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Literatur-Nobelpreis 2019 wird zweimal vergeben

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Nach Vergewaltigungsskandal - Literatur-Nobelpreis 2019 wird zweimal vergeben

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Die Schwedische Akademie will mit der Doppelvergabe des Literaturnobelpreises den Skandal des Vorjahres hinter sich lassen. Ob das gelingt?

Nobelpreis
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Quelle: DPA

Die Nobelpreise für Medizin und Physik am Montag und Dienstag mussten sich noch jeweils drei Forscher teilen, der Literaturpreis und auch das Preisgeld von umgerechnet 830.000 Euro am Donnerstag dagegen werden gleich zweimal verliehen: Nach einem Vergewaltigungsskandal im Umfeld der Schwedischen Akademie, die den Preis auslobt, musste die Preisvergabe im vergangen Jahr verschoben werden.

Akademie in ihren Grundfesten erschüttert

Nun wird sie nachgeholt. Beobachter rechnen nicht mit umstrittenen Entscheidungen. Der Missbrauchs- und Vergewaltigungsskandal vor zwei Jahren und seine Folgen hatten die mehr als 230 Jahre alte Akademie in ihren Grundfesten erschüttert. Er enthüllte im Inneren der Hüterin der Kultur eine toxische Atmosphäre aus Intrigen, Interessenkonflikten, des Verschweigens und der Einschüchterung. Davon erholt sich die Akademie nur langsam.

Der Sturz aus dem Olymp begann im November 2017, als im Zuge der Weinstein-Affäre und von #MeToo bekannt wurde, dass ein der Akademie nahestehender Kulturfunktionär über Jahre hinweg 18 weibliche Mitglieder der Akademie, Frauen oder Töchter von Akademiemitgliedern und Mitarbeiterinnen belästigt oder missbraucht hatte. Jean-Claude Arnault war mit dem Akademie-Mitglied Katarina Frostenson verheiratet, besaß durch seine Kontakte großen Einfluss und ließ sich darüberhinaus ein von ihm geführtes Kulturinstitut mit hohen Summen von der Akademie sponsern. Der Franzose sitzt inzwischen eine zweieinhalbjährige Haftstrafe wegen Vergewaltigung ab, seine Frau verließ die Akademie.

Bitterer Machtkampf - öffentlich und gehässig

Der Umgang mit dem Skandal sorgte innerhalb der Akademie für großen Streit: Es entbrannte ein bitterer Machtkampf um das weitere Vorgehen, und die sonst so diskreten Mitglieder überhäuften sich öffentlich mit Gehässigkeiten. Sieben der 18 Mitglieder traten schließlich zurück, daraufhin war die Akademie nicht mehr beschlussfähig: Zum ersten Mal seit 70 Jahren musste die Ernennung des Literaturnobelpreisträgers deshalb im vergangenen Jahr verschoben werden.

Inzwischen hat sich die Akademie erneuert. Es gibt einen neuen Vorsitzenden, neue Mitglieder und neue Statuten, die künftig für mehr Transparenz sorgen sollen. Und es gibt zwei Literaturnobelpreise - es sei denn, "der Sieger oder die Sieger lehnen ab", weil der so prestigeträchtige Preis seinen Glanz verloren hat, wie die Literaturkritikerin Madeleine Levy vom "Svenska Dagbladet" sagt.

Wer als Favorit gehandelt wird

Wie jedes Jahr überschlagen sich die Spekulationen, wer diesmal den Zuschlag bekommt. Allerdings verraten die Namen, die kursieren, mehr über die Wunschliste der jeweiligen Experten als über die tatsächlichen Neigungen der Akademie. Zu den Anwärtern zählen laut Buchmachern und Experten die polnische Schriftstellerin und Aktivistin Olga Tokarczuk, die kanadische Dichterin Anne Carson, der kenianische Autor Ngugi Wa Thiong'o, Ismail Kadare aus Albanien, die französische Schriftstellerin mit karibischen Wurzeln, Maryse Condé, die experimentelle Autorin aus China, Can Xue, die russische Erzählerin Ljudmila Ulizkaja - sowie die Dauerbrenner Joyce Carol Oates aus den USA, Margaret Atwood aus Kanada und Haruki Murakami aus Japan.

Nach den Kontroversen der vergangenen Jahre wird allgemein damit gerechnet, dass die Akademie Streit aus dem Weg gehen und eine eher orthodoxe Wahl treffen wird. So wie mit Kazuro Ishiguro vor zwei Jahren: Der britische Schriftsteller japanischer Abstammung galt bei Fachleuten als Konsenskandidat - nach der äußerst umstrittenen Wahl seines Vorgängers: Als sich die Akademie 2016 für Musik-Poet Bob Dylan entschied, brachte sie fast alle Traditionalisten der Literaturwelt gegen sich auf. Akademie-Kenner Svante Weyler geht davon aus, dass einer der Preisträger zu den Lieblingen der literarischen Kreise zählen und der andere eher das breite Publikum ansprechen wird. In jedem Fall aber werde mindestens eine Frau darunter sein, sagt er - denn unter den 114 bisherigen Preisträgern waren nur 14 weiblich.

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