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Debatte um Sportgeländewagen - Wie gefährlich sind SUV wirklich?

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Nach dem schweren Autounfall in Berlin wird diskutiert: Sollen SUV in Innenstädten beschränkt werden? Und wie gefährlich sind die Fahrzeuge?

Vier Personen, darunter ein Kind, starben am Freitagabend in Berlin-Mitte, nachdem ein SUV auf den Gehweg geraten war. Die Polizei ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Das Unglück hat auch eine Debatte über Geländewagen in den Innenstädten ausgelöst.

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Was ist passiert?

Ein Sportgeländewagen vom Typ Porsche Macan ist am Freitag in Berlin-Mitte nach links von der Fahrbahn abgekommen. Er überfuhr vier Menschen, mehrere Poller und einen Ampelmast. Erst ein Baustellenzaun brachte das Fahrzeug zum Stehen.

Neben einem drei Jahre alten Kind wurden zwei Männer im Alter von 28 und 29 Jahren sowie eine 64-jährige Frau getötet. Hinweise, wonach möglicherweise ein medizinischer Notfall des SUV-Fahrers zu dem Unfall geführt haben könnte, wollte die Polizei nicht kommentieren.

Sind SUV zu gefährlich für Innenstädte?

"Sie sind eine Gefahr gerade für Fußgänger und Radfahrer", sagt der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Oliver Krischer, dem "Tagesspiegel". Mehrere Organisationen riefen für Samstagnachmittag zu einer Mahnwache am Ort des Unfalls auf. "Wir sind entsetzt", erklärt Ragnild Sörensen von Changing Cities. Vier Menschen seien getötet worden - "wegen Rasen. Durch ein einziges Auto". Und auch Roland Stimpel vom Fußgängerverein Fuss e.V. fordert "Schluss mit dem Tempowahn". Auch wenn Einzelheiten noch nicht bekannt seien, sei klar: "Jeder Stundenkilometer mehr ist eine zusätzliche Gefahr."

Ist ein SUV also gefährlicher als ein Kleinwagen?

"Man kann nicht einfach sagen: Ein SUV ist grundsätzlich gefährlicher als ein Polo oder ein Smart", sagt der Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Mehr Einfluss als das Gewicht hätten Geschwindigkeit und Art des Zusammenstoßes. Im Berliner Fall hätte aber der Ampelmast einen Polo möglicherweise abgehalten.

"Entscheidend ist die Geschwindigkeit", erklärt Brockmann. "Alles was jenseits von 50 Stundenkilometern ist, ist für einen menschlichen Körper mindestens lebensgefährlich, meistens aber auch tödlich, egal mit welchem Fahrzeug." Er verweist auf die physikalische Berechnung der Bewegungsenergie: "Wenn der Polo 70 fährt, ist er durchaus gefährlicher für einen Menschen als ein Macan mit 40."

Wie sieht die Unfallstatistik für SUV aus?

In einem Wort: unauffällig. Ob zu schnelles Fahren, zu geringer Abstand oder fehlerhaftes Überholen - Fahrer von SUV und Geländewagen sind nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes für etwa zwei bis rund dreieinhalb Prozent dieser Unfälle verantwortlich.

Unfälle mit Personenschaden sind nach der Statistik rund drei bis fünf Prozent von SUV- oder Geländewagenfahrern verursacht worden. Das ist jeweils weniger als der Anteil, den diese Fahrzeuge jeweils am gesamten Autobestand haben.

Wer fährt überhaupt SUV?

In SUV säßen nicht unbedingt "Rambos" am Steuer, so Brockmann. Nach Umfragen schätzen viele Frauen und ältere Menschen die Wagen, weil sie wegen der Höhe leichter ein- und aussteigen können und eine größere Übersicht haben. Ein Kaufmotiv sei jedoch auch die Sicherheit: "Die größere Masse bietet einen Vorteil gegenüber den kleineren."

SUV stehen auch sonst in der Kritik – warum?

