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Grüne Wiesn - Wie nachhaltig ist das Oktoberfest?

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Ohne schlechtes Gewissen einen heben gehen? Auch die Planer der Münchner Wiesn sorgen sich ums Klima. Wie sieht die Öko-Bilanz des größten Volksfestes der Welt aus?

Kettenkarussel auf dem Oktoberfest
Kettenkarussel auf dem Oktoberfest
Quelle: reuters

Es sind geradezu dionysische Dimensionen: Letztes Jahr wurden auf der Wiesn 7,9 Millionen Maß Bier ausgeschenkt, 436.492 Brathendl verspeist und 48.132 Kilogramm gebrannte Mandeln verkauft. Auf den ersten Blick scheint das größte Volksfest der Welt also mehr Konsumrausch zu sein als die vielgepriesene beschauliche bayerische Tradition. Sechs Millionen Besucher sollen in den nächsten 16 Tagen auf die Münchner Theresienwiese kommen, 120.000 Gastplätze stehen dafür in den Zelten bereit. In Zeiten von SUV-Kritik und Flug-Scham muss die Frage erlaubt sein: Ist das Oktoberfest nicht eine ökologische Zumutung? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich "auf'd Wiesn" gehe?

Energie: Alles aus erneuerbaren Energien

Nachts ist alles hell erleuchtet, die Karussells und Achterbahnen brauchen von früh bis spät ordentlich Strom und die Hendl-Grille heizen im Akkord. 2.925.157 Kilowattstunden hat das Oktoberfest 2018 verbraucht, so viel wie 1.100 Haushalte im Jahr und 0,0004 Prozent des gesamten jährlichen Münchner Stromverbrauchs. Doch die Wiesn setzt komplett auf erneuerbare Energie. Alle Anbieter buchen dafür den "Ökostrom"-Tarif der Stadt München, und das schon seit 2012. Dazu kommt für alle Betriebe sogenanntes "Ökogas". Das ist zwar streng genommen ganz normales, konventionelles Erdgas, der CO2-Ausstoß wird aber mit Gegenmaßnahmen kompensiert.

Plastik und Alu: Kleinvieh macht auch Mist

Schon seit 1991 ist Einweg-Plastikgeschirr und -besteck auf der Festwiese verboten. Getränke gibt es, neben den Maßkrügen, nur in Mehrweg-Pfandflaschen. Alu-Verpackungen im "heißen" Straßenverkauf sind verpönt. Und weil Kleinvieh auch Mist macht, hat zum Beispiel das "Stiftl"-Zelt dieses Jahr eine Alternative zu Plastik-Trinkhalmen eingeführt: Die ist aus Zuckerrohr hergestellt und kompostierbar.

Glas: Sammelcontainer auf dem Gelände

Etwa 66 Tonnen Altglas fallen im Laufe der 16 Festtage an. Darunter sind zehntausende kaputte Bierkrüge. Die Wirte zahlen für Sammelcontainer direkt auf dem Gelände, das Glas wird recycelt.

Wasser: Auch Abwasser wird recyelt

Wer so viel Bier trinkt, muss es irgendwann auch wieder loswerden. 1.400 "Sitzplätze" gibt es in den Toilettenanlagen dafür. 107.184 Kubikmeter Wasser wurden der Wiesn vergangenes Jahr zugeführt – ein Teil davon wird recycelt. Das Abwasser aus den Krugspülanlagen beispielsweise läuft in sieben Zelten anschließend als Spülwasser der anderen Art durch die Toilettenanlagen.

Bio: Wer will, der kann

Es ist wie überall sonst in Deutschland: Der Großteil der auf der Festwiese verzehrten Speisen stammt immer noch aus konventioneller Produktion. Wer will, kann aber fast alles auch in Bio bekommen. Die Firma Zuckersucht liefert allein 50.000 regional produzierte Bio-Lebkuchenherzen. Die Ammer-Braterei serviert schon seit 1999 ausschließlich Biohendl - dieses Jahr rechnen sie mit 15.000 verkauften Stück. Fruchtspieße, gebratene Mandeln, Bratwürste, das Brotzeitbrettchen und sogar Popcorn in Bioqualität kann man auf der Wiesn finden, wenn man will.

CO2: Geld für Moore als Ausgleich

Bereits 2016 stand auf der Wiesn das erste klimaneutrale Festzelt. Letztes Jahr waren es zwei, dieses Jahr sind es immerhin schon acht, darunter auch zwei große: das Weinzelt mit 2.500 Sitzplätzen und das Hofbräu-Zelt mit 9.000 Sitzplätzen. Die Universität Augsburg hat für letzteres den CO2-Ausstoß mit 4,06 Kilogramm pro Hektoliter Wiesnbier berechnet. Der komplette Zeltbetrieb kommt auf einen Ausstoß von geschätzt 66 Tonnen CO2, was unter anderem mit der Renaturierung eines Moorgebiets im Chiemgau ausgeglichen wird. Auch bei den Karussells und Achterbahnen könne sich Besucher klimaneutral schwindelig drehen lassen: 14 Fahrgeschäfte gleichen ihren Footprint über Ausgleichsmaßnahmen aus - von "sauberen" Kochöfen in Peru über Biogasanlagen in Kenia bis hin zum Humusaufbau auf bayerischen Äckern.

Schon Wochen vor dem Oktoberfest sind die Umkleidekabinen in den Trachtenläden fast durchgehend besetzt. Was sind die Wiesn-Trends 2019?

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Jedes Jahr mehr

Der Nachhaltigkeitswille auf der Wiesn ist nicht immer ganz freiwillig. Denn bis auf die großen Brauereien müssen sich alle "Beschicker" jedes Jahr neu um ihren Standplatz bewerben. Für "ökologische Verträglichkeit" gibt es Zusatzpunkte, die darüber entscheiden können, ob man den Zuschlag bekommt oder nicht. Berücksichtigt werden bei Fahrgeschäften zum Beispiel die Verwendung von biologisch abbaubarem Hydraulik-Öl oder Energiesparmaßnahmen wie Solaranlagen und LEDs bei der Beleuchtung. Wer vorbildlich ist, hat also bessere Chancen, auf der Wiesn sein Geschäft machen zu dürfen. Und so werden die Anbieter nächstes Jahr sicher nochmal eine ordentliche Schippe Nachhaltigkeit drauf legen.

Brigitte Saar ist Reporterin im ZDF-Studio München.

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