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Arbeit in der Pflege - "Natürlich sind wir jetzt eine Familie"

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In Deutschland fehlen Zehntausende Pflegekräfte, zu wenige wollen in diesen fordernden Beruf. Dabei ist die Arbeit viel schöner als ihr Ruf - und eine dankbare dazu.

Pflegekraft und Seniorin in Altenheim
Eine fordernder Beruf, aber dankbar: Für manchen ist die Pflege ein Herzensjob.
Quelle: dpa

Manchmal schellen die Bedürfnisse im Sekundentakt bei ihr. Dann läutet es aus dem Piepser in ihrer Tasche, und auf dem Display leuchten Zimmernummern auf. Während der eine vielleicht aufs Klo muss, braucht die andere Hilfe, um aus dem Bett zu kommen. "Wenn fünf Bewohner klingeln, muss man Prioritäten setzen. Dann muss man vieren sagen, dass man später kommt", sagt Dagmar Bornschein, Pflegedienstleiterin in der Pro Seniore Residenz Frankenhöhe in Mainz. Seit 43 Jahren arbeitet sie in der Altenpflege. Seit 43 Jahren hilft sie Senioren beim Waschen und Anziehen, macht Betten und reicht dort Essen, wo die Hände langsam zittrig werden oder das Ziel einfach nicht mehr finden wollen.

"Ich bin nach der Schule Pflegerin geworden, weil das mein Traumberuf ist", sagt sie ein halbes Leben später. Sie wollte eine Beziehung zu Menschen aufbauen. Im Krankenhaus sehe man die Patienten nur kurz, in der Altenpflege dagegen sogar manchmal für Jahrzehnte.

Zu wenige junge Menschen haben heute diesen Traum wie Bornschein einst. Aktuell gibt es laut Familienministerin Franziska Giffey 38.000 offene Stellen, wobei auf 100 Stellen aber nur 26 Fachkräfte arbeitslos gemeldet seien. Die Bundesregierung hat das Problem mittlerweile erkannt. Mit dem vom Bundestag verabschiedeten Pflegepersonal-Stärkungsgesetz sollen unter anderem 13.000 neue Stellen in der stationären Altenpflege geschaffen werden - vollständig bezahlt von der gesetzlichen Krankenversicherung. Heute hat die Bundesregierung zudem weitere Schritte angekündigt, um mehr Menschen für eine Ausbildung in der Pflege zu gewinnen.

Schlechtes Image, schwierige Bedingungen

Hört man sich unter Pflegekräften um, woran das liegt, geht es immer wieder um das negative Bild, das viele Außenstehende von dem Beruf haben. "Die Altenpflege hat noch weniger Anerkennung als die Krankenpflege", sagt Daniela Tarnow-Wunderlich, Leiterin der Alloheim Senioren-Residenz "Ullsteinstraße" in Berlin. "Das ist ein gesellschaftliches und politisches Problem. Da muss eine Gleichstellung stattfinden - in den Köpfen und bei der Bezahlung", fordert sie.

Seit knapp einem halben Jahr begleitet das ZDF eine Klasse angehender Altenpfleger in Brandenburg.

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Trotzdem ist es nicht nur die Anerkennung, die potenzielle Azubis abschreckt. Arbeitszeiten mit Früh-, Spät- und Nachtschicht helfen ganz sicher nicht, den Berufswunsch Altenpflege entstehen zu lassen. Auch die Kinderbetreuung zu organisieren, ist in dem Job nicht immer leicht: "Die können dann einfach den Dienst nicht machen, und dann bekomme ich ein Personalproblem", so Tarnow-Wunderlich. Zudem habe sich die Arbeit in den letzten Jahren verdichtet, die Bürokratie sei trotz neuer Dokumentationssysteme größer geworden. "Die Digitalisierung ist in den Pflegeheimen noch nicht angekommen", sagt sie. Sie wünscht sich Tablets oder Smartphones, um erbrachte Leistungen schneller zu dokumentieren - im Moment müssen die Pflegekräfte die Daten am Ende des Tages in einen Computer tippen.

"Mit denen auch mal Spaß machen"

Zur körperlichen Belastung, dem Heben und ständigen Gebeugt-sein, kommen psychische Herausforderungen wie der Stress und die Verantwortung - und Momente, die den Pflegenden sehr nah gehen können: "Da gibt es ja auch Schicksalsschläge für die Bewohner. Und wenn man sie vielleicht über viele, viele Jahre gepflegt und lieb gewonnen hat, dann ist das auch für uns eine Belastung", sagt Bornschein. Und manchmal müsse man Angehörigen auch die Nachricht überbringen, dass einer ihrer Lieben verstorben ist.

Und dennoch sei der Beruf ein schöner, findet Bornschein. Ihr liebster Teil des Tages sei gleich nach den Mahlzeiten. Dann habe sie Zeit, mit den Bewohnern zu reden, "mit denen auch mal Spaß zu machen", sagt sie. Das sind die Momente, in denen sie erfährt, welche Geschichten hinter den Menschen stehen. Die Dankbarkeit, die man erlebe, sei groß. "Es gibt Bewohner hier, die habe ich seit 21 Jahren. Wir sind acht Stunden hier, die Angehörigen vielleicht nur eine Stunde", sagt sie. "Natürlich sind wir jetzt eine Familie."

An der Pflegeschule Paulinenaue in Brandenburg ist der Funken zur Liebe zu diesem Beruf schon übergesprungen. "Ich möchte halt einfach den Menschen den letzten Lebensabschnitt so schön wie möglich gestalten", sagt Pflegeschülerin Patricia Kamer, die noch am Anfang ihrer Ausbildung steht, dem ZDF-Mittagsmagazin. Ihre Schwester Ria ergänzt: "Mich macht es auch glücklich, die alten Leute lachen zu sehen - mit denen zu reden, zu spielen, alles drum und dran."

Schülern und allen anderen, die am Pflegeberuf interessiert sind, empfiehlt Residenz-Leiterin Bornschein, unbedingt ein Praktikum zu machen, so wie sie selbst vor vielen Jahren. "Denn der Beruf ist anders als die Meinung, die viele davon haben."

Altenpflege in Deutschland

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