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Wenn Medikamente süchtig machen

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Nebenwirkung Abhängigkeit - Wenn Medikamente süchtig machen

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Was vom Arzt verschrieben oder rezeptfrei in der Apotheke gekauft wird, soll gesund machen - eigentlich. Doch es macht Millionen Menschen in Deutschland abhängig und krank.

Fast zwei Millionen Deutsche sind von Medikamenten abhängig. Das sind mehr Betroffene als Alkoholabhängige. Hinzukommen bis zu 9 Millionen, die regelmäßig Medikamente missbrauchen. Wenn die in der Verpackungsbeilage genannte Dosierung und/oder Einnahmedauer überschritten wird, gilt das als Missbrauch.

Wir wissen ja heutzutage, dass das Ibuprofen bei weitem nicht so ungefährlich ist, wie man es lange angenommen hat.
Schmerztherapeut Jan-Peter Jansen

Bis vor fast einem Jahrzehnt war Gerhard Fischer einer von den rund 9 Millionen Betroffenen. Der ehemalige Kraftfahrer leidet seit Anfang der Neunzigerjahre unter Bandscheibenschmerzen. Seine damaligen Ärzte verordneten ihm Ibuprofen, den in Deutschland aktuell meist angewendeten Wirkstoff. Sein heutiger Schmerztherapeut Jan-Peter Jansen sagt: "Wir wissen ja heutzutage, dass das Ibuprofen bei weitem nicht so ungefährlich ist, wie man es lange angenommen hat." Das heißt, so Jansen, es kann zu hohem Blutdruck führen, es kann die Niere schädigen, das ganze Kreislaufsystem, das Herz auch und natürlich den Magendarmtrakt massiv beeinträchtigen.

Missbrauch wird unterschätzt

Gerhard Fischer
Gerhard Fischer: Zwei Herzinfarkte und ein Darmdurchbruch durch Ibuprofen
Quelle: Matthias Neumann

Täglich nahm Gerhard Fischer das Mittel in der Höchstdosierung ein. Wenn die Schmerzen zu stark waren, oft auch eigenverantwortlich mehr. "Ich kann das Zeug schlucken", sagt er, "Vitaminbonbons". Vor fast zehn Jahren dann der Wendepunkt: Gerhard Fischer erleidet zwei Herzinfarkte und später einen Darmdurchbruch. Der jahrelange Missbrauch von Ibuprofen sei wahrscheinlich einer der Gründe dafür gewesen, sagen ihm die Ärzte heute. Die Gefahr der Nebenwirkungen auf die Organe hat Gerhard Fischer unterschätzt. Die Folgen waren fatal.

Der Pharmakologe Gerd Glaeske meint, dass unter anderem die falsche Medikation und fehlerhafte Diagnosen Missbrauch begünstigen würden. Das sei auch im Fall von Abhängigkeit so. Frauen in den Wechseljahren beispielsweise bekämen Rezepte für Beruhigungs- und Schmerzmittel mit bestimmten Wirkstoffen. "Das sind oftmals Benzodiazepine", so Glaeske. "Oder heute bei den Schlafmitteln sogenannte Z-Drugs. Und bei all diesen Mitteln wissen wir, dass sie relativ rasch zur Abhängigkeit führen."

Die stille Sucht

Ein Arzt sagte zu mir, Frau Fornalczyk, das Rezept liegt vorne. Sie stehlen mir die Zeit.
Annette Fornalczyk

Die Symptome sind schwer zu erkennen und so bleibt Medikamentenabhängigkeit vom Umfeld der Betroffenen lange unbemerkt. Annette Fornalczyk war eine von rund zwei Millionen Abhängigen. Als ihre Rheumaschmerzen zu stark wurden, ging sie zu verschiedenen Ärzten, die ihr Benzodiazepine verschrieben. Ein Teufelskreis der Sucht begann.

Annette Fornalczyk
Nahm bis zu 50 Tabletten täglich, musste einen Entzug machen: Annette Fornalczyk
Quelle: Matthias Neumann

Sie war über zwei Jahrzehnte abhängig und nahm zu Höchstzeiten bis zu 50 Tabletten täglich. Nach ihrem Entzug kritisiert sie heute die fehlende Zeit der Ärzte, um sie ausführlich zu beraten und vor den Risiken zu warnen. "Ein Arzt sagte zu mir, Frau Fornalczyk, das Rezept liegt vorne. Sie stehlen mir die Zeit."

Einer Studie zufolge nehmen sich Allgemeinmediziner pro Patient rund 7,6 Minuten Zeit. Wichtige Informationen bezüglich des Krankheitsverlaufs und möglicher Nebenwirkungen bleiben dadurch schnell nicht ausreichend beachtet oder ganz auf der Strecke.

Folgekosten der Medikamentensucht: 14 Milliarden Euro

Eine spezifisch auf nicht abhängig machende Medikamente ausgerichtete Fördermaßnahme hat das BMBF nicht aufgelegt.
Antwort des BMBF

An der Berliner Charité forscht Christoph Stein daran, Schmerzmittel ohne Abhängigkeitsrisiko herzustellen. Doch die Pharmaindustrie investiere nicht in diese Forschung. Steins Anträge auf finanzielle Mittel für notwendige klinische Tests lehnte auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung ab. Auf Nachfrage des ZDF antwortet das Ministerium, dass bei Anträgen dieser Art diverse Kriterien geprüft würden, eine Förderung dieser Art bisher aber nicht bewilligt worden sei.

Die Folgekosten der Medikamentensucht für das Gesundheitssystem belaufen sich auf 14 Milliarden Euro. Bereits 2008 ging das aus dem Drogenbericht der Bundesregierung hervor. Seit zehn Jahren gibt es dazu keine neuen Daten. Das ZDF fragt beim Bundesministerium für Gesundheit nach, doch dieses verweist u.a. darauf, dass die Verantwortung bei Ärzten, Apothekern, Patienten und weiteren Akteuren im Gesundheitsbereich liege.

Ein ernüchterndes Fazit

Ärzte nehmen sich zu wenig Zeit und verschreiben teilweise zu unachtsam Medikamente, die süchtig machen oder die leicht missbraucht werden können. Patienten sind oft zu gutgläubig und informieren sich zu wenig - und Teile der Pharmaindustrie sowie Politik zeigen wenig Interesse daran, Grundsätzliches an der Problemlage zu ändern.

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