Sie sind hier:

Neue Arbeitswelten - Sieben Herausforderungen für die Gewerkschaften

Datum:

Arbeitgeber verlassen Tarifverträge, eine Vielzahl prekärer Jobs und ständige Erreichbarkeit: Die Gewerkschaften müssen sich heute mit ganz anderen Problemen beschäftigen als noch vor Jahrzehnten. Sieben Herausforderungen für die Arbeitnehmervertreter. 

Sina Trinkwalder gründete ein Textilunternehmen, um ein kleines bisschen die Welt zu retten. Und das in einer Branche, von der sie sagt, es sei eine dreckige: Vielen Textilunternehmern gehe es nur um Profit. Deshalb setze man auf Arbeit auf Abruf.

Beitragslänge:
3 min
Datum:

Mitgliederzahlen

Die Zahl der Mitglieder aller Gewerkschaften hat sich nach einem dramatischen Einbruch in den 1990er Jahren auf einem niedrigen Niveau von etwa 18 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer stabilisiert. Für die Schlagkraft der Gewerkschaften aber wäre es besser, sie würden mehr Mitglieder gewinnen. Deswegen verlangen sie ihrerseits für Tarifauseinandersetzungen einen gewissen Organisationgrad in den Belegschaften, um überhaupt handlungsmächtig sein zu können.

Work-Life-Balance

Arbeitnehmer achten heute auf eine individuell ausgewogene Work-Life-Balance. Gewerkschaften sperren sich gegen solche Ansprüche nicht. Bereits 1984 ging es der IG-Metall im Kampf um die 35-Stunden-Woche um zwei Ziele: Arbeit gerechter zu verteilen und den Arbeitnehmern mehr individuelle Zeitsouveränität zu gewähren. Inzwischen gebe es eine Vielzahl - auch tarifvertraglicher - Lösungen, die etwa die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie leichter machten, sagt Thorsten Schulten vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die IG-Metall wird 2018 Arbeitszeit zum Thema ihrer nächsten Tarifrunde machen.

Arbeitsbedingungen

Arbeitnehmer klagen über zunehmenden Zeitdruck, häufige Unterbrechungen und Arbeit in der Freizeit. In international aufgestellten Unternehmen müssen sie zum Beispiel auch am späten Abend noch erreichbar sein, um mit dem Kollegen in den USA ein Problem zu klären. Für Gewerkschafter wird es zunehmend kompliziert, bislang geltende Regeln in der globalisierten Wirtschaft durchzusetzen.

Prekär Beschäftigte müssen in der Regel noch schlechtere Arbeitsbedingungen ertragen als die Stammbelegschaften. Nach Angaben des Bundesamtes für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind sie häufiger Lärm, Hitze, Kälte oder Zugluft ausgesetzt und körperlich stärker belastet. Leiharbeiter seien länger krank als ihre Kollegen - knapp eine Woche mehr als regulär Beschäftigte, heißt es im BKK-Gesundheitsreport 2016.

Arbeitgeber verlassen Tarifverträge

In Betrieben vertreten Betriebsräte die Interessen der Belegschaft gegenüber dem Arbeitgeber. Gewerkschafter verhandeln aber auch für einzelne Branchen Tarifverträge. Arbeitgeber fliehen in großer Zahl aus den Tarifverträgen. Sie verlassen ihre Arbeitgeberverbände oder bleiben dort nur noch als sogenannte OT-Mitglieder. OT bedeutet "ohne Tarifbindung". Anfang der 1990er Jahre arbeiteten deutlich mehr als 80 Prozent aller Beschäftigten im Geltungsbereich eines Tarifvertrags. Heute sind es nur noch 50 Prozent.

Gewerkschaften allein sind zu schwach

Der Staat muss dort eingreifen, wo die Gewerkschaften inzwischen zu schwach sind, die Interessen ihrer Mitglieder zu wahren. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales kann nach Paragraf 5 Tarifvertragsgesetz einen Tarifvertrag im Einvernehmen mit Gewerkschafts- und Arbeitgebervertretern für allgemeinverbindlich erklären. Er gilt dann auch für jene Arbeitgeber, die die Tarifbindung ablehnen. Von den rund 73.000 derzeit geltenden Tarifverträgen sind 443 allgemeinverbindlich, darunter 125, die auch in den neuen Bundesländern gelten. Es ist ein Instrument der Gewerkschaften, die Tarifbindung zu erhalten, war aber bislang nur mäßig erfolgreich. Ein durchschlagskräftigeres Beispiel staatlicher Einmischung für die Arbeitnehmer ist der 2015 eingeführte gesetzliche Mindestlohn.

Mehr prekäre Jobs

In zahlreichen Branchen arbeiten Beschäftigte auf Basis von Leiharbeits- oder Werkverträgen - häufig für weniger Lohn und zu schlechteren Bedingungen als die Stammbelegschaft. Andere verdingen sich wie moderne Tagelöhner und erhalten nur Arbeit und Einkommen, wenn es dem Arbeitgeber passt. Sie arbeiten auf Abruf.

Vor allem im Dienstleistungsbereich, bei IT-Unternehmen und Start-ups gibt es nur noch wenige klassische Arbeitsverhältnisse. Formal sind die Menschen, die dort arbeiten, selbständig. Zugleich befinden sie sich in einer hohen Abhängigkeit vom Unternehmen. Viele arbeiten scheinselbständig. Etliche erwirtschafteten einen Jahresumsatz, der nicht einmal dem gesetzlichen Mindestlohn entspreche, sagt Schulten. Gewerkschaften müssen für diese sogenannten Solo-Selbständigen oder Crowdworker neue Formen der Interessensvertretung entwickeln.

Digitalisierung der Arbeitswelt

Es wird viel über dieses Thema geredet, in der Praxis aber gibt es nur begrenzt Erfahrungen. Absehbar ist, dass die Digitalisierung auf der einen Seite neue Berufe hervorbringen und Qualifikationen erfordern wird, auf der anderen Seite aber auch Jobs, die heute noch von Menschen gemacht werden, vernichten wird. Dennoch wird die Produktivität wachsen und die Gewinne wahrscheinlich auch. Gewerkschaften müssen ausloten, wie die Beschäftigten daran beteiligt werden können.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.