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Branche im Zwielicht - Automobilbau: Riesen im Straucheln

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Der Automobilbau ist die wichtigste Industriebranche in Deutschland. Umso gravierender sind die Folgen anhaltender Affären, die Hunderttausende Jobs gefährden. Die Politik ist inzwischen aufgeschreckt und will zunächst mit einem "Nationalen Forum Diesel" die Branche von der schiefen Bahn holen.

In Berlin beraten Autobauer und Politik über Möglichkeiten, den Schadstoffausstoß von Diesel-Fahrzeugen zu verringern. Nach dem Abgas-Skandal ist besonders die Auto-Industrie gefordert, ihre Fehler zu beheben.

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Wenn sich die Chefs der deutschen Autoindustrie am heutigen Mittwoch mit hochrangigen Vertretern der Politik zum so genannten "Nationalen Forum Diesel" treffen, dann geht es vordergründig darum, fast zwei Jahre nach Bekanntwerden der Abgas-Affäre endlich die Schadstoffemissionen zu senken. Aber es geht noch um viel mehr: Schließlich steht durch das bisherige Versagen der Autokonzerne die größte deutsche Industriebranche in Verruf. Das Fehlverhalten könnte Hunderttausende Jobs kosten.

Autobau beschäftigt fast zwei Millionen Menschen in Deutschland

Nahezu zwei Millionen Arbeitsplätze hängen in Deutschland direkt oder indirekt vom Autobau ab. Nach aktuellen Angaben des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sind es konkret etwa 830.000 Jobs in der Produktion von Autos und Autoteilen und noch einmal 1,1 Millionen weitere Jobs in der Kunststoff-, Metall- und Chemieindustrie.

"Das Schicksal von etwa fünf Prozent der Beschäftigten ist eng mit dem Autobau verbunden", sagt Christian Rammer, Projektleiter im Forschungsbereich Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik des ZEW. "Das ist ein weltweit einmalig hoher Wert."

Läuft’s bei den Großen nicht rund, kommen auch die Kleinen ins Stottern

Rammer verweist im selben Atemzug auf den "besonders hohen Multiplikatoreffekt der Autobranche". Das heißt: Die Autohersteller sind mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen aus diversen Branchen vernetzt. "Geht es den großen Autokonzernen schlecht, geht es auch den Zulieferern schlecht", so Rammer. Viele dieser Firmen produzierten inzwischen hochspezialisierte Komponenten für die Autohersteller.

"Wenn etwas nicht rund läuft bei den Autokonzernen, dann stottert der Betrieb auch an vielen anderen Stellen", sagt Rammer. Internationale Konzerne wie etwa der Chemieriese BASF, der einen Milliardenumsatz mit der Autobranche macht, könnten sich noch umstellen. "Aber bricht für die kleinen und mittleren Betriebe mit 50 bis 200 Mitarbeitern ein Auftrag weg, hat das gravierende Folgen für das Unternehmen", so Rammer.

Automobilhersteller fast überall ganz vorn

Vor einigen Jahren verfasste der Wissenschaftler gemeinsam mit anderen Autoren des ZEW und des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung eine bislang einzigartige Studie zur Bedeutung der Automobilindustrie für die deutsche Volkswirtschaft. Das überdurchschnittliche Gewicht der Branche für die gesamte Wertschöpfung in Deutschland habe inzwischen noch zugenommen, sagt Rammer.

Der Automobilbau sei nicht nur Nummer eins mit Blick auf die Beschäftigungszahlen in der verarbeitenden Industrie, sondern auch bei den Aktivitäten in Innovation sowie Forschung und Entwicklung, bei den Anlage- und Direktinvestitionen sowie bei den Importen und Exporten. Ein Blick auf die Umsätze der wichtigsten Industriebranchen in Deutschland unterstreicht das Schwergewicht des Kraftfahrzeugbaus.

Kraftfahrzeugbau umsatzstärkste Industriebranche in Deutschland

Mit knapp 405 Milliarden Euro war dieser 2016 unangefochten auf Position eins vor dem Maschinenbau mit fast 220 Milliarden Euro und der Chemisch-pharmazeutischen Industrie mit knapp 189 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das Bauhauptgewerbe machte im gleichen Zeitraum etwa 107 Milliarden Euro Umsatz.

Aus diesen Zahlen wird deutlich, was in der Auto-Krise auf dem Spiel steht. Eine fortwährende Diesel-Affäre plus Erhärtung der Kartell-Vorwürfe, wonach die Autokonzerne untereinander illegal Technik und Preise abgesprochen haben sollen, könnten Wirtschaft und Politik noch stärker in die Bredouille bringen. Wirtschaftsethiker fordern deshalb mehr Härte im Umgang mit der Automobilbranche.

Wirtschaftsethiker begrüßt Sammelklagen gegen Autohersteller

Schließlich hätten die Konzerne von der Politik einen Vertrauensvorschuss bekommen und zu wenig zurückgegeben, sagt Christoph Lütge, Inhaber des Peter Löscher-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Technischen Universität München. Im Gegenteil: "Die Akteure fühlen sich in Deutschland zu sicher und haben keine Angst vor Konsequenzen aus ihrem Fehlverhalten." Er sieht deshalb in geplanten Sammelklagen "ein richtiges Mittel, um die Konzerne auch hierzulande künftig stärker unter Druck zu setzen".

Mit Blick auf die Kartell-Vorwürfe erinnert der Wirtschaftsethiker daran, dass ein funktionierender Wettbewerb essentiell sei für eine funktionierende soziale Marktwirtschaft. "Er setzt Anbieter unter Druck und ermöglicht Innovationen", so Lütge: "Die deutsche Automobilwirtschaft ist auf dem Holzweg und gerät völlig auf die schiefe Bahn, wenn sie glaubt, dass sie den Wettbewerb nicht nötig hat."

"Zu lasch mit den Kontrollen – das muss sich ändern"

Für Ausnahmeregeln im Umgang mit der Branche, die oft als "Kernindustrie für Deutschland" bezeichnet wird, zeigt Lütge kein Verständnis. "Jede Branche muss sich an die Regeln halten, sonst könnten wir uns ja gleich sämtliche Kontrollinstanzen sparen." Das Beispiel "des jahrelangen Versagens des Kraftfahrzeug-Bundesamts" zeige auch, "dass wir hierzulande zu lasch sind mit den Kontrollen", so Lütge. "Da wird gern so getan, als wären wir eine große Familie und es passt dann schon. Das muss sich ändern."

Lütge, der seit 2016 Mitglied der Ethik-Kommission "Automatisiertes und Vernetztes Fahren" des Bundesverkehrsministeriums ist, warnt auch mit Blick auf den Technologiewandel vor einer "falschen Zurückhaltung bei der Wettbewerbskontrolle". Kontrollversagen behindere Innovationen.

Konkurrent Tesla treibt deutsche Autohersteller an

Für Druck von außen sorgt mit Tesla derweil ein US-amerikanischer Konkurrent, der auch auf den europäischen Markt drängt. Aus Sicht des Wirtschaftsexperten Christoph Lütge eine Entwicklung, die auch den deutschen Autoherstellern und den dort Beschäftigten auf Dauer helfen wird: "Wir können Elon Musk und Tesla dankbar sein, dass es nun bei der Elektromobilität einen ernsthaften Konkurrenten gibt, der die deutschen Anbieter aufschreckt und antreibt. Zu lange ist das Thema vernachlässigt worden. Zu gut liefen ja die Geschäfte mit den herkömmlichen Technologien. Aber wer sich Innovationen verschließt, gefährdet Arbeitsplätze."

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