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Wassernot in Venezuela - Zum Waschen müssen Menschen ins Gebirge

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Da sie zuhause kein fließendes Wasser haben, strömen Hunderte Venezolaner täglich in den Nationalpark El Ávila um sich und ihre Kleidung zu waschen. Umweltschützer schlagen Alarm.

Frauen baden in einem Fluß
Jeden Tag strömen Hunderte Menschen, die kein fließendes Wasser haben, aus der Stadt Caracas das Gebirge El Ávila hinauf. Hier baden sie, waschen ihre Wäsche und versorgen sich mit Trinkwasser.
Quelle: ap

Seit Generationen dienen die baumbedeckten Hänge des El Ávila als grüne Lunge für Caracas. Angesichts von Stromausfällen, die das Leben im Krisenland Venezuela immer mehr lahmlegen, nutzen die Bewohner den Berg nun auf ganz andere Weise: als öffentliches Bad.

Jeden Tag strömen Hunderte Menschen, die kein fließendes Wasser haben, auf gewundenen Pfaden aus der Stadt das Gebirge Ávila hinauf. Dort nehmen sie ein Bad, waschen ihre Wäsche oder füllen sich Wasser für Zuhause ab. Zum Entsetzen von Umweltschützern, die irreversible Schäden befürchten, türmen sich an den Hängen und Bachläufen inzwischen Shampoo- und Wasserflaschen, Kartons und alte Kleidung.

Baden, Wäsche waschen, Trinkwasser abfüllen

Erschwerend kamen in den vergangenen Wochen Waldbrände hinzu, die breite Streifen des ausgedörrten Berges schwer beschädigten. Dem Gebiet, das vor sechs Jahrzehnten zum Nationalpark erklärt worden war, drohen langfristige Umweltschäden.

Ich hätte mir nie vorstellen können, das hier einmal zu tun.
Gorge Eglis Escalante, aus Caracas

Gorge Eglis Escalante und seine Tochter aus dem Viertel Chacaíto schleppen einen pinkfarbenen Wäschekorb voller Schmutzwäsche zu einer abgeschiedenen Stelle auf dem Ávila. Aus ihren Wasserhähnen kommt seit knapp einem Monat kein Tropfen mehr.

"Ich hätte mir nie vorstellen können, das hier einmal zu tun", sagt Escalante, ein Schulbusfahrer, während er ein Hemd in einen Eimer mit Bachwasser und Waschmittel tränkt. "Dafür müssen wir uns bei der Regierung bedanken."

So wie ihn zieht es jeden Tag Hunderte Bewohner der überfüllten venezolanischen Hauptstadt in den 81.800 Hektar großen Park, seitdem am 7. März die Energieversorgung zusammenbrach. Der Strom fiel ebenso aus wie das Pumpensystem, das die Haushalte mit Wasser versorgt.

Nationalpark ist Heimat von Hunderten Tieren

Der landesweite Stromausfall, dem weitere folgten, fällt zusammen mit dem Machtkampf zwischen Präsident Nicolás Maduro und dem selbsterklärten Übergangsstaatschef Juan Guaidó. Die Opposition macht für den wirtschaftlichen Kollaps Missmanagement und Versagen der sozialistischen Regierung verantwortlich. Mit Unterstützung der USA und etwa 50 weiterer Staaten will sie Maduro stürzen.

Strommasten an den Hängen des Ávila
Hänge des El Ávila
Quelle: imago

Der Nationalpark am Ávila ist unter dem indigenen Namen "Waraira Repano" oder als "Sierra Grande" bekannt. Dort leben Dutzende Vogel- und andere Tierarten wie Opossums, Fledermäuse, Eichhörnchen, Pumas, Füchse, Stachelschweine und Rotwild. Die Wildtiere sind auf das Wasser aus den Bächen angewiesen. Sie bauen ihre Nester und Höhlen in dem weitläufigen Gebiet aus Bäumen und Sträuchern, in das nun Menschen eindringen.

Es ist ziemlich kalt. Aber da muss man durch.
Jonathan López, aus Caracas

Jonathan López kam vor zwei Wochen zum ersten Mal zum Baden auf den Ávila, wie er erzählt. Auch heute steht er wieder bis zu den Oberschenkeln im Nass und schöpft sich Wasser über Kopf und Körper, um die Seife abzuspülen. "Es ist ziemlich kalt", sagt López über sein Bad im kristallklaren Fluss Chacaíto. "Aber da muss man durch." Neben der Erfrischung nimmt sich der Verkäufer hier auch Wasser mit nach Hause, seit sein armes Viertel am 23. Januar von der Stromversorgung abgeschnitten wurde.

Auch ein Stück weiter füllt sich ein dünner Mann in Jeans und hellblauem Sweatshirt Wasser in Plastikflaschen ab. Dann öffnet er den Reißverschluss seiner Hose und versucht, unbemerkt in den Fluss zu urinieren.

Hohes Risiko für Waldbrände

José Manuel Silva, Direktor der Umweltschutzstiftung Venezuela Verde, warnt vor einem hohen Risiko für den Berg aufgrund der vielen Menschen und der Waldbrände. "Das hat große Auswirkungen auf den Ávila", sagt er. Doch wegen der Wirtschaftskrise gebe es kaum Möglichkeiten, etwas zum Schutz des Parks zu tun, erklärt Silva. Die Behörden hätten die Zahl der Parkranger und Feuerwehrleute drastisch reduzieren müssen. Zudem sei es unmöglich, die Menschen von der Suche nach Wasser abzuhalten, einem menschlichen Grundbedürfnis.

Am Ávila läuft derweil ein Mitarbeiter des Nationalpark-Instituts seine Runden. Es sei den Behörden bewusst, dass sich hier der Müll stapele und die Umwelt geschädigt werde, sagt der Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Allerdings sei seine Arbeit inzwischen darauf beschränkt, zu gewährleisten, dass auf dem Berg die Wassersuchenden "nicht überhandnehmen".

"Man weiß die Dinge nicht wirklich zu schätzen, bis man sie verliert.
Jonathan López

Auch Verkäufer López sorgt sich um das Schicksal des beliebten Parks. In der Nähe seiner Badestelle hat jemand alte Klamotten im Gebüsch zurückgelassen. Selbst seine Seife und sein Waschmittel tragen zur Umweltverschmutzung bei. Er habe aber kaum andere Möglichkeiten, sich zu waschen, sagt López. "Man weiß die Dinge nicht wirklich zu schätzen, bis man sie verliert."

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