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Nachterstedt in Sachsen-Anhalt - Zehn Jahre nach dem Erdrutsch

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Zehn Jahre ist es her, dass ein Erdrutsch am Concordia See in Sachsen-Anhalt drei Menschen das Leben kostete - jetzt ist er für Badegäste wieder geöffnet.

Es war 4:43 Uhr als uns Nachbarn aus dem Schlaf geschrien haben: Ihr müsst rauskommen die Häuser brechen weg.
Hans Fraust, Anwohner

"Es war 4:43 Uhr als uns Nachbarn aus dem Schlaf gerissen haben: 'Ihr müsst rauskommen, die Häuser brechen weg'," erinnert sich Hans Fraust. In Nachterstedt, das am Rande eines stillgelegten Tagebauwerks liegt, ereignet sich genau vor zehn Jahren ein Unglück, das den ganzen Ort verändert.

Am 18. Juli 2009 stürzen 4,5 Millionen Kubikmeter Erde in den See und reißen drei Menschen in den Tod. Von einer auf die andere Minute verschwinden auf einer Fläche größer als ein Fußballfeld ein ganzes Haus, eine Doppelhaushälfte, eine Straße und ein Aussichtspunkt in der Tiefe. Mitten in der Nacht müssen 41 Menschen binnen Minuten ihr Zuhause verlassen. Was sie da noch nicht wissen: Sie würden nie wieder in ihre Häuser zurückkehren.

Eine Zeit des Zusammenrückens

In kürzester Zeit sind die Bewohner obdachlos, ihr gesamtes Hab und Gut nur wenige Meter entfernt, für sie aber unerreichbar. Die gesamte Siedlung wird vom Technischen Hilfswerk (THW) und der Freiwilligen Feuerwehr gesperrt. Nur wenige Minuten haben sie Zeit, um Erinnerungsstücke und wichtige Dokumente aus den Häusern zu retten.

Karte mit der dem Ort Nachterstedt in Sachsen-Anhalt
Zehn Jahre ist es her, dass ein Erdrutsch am Concordia See in Sachsen-Anhalt drei Menschen das Leben kostete.
Quelle: ZDF

Die Betroffenen kommen nach dem Unglück in leeren Wohnungen einer Wohnungsbaugesellschaft und bei Verwandten unter. Es ist die Zeit, in der die Nachterstedter zusammenrücken: Wer von dem Unglück verschont wurde, spendet Geld, Haushaltsartikel und Kleidung. Die Solidarität aus dem gesamten Bundesgebiet hält über Monate an.

Teile eines eingestuerzten Hauses sind von einem Polizeihubschrauber aus zu sehen.
Was mit ihren Häusern passiert, blieb für die ehemaligen Bewohner lange ungewiss. (Archivbild)
Quelle: AP

Was mit ihren Häusern passiert, bleibt für die ehemaligen Bewohner lange ungewiss. Drei Jahre später, im Februar 2013 wird die gesamte Wohnsiedlung "am Ring" abgerissen. Damit wird der Weg freigemacht, um die Abbruchkante des Sees zu sanieren. Hans Fraust sieht an diesem Tag zu, wie sein früheres Haus dem Erdboden gleichgemacht wird.

Es ist schon ein schlimmer Moment, wenn man sieht, wie hier eine Geschichte Nachterstedts zu Ende geht.
Hans Fraust

Der 65-Jährige wirkt gefasst und hofft, dass mit dem Abriss auch einige der schmerzhaften Erinnerungen weiter wegrücken. "Es ist schon ein schlimmer Moment, wenn man sieht, wie hier eine Geschichte Nachterstedts zu Ende geht. Aber es ist sicherlich die beste Lösung für uns."

Erneuter Rückschlag bei den Sanierungsarbeiten

Erst vier Jahre nach dem Erdrutsch präsentieren zwei Gutachter der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft ihr Ergebnis zur Unfallursache. Demnach verläuft unter der Kohleschicht eine Grundwasserader, die damals unter hohem Druck stand. Das führte dazu, dass von dem nach oben steigenden Wasser eine Stützkippe weggespült wurde. Die Folge: ein geringes Erdbeben, das die Böschung einstürzen ließ.

Blick auf Wohnhaeuser an der Abruchstelle am Concordia-See in Nachterstedt.
Am 18. Juli 2009 stürzen 4,5 Millionen Kubikmeter Erde, eine Fläche größer als ein Fußballfeld, in die Tiefe. (Archivbild)
Quelle: dpa
Das war eine maximale Retraumatisierung. Es war unfassbar schlimm, das mitzukriegen.
Imke Wiesenberg

Während der Sanierungsarbeiten, als die Unglücksböschung abgeflacht und das Erdreich verdichtet wird, folgt dann der nächste Rückschlag. Im Juni 2016 rutscht in einem nicht sanierten Bereich auf mehreren Hundert Metern wieder Erde ab. Verletzt wird niemand, aber bei den Anwohnern weckt es schreckliche Erinnerungen.

Imke Wiesenberg verliert 2009 bei dem Unglück ihren Mann und sagt über den erneuten Erdrutsch: "Das war eine maximale Retraumatisierung. Es war unfassbar schlimm, das mitzukriegen."

Kann es einen Neuanfang geben?

Seit dem Erdrutsch ist der See für die touristische Nutzung gesperrt. Die Wiedereröffnung des Gewässers am vergangenen Samstag lässt viele Bewohner des Dorfs an einen Neuanfang glauben. Andere werden ihn für immer mit der Tragödie verbinden. So wie Imke Wiesenberg: "Gefühlsmäßig ist für mich dieser See ein Grab. Das Grab meines Mannes. Deshalb ist der See für mich kein Freizeitgebiet mehr."

Zehn Jahre nach dem tödlichen Erdrutsch am Concordiasee in Nachterstedt kann dort wieder gebadet werden.
Zehn Jahre nach dem tödlichen Erdrutsch am Concordia See in Nachterstedt kann dort wieder gebadet werden.
Quelle: zdf
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