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Urteil im Schlecker-Prozess - Individuelle Schuld bestimmte das Strafmaß

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Anton Schlecker bekommt eine Bewährungsstrafe, seine Kinder sollen dagegen ins Gefängnis - so lautet das Urteil der Richter. Wie sind die unterschiedlichen Strafen zu verstehen?

Nach neun Monaten endete der Schlecker-Prozeß. Anton Schlecker wird zu einer Bewährungsstrafe verurteilt u.a. wegen Insolvenzverschleppung, Untreue und Beihilfe zum Bankrott. Seine Kinder sollen ins Gefängnis.

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Anton Schlecker kommt also erst einmal mit einer Bewährungsstrafe davon, seine beiden Kinder nicht. Wie kann das sein? Der Grund ist: Unser Strafrecht ist ein individuelles Schuldrecht, das heißt ein Täter wird am Ende im Strafmaß nach dem verurteilt, was "persönlich für und gegen ihn" spricht. Und da hat Anton Schlecker auf der "Habenseite" in den Augen des Gerichts offensichtlich mehr an positiven Aspekten angesammelt als seine Kinder. Und das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.  

Konnte Anton Schlecker die Richter mit Zahlungen milde stimmen?

Die Staatsanwaltschaft hat für alle drei Freiheitsstrafen gefordert, für Anton Schlecker 36 Monate, für Sohn Lars 34 und für Tochter Meike 32 Monate. Das war einerseits deutlich genug für Gefängnisstrafen, aber für das Gericht auch Spielraum genug nach unten. Das sogenannte Strafmaß richtet sich nach Paragraf 46 des Strafgesetzbuches. Das Gericht muss bei einer Verurteilung stets die Umstände für jeden Angeklagten individuell abwägen. Das ist ein ganzes Bündel von Aspekten, wozu auch die Würdigung des "Lebenswerkes" eines Angeklagten gehören kann, trotz eines bitteren Endes. Und, so sagt das Gesetz: "sein Verhalten nach der Tat, besonders sein Bemühen, den Schaden wiedergutzumachen, sowie das Bemühen des Täters, einen Ausgleich mit dem Verletzten zu erreichen". Das Gericht hielt ihm auch zugute, dass die Vermögensverschiebungen in der festgestellten Höhe für die Pleite des Unternehmens nicht ursächlich waren. Es scheint, als wollte man ihn auch nicht mit voller Härte anfassen.

Die Familie Schlecker hatte in einem frühen Stadium bereits zehn Millionen Euro als Wiedergutmachung an den Insolvenzverwalter gezahlt und vor einigen Wochen noch einmal vier Millionen Euro nachgelegt. Gut möglich, dass das die Richter zumindest im Hinblick auf Anton Schlecker noch einmal milder gestimmt hat.

Für die Schlecker-Kinder fällt sicher erschwerend ins Gewicht, dass sie neben dem eigenen Bankrott mit der Insolvenzverschleppung, Untreue und Beihilfe zum Bankrott gleich mehrere Strafbestände verwirklicht haben. Dazu die Höhe des Geldes, dass sie sich höchst aktiv selbst zugeschustert haben. Bei über sechs Millionen ist einfach keine Bewährung mehr drin.

Die "Schlecker-Frauen" sind die wirklichen Verlierer

Die sogenannten "Schlecker-Frauen", sie sind längst zum feststehenden Begriff für Tragik geworden. Die über 20.000 Mitarbeiterinnen, die in den zuletzt noch 8.000 Filialen der Drogeriemarktkette an den Kassen saßen, in engen Gängen die Regale sortierten und oft alleine die Läden hüten mussten. Ja, Schlecker hatte ihnen einst Arbeit gegeben, wofür sie dankbar waren. Aber dann hatte er sie eben auch im Regen stehen lassen. Als Schlecker in die Pleite ging, verloren die Angestellten ihre Jobs und standen vor dem Nichts, viele leben wohl heute noch von Hartz IV. Die "Schlecker-Frauen" waren die wirklichen Verlierer und sitzen bildlich betrachtet mit im Gerichtssaal als stumme Mahnung.

Anton Schlecker führte seinen Konzern mit zeitweilig über fünf Milliarden Euro Umsatz wie sonst kleine Krauter, als "eingetragener Kaufmann". Das heißt,  er hatte zwar allein das Sagen über das Firmenimperium, wusste aber ausdrücklich, dass er voll mit seinem Privatvermögen haftet, wenn etwas schiefgeht. Und da schaffte er eben noch Teile des Vermögens an seine Familie beiseite, offensichtlich während sich schon abzeichntet, dass sein Unternehmen in die Pleite schlingerte. Damit entzog Schlecker seinen Gläubigern Geld. Die werden im Insolvenzverfahren allenfalls einen kleinen Teil davon wiedersehen.

Den Schlecker-Kindern gehörte eine Logistikfirma namens LDG, die die Ware aus den Schlecker-Zentrallagern in die Filialen transportierte - und dafür zu viel Geld kassiert haben soll, was dann ebenfalls fehlte. Damit habe die Familie zu Unrecht dem Haupt-Unternehmen Millionen entnommen. So kam bei ihnen zum Bankrott auch noch Untreue als Straftat.

Anton Schlecker dürfte zufrieden sein

Das Gericht hat die Umstände minutiös aufgearbeitet. Und am Ende lief dann doch alles auf die einzige Frage hinaus. Bewährungsstrafe oder Gefängnis. Nun ist ein Strafprozess eine rein rechtliche Sache, Moral spielt eigentlich keine Rolle. Bleibt noch die Frage, ob die Urteile Bestand haben, oder ob es das Rechtsmittel der Revision geben wird. Bei den Schlecker-Kindern ist das Gericht fast exakt bei der Forderung der Staatsanwalt geblieben. Sie wird also hier keinen Anlass sehen, weiterzugehen. Ob die Ankläger für Anton Schlecker eine härtere Bestrafung verfolgen, muss sich zeigen.

Anton Schlecker selbst wird mit seinem Ergebnis zufrieden sein, es sei denn er wollte auf einen Freispruch hinaus. Seine Kinder werden sich vielleicht gegen die Haftstrafen wehren. Zuständig für die möglichen Revisionen ist der Bundesgerichtshof in Karlsruhe, bei dem es noch einmal spannend werden könnte. Zeitlicher Rahmen, vermutlich in einem Jahr.

Es ist ein Urteil der ersten Instanz. An den festgestellten Tatsachen ist in einer Revision nicht mehr zu rütteln. Stumme Ankläger bleiben weiterhin die "Schlecker-Frauen". Ihr früherer Arbeitgeber, der für sie öffentlich kein Mitgefühl zeigte, trägt ihre Schicksale auf den Schultern, sein Leben lang. Der Kaufmann aus Ehingen an der Donau, er haftet auch mit seinem Gewissen, in das er bislang keinem Einblicke gibt. Und er muss damit leben, dass er ein freier Mann bleibt, und seine Kinder seine Kinder büßen.

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