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Altmaier auf Netzausbau-Reise - Im Schneckentempo zur Stromautobahn

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Die Energiewende lahmt, der Ausbau der Netze kommt nicht voran und der Protest gegen die Stromtrassen ist groß. Wirtschaftsminister Altmaier will das ändern - auch mit einer Reise.

Stromnetzausbau in der Nähe von Köln
Stromnetzausbau in der Nähe von Köln.
Quelle: ZDF

Wenn Wolfgang Strüder auf seinem Balkon im sechsten Stock steht, dann blickt er auf drei riesige Strommasten, keine 50 Meter von seiner Wohnung entfernt. In den nächsten Jahren soll noch ein weiterer, etwa 90 Meter hoch, dazukommen. Das zumindest ist der Plan. "Es gibt keine Studien darüber, welche gesundheitlichen Auswirkungen eine solche Leitung hat. Wir sind die Versuchs-Hamster. Das kann es doch nicht sein", empört sich der 71-Jährige, der schon seit 40 Jahren neben und mit den Strommasten lebt.

Die Trasse vor seinem Balkon soll gewissermaßen ein "Upgrade" bekommen. Wolfgang Strüder und seine Mitstreiter von der Initiative "Hürth gegen Hochspannung" wollen das nicht und haben dagegen geklagt. Sie befürchten nicht nur Gesundheitsschäden durch Elektro-Smog, sondern auch ständigen Lärm durch lautes Brummen und die Verunstaltung des Landschaftsbildes.

Windstrom soll über Strommast fließen

Im März hatten sie Erfolg. Das Bundesverwaltungsgericht entschied: der Planfeststellungsbeschluss war rechtswidrig. Man habe Alternativ-Trassen nicht ausreichend geprüft, so das Gericht. Allerdings hat das Gericht zwar Fehler in der Genehmigungsentscheidung festgestellt, diese aber als nicht so gravierend bewertet, dass sie die Planung insgesamt in Frage stellen. Die zuständige Bezirksregierung Köln muss jetzt noch einmal genauer begründen, warum für sie nur die Trasse vor dem Haus von Wolfgang Strüder in Frage kommt.

Vor seinem Balkon soll spätestens 2025 über den zusätzlichen Mast nicht nur konventionell erzeugter Strom, sondern auch Windstrom von der Nordsee nach Süden fließen. "Ultranet" heißt das Projekt des Übertragungsnetzbetreibers Amprion, der sich vor allem im Westen um den Netzausbau kümmert. Tennet TSO, 50Hertz und TransnetBW teilen sich den Rest des Landes. "Ultranet" soll von Emden an der Nordsee über den Westen von Düsseldorf bis nach Philippsburg in Baden-Württemberg führen. Die Leitung ist neben dem Süd-Link (von Brunsbüttel nach Heilbronn) und dem Süd-Ost-Link (von Magdeburg nach Landshut) eine von drei großen sogenannten Stromautobahnen, die durch die Energiewende nötig werden.

Erdkabel-Verlegung bedeutet höhere Stromkosten

Im Herbst 2015 hatte das Bundeskabinett auf Druck des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) entschieden, die neuen Stromtrassen weitestgehend unter die Erde zu verlegen, statt sie an Masten in die Landschaft zu hängen. Fast acht Milliarden Euro wird das mehr kosten. Bezahlen müssen das die Stromkunden über höhere Netzentgelte. Während die Süd-Link, die Süd-Ost-Link-Trasse und der nördliche Teil der "Ultranet"-Trasse (die "A-Nord") nun also hauptsächlich als Erdkabel verlegt werden sollen, will man auf der südlichen "Ultranet"-Leitung von Düsseldorf nach Philippsburg vor allem bestehende Stromleitungs-Trassen nutzen. Hier sollen erstmals Gleich- und Wechselstromleitungen auf einem Mast installiert werden.

Die neuen Hochspannungsleitungen: angeblich notwendig für die Energiewende. 40 Meter breite Trassen durch die Natur sorgen für Widerstand. Doch werden die Leitungen überhaupt gebraucht?

