeiers Einheits-Rede - Was ist eigentlich Heimat?

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Ob in der Musik, im Museum oder in der Literatur - Heimat erlebt eine Renaissance. Was lange als spießig galt, verspricht angesichts von Globalisierung und moderner Unübersichtlichkeit Sicherheit und Orientierung. Doch was bedeutet eigentlich Heimat für uns?

27 Jahre deutsche Einheit - das wird in diesem Jahr in Mainz groß gefeiert. Rund eine halbe Million Menschen werden erwartet, Tausende Polizisten sichern die Stadt.

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Der Regionalkrimi boomt. Das Allgäu hat Kluftinger, die Eifel Siggi Baumeister. Und die Kriminalitätshochburg Münster ist stolz auf "Tatort"-Kommissar Thiel, Professor Boerne, aber auch auf den leicht abgeranzten ZDF-Privatdetektiv Georg Wilsberg.

Nicht nur bei den Krimis boomt die Heimat. Juli Zehs Roman "Unterleuten" über ein Dorf in Brandenburg steht seit Monaten auf den Bestsellerlisten. Dialekte sind nicht länger verpönt, wie der Boom an kölschen und bayrischen Liedern zeigt. Die Sehnsucht nach Heimat, nach festem Boden unter den Füßen, zeigt sich auch in regionalen Produkten - von der örtlichen Bierbrauerei bis zu Hofläden und Landlust-Magazinen.

Heimat ist nicht mehr spießig

Für viele ist Heimat der Ort, an dem sie aufgewachsen sind: die ersten Schritte, der erste Kuss. Lange galt Heimat aber auch als etwas Spießiges: Heimatbuch, Heimatfilm. Oder Heimatvertriebene, was deutschnational klang. Doch auf einmal gewinnt der Begriff politische Brisanz. Angesichts von Globalisierung und Hunderttausenden Flüchtlingen stellt sich die Frage neu, was Heimat ist, wer dazu gehört und was Menschen treibt, ihre Heimat zu verlassen.

Die wachsende Sehnsucht nach Heimat dürften die Bürger nicht Nationalisten überlassen, hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Dienstag beim Tag der Deutschen Einheit gemahnt. "Verstehen und verstanden werden - das ist Heimat", so Steinmeier. "Heimat ist der Ort, an dem das 'Wir' Bedeutung bekommt." Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) hatte kürzlich kritisiert: "Wir wissen nicht mehr genau, wer wir sind und wer wir sein wollen." Er legte einen Plan für eine deutsche Leitkultur vor.

Was ist Heimat?

Was also ist Heimat? Zunächst mal ein typisch deutscher Begriff, dessen Bedeutungsvielfalt sich kaum in andere Sprachen übersetzen lässt. Weder das englische "homeland" noch das lateinische "patria", das sich im Italienischen, Französischen und Spanischen wiederfindet, trifft es.

Im Grimmschen Wörterbuch wurde Heimat definiert als "das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden aufenthalt hat". Aus dem nüchternen Rechtsbegriff entwickelte sich im Zeitalter der Industrialisierung und der Romantik im 19. Jahrhundert eine ganz neue Bedeutung: Heimat als Gegenentwurf zu einer Realität, in der die Menschen sich nicht mehr zurecht finden. Deutsche Volkslieder und Märchen verbreiteten anheimelnde Stimmung. Dichter wie Joseph von Eichendorff beschrieben die vertraute Landschaft und Natur, nach der man sich in der Fremde stets zurücksehnt.

Pervertiert im Nationalsozialismus

Pervertiert wurde der Heimatbegriff dann im Nationalsozialismus: "Wir wollen das Blut und den Boden wieder zur Grundlage einer deutschen Agrarpolitik machen", hieß es. Heimat bedeutete gleichzeitig, dass alle "Nicht-Arier" ausgeschlossen wurden, insbesondere Juden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Heimat auf andere Art wieder populär: Der Heimatfilm bot eine heile Welt nach den Schrecken des Krieges. Ähnlich interpretierten Soziologen heute die Renaissance des Heimatbegriffs: In einer immer unübersichtlicheren Welt suchten Menschen nach Sicherheit im Kleinen, sagt der Soziologe Heinz Bude. "Man will sich in etwas gründen, man will von etwas einen Ausgangspunkt nehmen. Etwas, das nicht ständig infrage steht."

"Ein ganz tiefer menschlicher Trieb"

Eine etwas andere Perspektive hat der Filmemacher Edgar Reitz in seiner großen, seit den 80er Jahren erschienenen Filmreihe "Heimat" eingenommen: Heimat bedeutet dabei auch geistige Enge und soziale Not, die es zu überwinden gilt. Jenseits der vertrauten Fachwerkhäuser wartet eine verheißungsvolle, aber auch bedrohliche Welt. Heimat ist ein Gefühl, das erst in der Emigration so richtig aufblüht.

Für Reitz ist Heimat "ein ganz tiefer menschlicher Trieb, das Bedürfnis der Zugehörigkeit zu anderen". Deswegen sei "eine gewisse Irritation gegenüber allem Fremden zunächst einmal ganz normal und natürlich". Was der Mensch an Mitmenschlichkeit, Zusammenarbeit und Toleranz kenne, müsse er erst lernen.

Dass Heimat auch eine in die Zukunft gerichtete Sehnsucht sein kann, zeigt das Christentum. Auf Erden, so hat der Barock-Dichter Paul Gerhardt geschrieben, sei der Mensch nur Gast. Die eigentliche Heimat liege bei Gott.

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