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"Iron March"-Leaks - Blick in die Welt des Hasses

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Die Datenbank eines großen Neonazi-Forums wurde geleakt. Hass, Antisemitismus und NS-Verherrlichung waren an der Tagesordnung. Auf "Iron March" haben sich auch Deutsche vernetzt.

"Iron March" heißt das Forum, auf dem sich Neonazis aus aller Welt tummelten. Menschenhass und Antisemitismus waren da an der Tagesordnung. Die Spuren führen auch nach Deutschland.

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Es ist ein seltener Blick in das Denken und Handeln radikaler Neonazis. Vergangene Woche haben Unbekannte einen riesigen Datensatz des Neonazi-Forums "Iron March" online gestellt.

Rechtsextremisten aus zahlreichen Ländern haben sich hier ausgetauscht und vernetzt. Das Leak enthält sensible Informationen wie private Nachrichten zwischen den Usern, ihre Mail- und IP-Adressen. Mehr als 1.200 Konten waren bei "Iron March" zuletzt registriert. Es gibt jedoch Hinweise auf Tausende weitere gelöschte Nutzerkonten. Die Daten reichen von September 2011 bis November 2017. heute.de hat die Daten in Kooperation mit t-online.de ausgewertet.

Rassismus, Gewalt und NS-Ideologie

Die Einträge, Nachrichten und Bilder in dem Forum strotzen vor Rassismus, Gewalt und der Verherrlichung von NS-Ideologie. Ebenso häufig streiten die Nutzer auch untereinander: Sie bezichtigen sich gegenseitig, nicht der korrekten ideologischen Strömung anzugehören, verlieren sich in endlosen Debatten über obskure Bücher oder verdächtigen andere Mitglieder, mit Sicherheitskräften zusammenzuarbeiten. Echtes Vertrauen zwischen Mitgliedern scheint vor allem dann zu bestehen, wenn sie sich auch im echten Leben bereits begegnet sind.

Auf "Iron March" traf und vernetzte sich auch die berüchtigte "Atomwaffen Division" (AWD). Die 2015 in den USA gegründete rechtsterroristische Gruppe ruft zum bewaffneten Kampf gegen die Demokratie und Minderheiten auf und propagiert in Videos einen "Rassenkrieg". Mitglieder und Sympathisanten sollen in den USA fünf Morde verübt haben.

Atomwaffen Division auch in Deutschland präsent

Auch in Deutschland hat sich ein Ableger der AWD gegründet. Darauf deutet ein Video vom Juni 2018 hin. Ein vermummter Sprecher ruft darin auf Deutsch dazu auf, sich der AWD anzuschließen. Das Emblem an seinem Pullover, die Effekte im Video und die Art der Vermummung ähneln stark ihrem amerikanischen Pendant. An deutschen Universitäten sind seitdem Flugblätter der Gruppe aufgetaucht.

Vergangene Woche wurde außerdem bekannt, dass die AWD per E-Mail Morddrohungen an die beiden Grünen-Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir und Claudia Roth geschickt hat. Vom Bundesinnenministerium hieß es daraufhin, dass die deutschen Sicherheitsbehörden die Aktivitäten der Gruppe bereits seit Sommer 2018 "im Visier" hätten.

Spuren eines Neonazis aus Thüringen

Die von heute.de analysierten E-Mail- und IP-Adressen aus dem "Iron March"-Leak legen nahe, dass sich auch deutsche Neonazis dort vernetzt haben. So schreibt der Benutzer "Blutaar" auf Deutsch, er komme aus Bayern. "Iron March"-Mitglied "Rostislav" schreibt, er sei in Deutschland geboren, warnt vor einer "Flüchtlingsinvasion" und will gern "mit anderen Faschisten" in Kontakt kommen. Auch übersetzte er einen Text für einen anderen Nutzer.

Ein weiterer Deutscher scheint ein bekannter Neonazi aus Eisenach in Thüringen zu sein. Sein Name und seine Adresse liegen heute.de vor. Auf eine Anfrage reagierte er zwar, wollte sich aber nicht äußern. Diverse auf "Iron March" von diesem Nutzer veröffentlichte Informationen und Posts weisen auf seine Identität als Thüringer Neonazi hin.