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Für alle drei großen Trassen laufen derzeit Genehmigungs- und Planfeststellungsverfahren. Gebaut wird derzeit nur an kleineren Zubringertrassen, nicht an den drei großen Stromautobahnen. Wo genau sie verlaufen werden, ist noch völlig offen. Bisher stehen nur grobe Korridore fest. Doch egal, wo die vielleicht entstehen könnten: überall ist Überzeugungsarbeit nötig. Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt dazu die Initiative "Bürgerdialog Stromnetz", die sich den "offenen und transparenten Austausch zwischen allen Beteiligten rund um den Ausbau des Stromnetzes" auf die Fahnen geschrieben hat. Die Initiative hat inzwischen Bürgerbüros in zehn deutschen Städten.

Energiewende ja, aber nicht vor der eigenen Haustür

Das scheint auch nötig, angesichts des Widerstandes, den es fast überall gibt. Denn Störfeuer gegen den Netzausbau wie beispielsweis in Hürth gibt es überall im ganzen Land. Mal beschweren sich Bürger über geplante Freilandleitungen und fordern Erdkabel. Mal ist es umgekehrt. Es scheint, als wollten alle die Energiewende, aber am liebsten nicht vor ihrer Haustür. Amprion-Sprecher Andreas Preuß kann ein Lied davon singen: "Das bereitet uns große Probleme, natürlich. Wir sind zwar bemüht, im geplanten Zeitraum fertig zu, aber das kostet halt zusätzliches Geld, was letztlich die Stromkunden bezahlen müssen. Also wir alle." Bisher wurden nach Angaben der Bundesnetzagentur von insgesamt 7.700 Kilometern erforderlicher Netzausbau 1.750 Kilometer genehmigt und 950 Kilometer fertiggestellt.

Ob der Netzausbau in dieser Form überhaupt nötig ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Das "Aktionsbündnis gegen die Süd-Ost-Trasse" zum Beispiel stellt nämlich "den überdimensionierten Netzausbau insgesamt" in Frage, egal ob Freileitung oder Erdkabel. Der Ausbau sei "unwirtschaftlich, umweltzerstörend und für die Energiewende kontraproduktiv", heißt es auf der Homepage. Stattdessen fordern sie eine "dezentrale Energiewende", bei der regenerativer Strom dort produziert wird, wo er verbraucht wird und nicht quer durch Deutschland fließen muss. Da gebe es viele Möglichkeiten, die aber derzeit nicht ausgeschöpft würden, sagt auch Professor Lorenz Jarass von der Hochschule RheinMain: "Wenn man diese ausschöpft, ist unklar, inwieweit dann noch ein so massiver Netzausbau erforderlich ist. Der jetzt geplante Netzausbau wäre dann mit hoher Wahrscheinlichkeit völlig überdimensioniert", sagt er im Gespräch mit heute.de.

Wirtschaftsminister Altmaier auf "Netzausbaureise"

Bürgerinitiative Netzausbau
Bürgerinitiative Netzausbau
Quelle: ZDF

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) tourt jetzt durch das Land, um mit den betroffenen vor Ort zu sprechen und sie von der Notwendigkeit des Ausbaus zu überzeugen. Immerhin hat er in seiner Regierungserklärung im März versprochen: "Wenn ich ein halbes Jahr im Amt bin, werde ich jede problematische Leitung persönlich kennen und besucht haben." Seither bekommt der Minister offenbar Einladungen im Stundentakt aus den Ausbauregionen, die eventuell betroffen sein könnten. Sein Versprechen wird er kaum einhalten können.

In Hürth-Hermülheim war er jedenfalls noch nicht. Dort ärgert sich Wolfgang Strüder vor allem darüber, dass für die geplante "Ultranet"-Leitung vor seinem Haus kein 400-Meter-Mindestabstand zur nächsten Wohnbebauung eingehalten werden muss. Denn die Trasse gilt nicht als Neubau, sondern  nur als Ausbau einer bestehenden Trasse. Da gilt die Abstandsregelung nämlich nicht. Dass er und seine Mitstreiter sie am Ende verhindern können, glaubt er dennoch: "Wir müssen weiterkämpfen, weil wir an den Rechtsstaat glauben. Seit 2012 kämpfen wir darum. Wir sind enttäuscht, aber wir kämpfen weiter."

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