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Neoklassik - "Musik mit Wellnesscharakter"

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Ludovico Einaudi und Ólafur Arnalds spalten: Man liebt oder hasst die Neoklassik. Der Rektor der Hochschule für Musik Detmold, Thomas Grosse, erklärt seine Sicht auf das Genre.

Archiv: Ludovico Einaudi  bei einem Konzert vor Wahlenbergbreen Geltscher im Jahr 2016.
Er ist der Vertreter der Neoklassik schlechthin: Ludovico Einaudi bei einem Konzert vor dem Wahlenbergbreen Geltscher (2016).

heute.de: Warum ist Neoklassik so erfolgreich und begeistert so viele Menschen?

Thomas Grosse: Diese Musik besteht häufig aus atmosphärischen Klängen und lässt sich zunächst einmal einfach gut hören. Sie ist als Filmmusik geeignet und transportiert Stimmungen. Dadurch wird sie populär, erklingt an vielen Orten, und viele Menschen hören sie wiederholt. Sie erkennen sie dann als vertraut wieder. Das führt dazu, dass diese Musik viele unwillkürlich stärker anspricht.

heute.de: Ist Neoklassik auch Musik, die in unsere Zeit passt und einen Nerv trifft?

Grosse: Sie hat einen gewissen Wellnesscharakter. Menschen setzen Musik stärker noch als früher als Entspannungsmittel ein. Da passen diese Stücke zu einem sehr großen Teil gut hinein.

heute.de: Kritiker mögen Neoklassik deutlich weniger als die Millionen Fans.

Grosse: Diese Ambivalenz überrascht mich nicht - und ist nicht neu. Vor Jahrzehnten gab es vergleichbare Diskussionen um Richard Clayderman oder Rondo Veneziano. Dass etwas populär wird, bedeutet nicht, dass es sensationell neu ist. Instrumentenklänge verfremden oder Naturklänge einspielen – das haben wir alles schon gehört. Neoklassik ist klar ein PR-Begriff. Es ist ein Marketingthema, nicht primär eine musikwissenschaftlich zu begleitende künstlerische Entwicklung. Ich kann die Sympathie für diese Art von Musik nachvollziehen, aber ich teile auch die Kritik.

heute.de: Was kritisieren Sie vor allem?

Grosse: Viele dieser Musikstücke sind von einer schlichten Harmonik, kurze Segmente mit eingängigen Melodiebausteinen werden wiederholt. Mir persönlich fehlt es schlicht an Innovation. Die meisten Stücke bieten geübten Hörenden keine Überraschung. Komplexität, Informationsgehalt und vor allem Gegensätzlichkeit stellen jedoch eine Qualität von Musik dar – dass wir in Werken auch noch Neues entdecken, wenn wir sie mehrfach hören. Und damit meine ich nicht nur Klassik und Romantik, das gilt genauso für Queen, Genesis und Oasis – oder sogar für Schlager.

heute.de: Ist es ein Verdienst, dass Neoklassik neues Publikum für klassische Musik anzieht?

Grosse: Die Publikumsfrage ist sicher richtig. Aus meiner Warte lebt die klassische Musikkomposition aber nicht nur in der auf das Klavier zentrierten Neoklassik weiter, sondern vor allem durch Film- und Videospielsoundtracks. Die Filmmusik von "Star Wars" etwa wird mittlerweile auch von Symphonieorchestern gespielt. Es ist schön, wenn Neoklassik Menschen in den klassischen Konzertsaal zieht. Aber ich wünschte mir, dass sie dort auch in Kontakt mit den unglaublich vielen und musikalisch anderen Kompositionen der vergangenen Jahrhunderte kämen.

heute.de: Sehen Sie einen anderen positiven Aspekt?

Grosse: Für mich ist Musik primär eine soziale Kunst. Das heißt, es ist toll zu sehen, dass Menschen sich überhaupt mit Musik auseinandersetzen. Musik zu hören und über sie zu sprechen ist konstitutiv für unsere Gesellschaft. Da geht es gar nicht darum, um welche Form von Musik es sich handelt.  

heute.de: Was halten Sie von Ludovico Einaudis Projekt, sieben Alben in sieben Monaten zu veröffentlichen – aus künstlerischer Sicht?

Grosse: Ich kann weder beurteilen, was Einaudi zu leisten imstande ist, noch kenne ich seinen künstlerischen Anspruch. Aber wir wissen, dass zum Beispiel Johann Sebastian Bach jede Woche eine kunstvoll auskomponierte Kantate schreiben konnte. Und dass auch andere Musikschaffende umfangreiche Werke über Nacht niedergeschrieben oder in einer langen Tonstudio-Session fertiggestellt haben. Ob Einaudi in diese Kategorie gehört, darüber mögen sich alle selbst eine Meinung bilden. Ich möchte die Diskussion um gute und schlechte Musik nicht führen. Ich glaube, dass sie grundsätzlich falsch ist. Ich wünsche mir, dass musikalische Bildung darin besteht, dass Menschen neugierig auf neue Dinge sind. Der Kosmos der Musik ist so vielfältig.

Das Interview führte Nadine Emmerich.

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