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US-Ausstieg aus Atomabkommen - Gary Sick: "Es ist ein gewagtes Glücksspiel"

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Die Entscheidung, aus dem Atomdeal auszusteigen, sei lange geplant, sagt Gary Sick, Nahost-Experte an der Columbia-University. USA und Israel würden da eng zusammenarbeiten.

Golanhöhen: Iran verurteilt israelische Angriffe in Syrien
Golanhöhen: Iran verurteilt israelische Angriffe in Syrien
Quelle: reuters

heute.de: Wenige Stunden nachdem Präsident Trump den Ausstieg der USA aus dem Atomdeal mit dem Iran verkündet hat, sind im Nahen Osten Bomben gefallen. Iranische Truppen feuerten Raketen auf israelische Stützpunkte ab, Israel schlug zurück. Ist das der Anfang des gefürchteten Kriegs?

Gary Sick: Der Ausstieg bringt uns einem Krieg im Nahen Osten tatsächlich einen Schritt näher. Und diese Konflikt-Verschärfung war sozusagen mit eingeplant bei der Entscheidung, aus dem Abkommen auszusteigen. Zur Erinnerung: Vor fünf Jahren, bevor es das Atomabkommen gab und Iran sein Nuklear-Arsenal ausbaute, wurde täglich von Krieg gesprochen. Zwischen den USA und Israel einerseits und dem Iran andererseits. Der Iran Deal stoppte die Kriegs-Diskussion. Dadurch, dass die USA das Abkommen nun aufgekündigt haben, liegt diese Option erneut auf dem Tisch. Und offenbar entwickelt sich alles sehr schnell in diese Richtung.

heute.de: Einige Experten haben darauf hingewiesen, dass es auffällige Ähnlichkeiten gibt zwischen der aktuellen Iran-Politik Präsident Trumps und der Vorbereitungsphase des Irakkriegs 2003. Einige Berater von Präsident Trump sind die gleichen Leute, die damals im Weißen Haus gearbeitet haben.

Sick: Das ist richtig. Vor allem John Bolton, der neue Sicherheitsberater im Weißen Haus, war ein überzeugter Verfechter der Irakinvasion. Er argumentierte damals für den Krieg mit dem Hinweis auf Massenvernichtungswaffen. Und genau das passiert heute erneut: Geheimdienstinformationen werden missbraucht, um einen Militärschlag gegen den Iran zu rechtfertigen.

Bolton argumentiert seit Jahren für eine Bombardierung des Iran. Das ist kein Geheimnis. Wenige Wochen vor seiner Berufung ins Weiße Haus hat er bei einer Veranstaltung von radikalen Exil-Iranern versprochen, das Regime in Teheran zu stürzen. Das muss man ernst nehmen! Er hatte damals im Irak unrecht und ich denke, er hat auch heute im Hinblick auf den Iran unrecht.

heute.de: Welche Rolle spielen die Europäer im Nahen Osten? Können sie den Konflikt entschärfen?

Sick: Zwei Faktoren sind zentral. Erstens: wie verhält sich die EU? Es war ein Schlag ins Gesicht der europäischen Alliierten, als Trump den Iran-Deal aufgekündigt hat. Die Frage ist, halten die Europäer an ihren Beziehungen mit dem Iran fest, trotz der Drohung der USA, Sanktionen gegen europäische Firmen zu verhängen. Wie die Europäer reagieren, ist eine sehr, sehr wichtige Frage.

Zweite wichtige Frage: Wie verhält sich China? Peking ist ein Hauptimporteur von iranischem Öl. Die Handelsbeziehungen mit dem Iran haben sich in den vergangenen Jahren intensiviert. Ob China bei den Sanktionen der Amerikaner mitzieht, ist sehr zweifelhaft.

heute.de: Die USA haben also möglicherweise Europa und China gegen sich?

Sick: Wenn die Europäer tatsächlich beschließen, sich gegen die USA zu stellen, wäre das ein bemerkenswerter Wandel in den transatlantischen Beziehungen. Und wenn China die Gelegenheit nutzt, seinen Einfluss gegen die USA auf internationaler Ebene einzusetzen, könnte das eine erhebliche Schwächung der USA bedeuten. Das würde die internationalen Beziehungen - wie wir sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kennen - radikal verändern.

heute.de: Ist Präsident Trump tatsächlich bereit, dieses Risiko einzugehen?

Sick: Das Weiße Haus setzt darauf, dass sich weder Europa noch China am Ende tatsächlich gegen die USA stellen. Wenn es hart auf hart kommt, hofft Trump, werden alle mit Rücksicht auf eigene Interessen an der Seite der USA bleiben. Das ist allerdings ein gewagtes Glücksspiel.

heute.de: Die Russen scheinen diejenigen zu sein, die von dem Ausstieg der USA aus dem Iran-Deal am meisten profitieren …

Sick: Zunächst einmal steigt der Ölpreis, das ist für Putin sehr wichtig. Und: Die Russen haben eine starke Position in diesem Konflikt wegen ihrer guten Beziehungen zum Iran. Die Russen lieben den Iran zwar nicht unbedingt und sie vertrauen ihm auch nicht wirklich. Es ist eher eine Zweckehe. Aber es ist ein nützlicher Hebel im Hinblick auf die USA. Wenn sie ihre Beziehungen zum Iran nutzen können, um Druck auf die USA und Israel in Syrien auszuüben, tun sie das.

heute.de: Sollten die Sanktionen greifen und die aktuelle Regierung in Teheran stürzen, was würde das für die künftigen Beziehungen zum Iran bedeuten?

Sick: Falls es zu einem politischen Wechsel kommt, wird das Ergebnis keines sein, das der Westen gutheißt oder begrüßt. Reformer wie Rohani müssten gehen und es würde höchstwahrscheinlich eine Rückkehr der Revolutionären Garden geben und möglicherweise zu einer Militärdiktatur kommen. Die Regierung, die wir dann im Iran hätten, wäre auf jeden Fall weniger kooperativ und offen für einen Wandel.

Das Interview führte Maya Dähne.

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