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Netzaktivist Beckedahl im Interview - "Chance für zeitgemäßes Urheberrecht nicht genutzt"

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Das Votum für die Urheberrechtsreform ist durch - Netzaktivist Beckedahl ist enttäuscht: Die Chance für ein zeitgemäßes Urheberrecht wurde nicht genutzt, sagt er im 3sat-Interview.

3sat-"Kulturzeit"-Moderatorin Cécile Schortmann: Sie haben die Urheberrechtsreform schon vorab kritisiert. Wie geht es Ihnen jetzt mit der Entscheidung des EU-Parlaments?

Markus Beckedahl: Ich bin etwas enttäuscht, dass die Chance nicht genutzt wurde, ein zeitgemäßes Urheberrecht auf den Weg zu bringen. Die heute beschlossene Reform ist nur eine Reform für einen kleinen Teil der Urheber. Und vor allen Dingen profitieren davon die Großen, sowohl die Verwerter als auch die Medienkonzerne als auch letztendlich YouTube

Schortmann: Wie sähe denn ein zeitgemäßes Urheberrecht Ihrer Ansicht nach aus?

Beckedahl: Wir haben die paradoxe Situation, dass mittlerweile fast alle Menschen Urheber geworden sind - indem wir Smartphones nutzen, indem wir Teil des Internets geworden sind, indem wir die ganze Zeit Bilder hochladen, Texte hochladen, mit anderen wiederum teilen. Und diese Urheber werden in dieser Reform nicht wirklich berücksichtigt. Es gibt eine ganze Menge Alltagsszenarien, wo Menschen beispielsweise kreativ sind, Medienkompetenz beweisen,  sogenannte Memes machen. Vor allem junge Menschen spielen mit popkulturellen Referenzen, indem sie auf Filme Bezug nehmen, auf Videos Bezug nehmen, auf Musik Bezug nehmen.

All diese Praktiken sind leider Urheberrechtsverletzungen in Deutschland, in der EU, aber nicht in den USA. Hier hätte man mit einem Recht auf Remix klarstellen können, dass diese Alltagspraktiken endlich mal legalisiert gehören, wobei gleichzeitig auch Urheber hätten kompensiert werden können.

Schortmann: Viele Urheber sind aber doch jetzt erstmal froh, dass endlich etwas passiert und fühlen sich jetzt erstmal im Vorteil.

Beckedahl: Wie schon gesagt, ein kleiner Teil der Urheber - vor allem Komponisten, Musiker - sind wahrscheinlich sehr glücklich, dass sie jetzt möglicherweise eine bessere Verhandlungsposition gegenüber YouTube haben werden. Aber das sind Szenarien, wo es darum geht, dass ein ganzes Lied irgendwo gespielt wird und man bisher nicht ausreichend Vergütung bekommen hat.

Andererseits gibt es auch viele professionelle Urheber, die sehr unglücklich mit dieser Reform sind. Beispielsweise freie Journalisten, dass sie künftig weniger Geld durch diese Reform haben, weil sie ihre Einnahmen über Pauschalabgabensysteme zukünftig wieder mit Verlegern, mit Medienkonzernen teilen müssen, gleichzeit aber über sogenannte total-buy-out-Verträge in einer sehr schlechten Verhandlungsposition sind. Und diese Urheber sagen ganz klar: Diese Reform kostet ihnn sogar noch etwas Geld.

Schortmann: Hat dann das EU-Parlament noch nicht richtig verstanden, was die digitale Welt, was die Gesetzgebung beinhaltet, weil sie ganz anders funktioniert als die analoge Welt?

Beckedahl: Also wenn ich mir diverse Politikeräußerungen der letzten Tage, der letzten Wochen anschaue, dann habe ich manchmal das Gefühl, dass viele junge Menschen - ohne eine Jura-Ausbildung zu haben - mehr verstanden haben, wie das Urheberrecht ihr Leben, ihre digitale Kommunikation beeinträchtigen kann.

Der Berichterstatter des EU-Parlaments, der deutsche CDU-Abgeordnete Axel Voss, hat in einem Interview mit "Zeitonline" erklärt, dass es nach seiner Einschätzung vollkommen in Ordnung wäre, wenn man auf seiner privaten Homepage ganze Texte von anderen Urhebern zur Verfügung stellen würde, weil das ja ein geschlossener Raum wäre. Wenn Sie tatsächlich als Internetnutzer einen Text von anderen Urhebern, von anderen Verlagen einfach auf Ihre Website stellen zu nichtkommerziellen Zwecken, dann bekommen Sie sehr höchstwahrscheinlich eine Abmahnung. Das heißt, viele Menschen kennen sich offensichtlich besser mit dem Urheberrecht aus als diejenigen, die das dort beschlossen haben. Und das ist schon ziemlich enttäuschend.

Schortmann: Die Befürchtung ist auch, auch dass viele Videos komplett aus dem Internet verschwinden, weil Anbieter es überhaupt nicht leisten können, das genau auf die Lizenzen zu prüfen. Wird das Internet nun viel "leerer"?

Beckedahl: Ich befürchte, dass man hier eine "Lex YouTube" auf den Weg gebracht hat, die ganze Zeit immer nur YouTube vor Augen gehabt hat, mit einer Schrotflinte vor YouTube stand und dabei leider das halbe Internet mitgetroffen hat. Die Definitionen, die in dieser Gesetzesreform stehen, wer betroffen ist, die sind so schwammig und vage, dass möglicherweise auch viele kleine Foren darunterfallen könnten. Wo Menschen beispielsweise Texte austauschen, wo Menschen Bilder austauschen, die nicht so groß sind wie die Tech-Riesen aus dem Silicon Valley, die aber trotzdem als kommerziell gelten, weil man zur Refinanzierung der eigenen Serverkosten vielleicht irgendwo mal einen Banner geschaltet hat.

Das enttäuscht mich, weil das wird dann zu weniger Vielfalt führen und das wird dann eher zu einer weiteren Zentralisierung führen - und YouTube und Google sogar noch stärken.

Das Interview mit Markus Beckedahl wurde in der 3sat-"Kulturzeit"-Sendung (26. März 2019) geführt. Mehr zur Sendung "Kulturzeit"

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