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Nach dem CL-Finale - Triumph und Tragödie

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Madrid gewinnt zum 13. Mal die Champions League. Doch den Sieg trüben Spekulationen um den Abschied von Gareth Bale und Cristiano Ronaldo. Liverpool hat ganz andere Probleme.

Gareth Bale und Cristiano Ronaldo am 26.05.2018 in Kiew
Gareth Bale und Cristiano Ronaldo
Quelle: imago

Neun lange Stuhlreihen waren in dem großen Saal im Erdgeschoss aufgestellt, der im Nationalen Sport Komplex (NSK) Olimpiyskiy von Kiew für die Pressekonferenz diente. Als Jürgen Klopp um weit nach Mitternacht von einer ukrainischen Journalistin zunächst ein Kompliment gemacht wurde ("You make the football better – Sie machen den Fußball besser"), grinste der Trainer des FC Liverpool noch einmal. Danach sollte er seine Gefühlslage nach der 1:3-Niederlage im Champions-League-Finale gegen Real Madrid beschreiben. "Wir wollten alles – wir haben nichts. Wir sind sogar in den Minusbereich gekommen mit der Verletzung von Mohamed Salah", konstatierte Klopp geknickt.

Aber weil der 50-Jährige das 1:3 (0:0) gegen Real Madrid in einem flirrenden Champions-League-Finale tapfer ertrug ("Ich fühle mich nicht gut, aber ich bin professionell"), prasselte viel Applaus auf den Teammanager vom FC Liverpool ein. Dann stand Klopp auf und ging. Es war ein starker Abgang eines besonderen Abends, der zur Legendenbildung taugte.

Loris Karius ist der einsamste Mensch von Kiew

So reich war dieses fast epische Ereignis an seinen Geschichten. Tragödien, Tränen und Triumphe: Nichts, was dieses größte Einzelevent nach dem amerikanischen Superbowl nicht hatte. Die besondere Tragik verkörperte der Landsmann von Klopp, der seinen Aufstieg in den Profibereich auch dem FSV Mainz 05 zu verdanken hat – und für den diese Bühne definitiv zu groß gewesen war: Loris Karius.

Zwei fast schon groteske Patzer waren dem an der Anfield Road nie unumstrittenen Torhüter unterlaufen, die unweigerlich die Debatte befeuern, ob der 24-Jährige der Richtige für die hohen Ansprüche am River Mersey ist. Beim 1:0 von Karim Benzema (51.) hatte Karius den Ball direkt auf die Fußspitze des Franzosen geworfen, was zu seinem Entsetzen in ein kurioses Gegentor mündete. Damit aber nicht genug: Als Gareth Bale aus weiter Distanz abzog, mutierte der Schlussmann zu "Mister Flutschfinger". Ihm rutschte die Kunststoffkugel beim 3:1 (83.) durch die Handschuhe, die Karius hinterher denn auch auf dem Feld zurückließ. Aber damit ließ sich der Makel eben auch nicht abstreifen.

Jürgen Klopp wird einen neuen Torwart holen

Nach diesem durch und durch missratenen Auftritt war er der wohl einsamste Mensch: Mit Schlusspfiff kauerte er am Torraum, die Arme ausgestreckt, den Kopf gesenkt, danach legte er sich bäuchlings hin. Kein Mitspieler kam. Erst sehr viel später trottete sein Torwarttrainer John Achterberg heran und versuchte sich an tröstender Aufbauarbeit: vergeblich. Karius nahm nur apathisch an der Siegerehrung teil, trottete hinterher, als die Liverpooler Spieler vor der Fankurve für die Unterstützung applaudierten. Er hob entschuldigend die Hände und weinte bitterlich. Kommentarlos stapfte Karius zum Bus.

Dafür sprach Klopp auf der Pressekonferenz Klartext: "Niemand will das. Die Fehler sind offensichtlich. Er weiß es, jeder weiß es. Wir müssen damit umgehen, er muss damit umgehen. Es war nicht seine Nacht." Es dürfte ausgemachte Sache sein, dass Liverpool die mit dem Endspieleinzug eingenommen Millionen zum Teil in den Kauf eines neuen Torwarts umleitet.

Cristiano Ronaldo löst ein Erdbeben aus

Überhaupt wird der Sommer-Transfermarkt noch viel Gesprächsstoff liefern, was an  Cristiano Ronaldo liegen dürfte, der mit der Vereinnahmung des Henkelpotts einen unverblümten Wechselwunsch ausstieß. So bildeten sich hernach in der Aufarbeitung um "CR7" die größten Reportertrauben. Denn "Decimotercera" -  der 13. Titel in der Königsklasse - war kaum perfekt, da erklangen Abschiedsworte vom Portugiesen.

"Es war sehr schön, bei Real Madrid zu spielen", hatte Ronaldo beim Sender beIN Sports gesagt. "Die Zukunft des Spielers ist in diesem Moment nicht wichtig. Ich werde erst zu den Fans sprechen, weil sie mich immer unterstützt haben." Worte, die einem Erdbeben im galaktischen Kosmos gleichkamen.

Präsident Florentino Perez wirkte verwundert: "Cristiano hat einen Vertrag, ich möchte nicht über irgendeinen Spieler spekulieren." Mitspieler Toni Kroos zeigte sich völlig überrascht: "Mir geht es gerade zu gut, um mich damit auseinanderzusetzen. Jeder hat seine eigenen Pläne und muss sich dann mit dem Klub auseinandersetzen."

Auch Gareth Bale will im Sommer weg

Trainer Zinedine Zidane wirkte hochgradig genervt, weil er spürte, dass nicht die Würdigung des Hattricks unter seiner Regentschaft in den Mittelpunkt rückte. "Er muss bleiben und er wird bleiben. Das ist meine Meinung", sagte der 45-Jährige fügte aber an: "Wir werden sehen, was passiert." Vermutlich noch eine ganze Menge, denn noch einer hatte klar bekundet, dass er keine Zukunft unter Zidane sieht: Gareth Bale, Schütze des sagenhaften Fallrückziehers zum vorentscheidenden 2:1 (64.).

"Ich muss jede Woche spielen. Ich werde mit meinem Berater sprechen und über meine Zukunft nachdenken", sagte der 28-jährige Waliser, der das Reservistendasein gestrichen satt hat. Er sei schon sehr enttäuscht gewesen, nicht von Anfang an aufzulaufen, bekundete der in seinem Stolz verletzte "Man of the match". Die Sommerpause – bei ihm ohne WM-Teilnahme – sei lang genug, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Hörte sich ganz so an, als ginge eine glorreiche Epoche bei Real Madrid fast mit dem Moment zu Ende, indem sie im NSK Olimpiyskiy ihre besondere Würdigung erfuhr.

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