Die SUV stehen schon länger in der Kritik, vor allem wegen des Vorwurfs der Klimaschädlichkeit. Im Durchschnitt sind SUV etwas schwerer, verbrauchen also auch mehr Sprit und stoßen mehr Schadstoffe aus. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer hat es einmal untersucht. Im ersten halben Jahr haben neu zugelassene SUV im Durchschnitt 144,1 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausgestoßen - nach Herstellerangaben. Das entspricht einem Verbrauch von 6,2 Litern Sprit auf 100 Kilometer. Das war etwas mehr als der Durchschnitt aller Pkw-Neuwagen: Er lag bei 133,4 Gramm und 5,6 Liter. Große Geländewagen liegen häufig deutlicher über den SUV.

Auch der Platz ist ein Problem: "Die Autos brauchen immer breitere Parkplätze in Städten, wo der Raum immer knapper wird", kritisiert der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Oliver Krischer. Zum Vergleich: Ein VW Touareg misst in der Breite 1,98 Meter - etwa 20 Zentimeter mehr als ein VW Golf.

SUVs sind lukrativ für die Autobauer, für die Klima- und Umweltbilanz ein Problem.

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Sollen SUV also aus den Innenstädten verbannt werden?

Krischer fordert eine Obergrenze für große SUV in den Innenstädten. "Am besten wäre eine bundesrechtliche Regelung, die es Kommunen erlaubt, bestimmte Größenbegrenzungen zu erlassen."

Der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, fordert im Gespräch mit dem "Tagesspiegel" rasch umsetzbare Maßnahmen gegen SUV. Dazu zähle eine City-Maut, welche die Einfahrt in Städte für große, schwere Wagen sehr teuer mache. Denkbar seien auch ein Parkverbot oder deutlich erhöhte SUV-Parkgebühren in Städten, sagt Resch.

Was spricht dagegen?

Der CDU-Innenpolitiker Philipp Amthor sagt bei "Bild": "Dieser Unfall schockiert. Er zeigt das Gefährdungspotential. Aber ich würde keine Verbotsdebatte lostreten." Der rechtliche Rahmen sei durch die Straßenverkehrsordnung bereits gesetzt.

Die FDP hat die Debatte über Beschränkungen für die schweren Fahrzeuge kritisiert. Verkehrsexperte Oliver Luksic wandte sich mit Blick auf Äußerungen unter anderem der Grünen gegen eine "emotionslose Instrumentalisierung einer Tragödie für politische Zwecke". Es komme auf den Fahrer an, nicht auf das Auto, sagt Luksic. "Ein Tesla S ist schwerer als ein Porsche Macan und beschleunigt mindestens genauso schnell. Fordern die Grünen ein Verbot für E-Autos?"

Welche anderen Ansätze gibt es?

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will Fahrer großer Geländewagen stärker zur Kasse bitten. "Wenn fabrikneue Autos mit hohem CO2-Ausstoß verkauft werden, muss sich das auch bei der Kfz-Steuer deutlich niederschlagen", sagte Scholz der "Süddeutschen Zeitung".

Die Umweltorganisation BUND verlangt von der Industrie einen Strategiewechsel. Die Unternehmen müssten aufhören, besonders große und schwere SUV zu bauen, fordert Ernst-Christoph Stolper, Vizevorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). In diese margenträchtigen Sportgeländewagen (SUV) nun Elektromotoren einzubauen, reiche bei weitem nicht aus.

Wie verbreitet sind SUV eigentlich?

Im August kauften die Deutschen laut Kraftfahrt-Bundesamt erstmals mehr SUV als jede andere Fahrzeugkategorie: 22 Prozent aller Neuzulassungen fielen in dieses Segment, weitere zehn Prozent waren Geländewagen.

18 Prozent der neu zugelassenen Personenwagen waren im vergangenen Jahr SUV. Damit stellen sie das zweitgrößte Segment dar - mit den größten Zunahmen (20,8 Prozent). Unter den am meisten neu zugelassenen SUV sind der BMW X1, der Ford Kuga und der Mercedes GLK.

Geräumige SUVs stehen bei Autofahrern hoch im Kurs – das zeigt die neue ARAL-Studie. Demnach achten Käufer mehr auf Preis, Sicherheit und Komfort als auf Umweltverträglichkeit.

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In diesem Jahr werden nach Branchenschätzungen erstmals mehr als eine Million Sportgeländewagen in Deutschland neu zugelassen. Ihr Marktanteil wird demnach auf rund ein Drittel steigen.

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