Lästern über deutsche Szene

Im Mai 2017 schrieb dieser Nutzer auf Englisch: "Wenn ich entscheiden müsste: Freiheit für [die Juden] oder Holocaust, dann wäre es der Holocaust." Und: "Deutschland ist meine Religion, Hitler ist mein Prophet." Im Juli 2017:

Volksverhetzung ist nicht so ein Problem wie ihr denkt. Man kann [die Gesetze] ziemlich einfach umgehen. Kontaktiert mich, wenn ihr in Deutschland aktiv sein wollt.
Deutscher "Iron March"-Nutzer aus Thüringen

Über den Zustand der deutschen Neonazi-Szene äußerte er sich sehr negativ: "Die NPD ist voller Untermenschen." Und: "Die Jungen Nationaldemokraten sind völlig am Arsch. Sie haben die meisten Mitglieder wegen interner Konflikte verloren." Die AfD lehnt er als nicht radikal genug ab.

Hinweise auf Sprengstoff-Herstellung

Bei "Iron March" ist er unter einem ungewöhnlichen Usernamen registriert, der auch auf weiteren brisanten Plattformen auftaucht. So war er womöglich rege bei xplosives.net aktiv, einem Forum für Sprengstoff-Liebhaber und Waffen-Narren. Mal schrieb er dort fachkundig über die Herstellung von HMTD - einem Sprengstoff, der schon bei Anschlagsplänen diverser militanter Gruppen Verwendung fand. Ein anderes Mal erklärte er, wie er über persönliche Kontakte und den Sondermüll Chemikalien entsorgen könne.

Seine Einträge deuten darauf hin, dass er selbst regelmäßig Sprengstoff hergestellt hat: "Ich habe HMTD schon durch die verschiedensten Einflüsse hochgehen lassen." Und: "Ich verarbeite meine Initialsprengstoffe immer direkt zu Zündkapseln lasse so etwas erst gar nicht offen rumliegen." Über die Beschaffung von Munition schrieb der Nutzer: "Mit Platzpatronen hab ich noch nicht rumgespielt, da ich meine Munition im Schützenverein kauf. (...) Teil dir ne WBK (Waffenbesitzkarte, Anmerkung der Redaktion) mit Familie, Freunden, Frau whatever. Du kaufst also deine Waffen/Munition auf die WBK von wem anderst."

Rechte Szene in Eisenach besonders aktiv

Xplosives.net ist seit August beschlagnahmt und nur noch mit technischen Hilfsmitteln in Teilen aufrufbar. Laut Staatsanwaltschaft Göttingen dauern die Ermittlungen an. Der Verfassungsschutz Thüringen wollte sich zu den Aktivitäten des Eisenacher Neonazis und einer möglichen Verbindung zur AWD nicht äußern. Man prüfe aber, "ob die AWD auch in Thüringen in Erscheinung getreten ist."

Eisenach ist seit Jahren mit einer enormen Dichte extrem rechter Aktivitäten auffallend.
Katharina König-Preuss, Landtagsabgeordnete in Thüringen (DIE LINKE)

In der Rechtsextremisten-Szene ist die thüringische Stadt kein unbeschriebenes Blatt. "Eisenach ist seit Jahren mit einer enormen Dichte extrem rechter Aktivitäten auffallend", sagt Katharina König-Preuss, Thüringer Landtagsabgeordnete der Linken und langjährige Beobachterin der rechten Szene. Ein wahrnehmbares Reagieren der Sicherheitsbehörden sei bisher nicht festzustellen, so König-Preuss. "Das Neonazi-Milieu in Eisenach ist hochgefährlich und vor dem Hintergrund der Aktivitäten der Atomwaffen Division auch bereit, Drohungen gegen den politischen Gegner in die Tat umzusetzen."

Julia Klaus auf Twitter folgen: @schreibtauf

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