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Nachttanzdemo gegen G20-Gipfel - "Noch nie eine so schöne Demo gesehen"

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Mit "Lieber tanz ich als G20" verläuft einer der größten Proteste gegen den Gipfel friedlich. Mindestens 11.000 Demonstranten ziehen zu wummernden Bässen durch Hamburg - und schaffen den Spagat zwischen klarer Kritik und Respekt gegenüber allen.

Übermorgen beginnt der G20-Gipfel, und für Hamburg bedeutet das eine enorme Kraftprobe. Neben friedlichen Protesten lassen einige Gewalteskapaden bereits erahnen, was da auf die Stadt zukommt. Gestern Abend kam es schwerwiegenden Krawallen.

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Mois, Momo und Brause sind gegen G20. Da lassen die drei Würzburger keinen Zweifel aufkommen. "Fuck Tronald Dump", steht auf dem Schild, das Mois hochhält. Und Momo sagt: "Trump ist ein Rassist, Faschist und Sexist - so ziemlich alles, was man ablehnen sollte." Außerdem: "Es ist einfach nicht richtig, dass die 20 wichtigsten Industrieländer die Welt unter sich aufteilen." Denn darum gehe es den G20 doch, sagt sie. Oder wie Brause es formuliert: "Die G20 treffen kaum Entscheidungen - und wenn, dann profitieren nur ganz wenige davon."

Die drei Studenten sind erst seit ein paar Stunden in der Stadt, Spaß haben sie aber jetzt schon. Ihre erste Demo in Hamburg ist "Lieber tanz ich als G20" - ein gigantischer Protestzug, der am Mittwochabend von den Landungsbrücken durch St. Pauli bis in die Neustadt zieht. Begleitet von bunten Motivwagen, aus deren Bässen Techno wummert, raven Tausende mit Mois, Momo und Brause durch die Straßen. Die Veranstalter sprechen von mindestens 20.000 Teilnehmern, die Polizei schätzt die Zahl auf 11.000 Raver.

Bunt, laut, friedlich

Das Besondere: Der Demo gelingt das, was anderen Aktionen bislang verwehrt blieb. Sie ist bunt, laut und friedlich, die Teilnehmer sind irgendetwas zwischen entspannt und euphorisch. Für viele Demonstranten ein wichtiges Zeichen - gerade nachdem zunächst ebenfalls ruhige Proteste wie das "Massencornern" an den ersten Demotagen ausarteten.

"Es ist super geil", findet Momo deshalb, und fügt hinzu: "Ich habe noch nie eine so schöne Demo gesehen." Die Polizei, die den Protest mit einem massiven Aufgebot in den Nebenstraßen absichert, halte sich angenehm zurück. "Das war in den letzten Tagen ja noch anders", wirft Brause ein. "Das Eingreifen war da ja zum Teil eine Schande für die Rechtsstaatlichkeit."

Von einer solchen Aggressivität ist bei der Nachttanzdemo nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Polizisten aus dem Kommunikationsteam, die den Protestzug anführen, finden den Rave "sehr friedlich und entspannt". Justus, ein Demonstrant aus Hamburg, nimmt bei allen Teilnehmern "Respekt" wahr - "Respekt gegenüber der Polizei, aber auch Respekt der Polizisten gegenüber uns". Und auf einem der Motivwagen heißt es "Fog the police" statt "Fuck the police". Nebelmaschinen und Techno statt Tränengas und Krawall.

Im Tanzen vereint

Das rührt auch Ronne Mübeck. Sie gehört zum Kollektiv "Allen alles", das "Lieber tanz ich als G20" ins Leben gerufen hat. Die Bewegung ist erst im Dezember entstanden, "aus der Lust heraus, kreativ und laut gegen G20 zu demonstrieren", wie Mübeck erzählt, die sich selbst als hedonistische Internationale bezeichnet. Ihr Ziel: "Eine Welt, in der alles allen ist. In der ich nicht in eine Schublade gesteckt werde. In der ich Mensch sein kann." Eine Utopie, wie sie selbst sagt. Aber eine, die zumindest ein bisschen Realität werde, wenn man in einem ersten Schritt beginne, gemeinsam dafür einzutreten.

Mübeck fasst das so zusammen: "Im Tanzen sind wir miteinander wie selten sonst in der Gesellschaft." Deshalb sei der Rave auch "so ein gutes Mittel, um die Ideen der Utopie zu vermitteln". Hier lebe man die Utopie, hier sei jeder für jeden verantwortlich, eine "solidarische Selbstverwirklichung" eben - so wie in einer "Gruppe guter Freunde".

Dass so viele von dieser Idee begeistert sind, begeistert auch Mübeck. "Das ist der Wahnsinn", sagt sie. Und hofft: "Die Masse der 20.000 zeigt vielleicht auch, dass Hamburg allen gehört, die in der Stadt sind." Gerade nach den Kontroversen um die Camps im Stadtpark sei das ein wichtiger Punkt.

Protest aus vielen Gründen

Was in einer Welt, in der alle für alle verantwortlich sind, wichtig ist, entscheiden die meisten Raver im Übrigen für sich. Die Vielfalt der Botschaften in der Menge ist gewaltig, fast jeder ist aus anderen Gründen gegen G20. Aber sie alle eint das gefühlt, auf einem insgesamt ungerechten Planeten zu leben.

Auch bei Momo, Mois und Brause ist das so. Klar, da sei der große Grund, sagen sie - die Botschaften von Präsidenten wie Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan nicht unausgesprochen stehen zu lassen. Aber sie alle haben auch einen weit persönlicheren Grund, um in Hamburg ihre Stimme gegen G20 zu erheben. "Wir haben viele Freunde aus Afghanistan", sagt Momo. "Vielen droht die Abschiebung. Dass wir hier sind, das ist auch wegen ihnen."

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