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Aufarbeitung von Rassismus - USA: Neue Denkmäler braucht das Land

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Überall in den USA werden Statuen abgebaut. Südstaaten-Generäle trifft es genauso wie Wissenschaftler und Politiker. Ihre historischen Verdienste erscheinen heute eher fragwürdig.

"Black Lives Matter"-Demo in Baltimore (Archiv)
"Black Lives Matter"-Demo in Baltimore (Archiv)
Quelle: ap

800 Stelen aus Stahl hängen von der Decke. Eingraviert sind die Namen der Orte, an denen Menschen gelyncht wurden. Und die Namen der Ermordeten: Parks Banks, erhängt in Mississippi 1922, weil er das Foto einer Weißen bei sich trug. Und Caleb Gadly, gelyncht in Kentucky 1894, weil er hinter der Ehefrau seines weißen Chefs ging.

Denkmal für Lynchopfer

"Nationales Denkmal für Frieden und Gerechtigkeit" heißt die Gedenkstätte, die am Donnerstag in Montgomery (Alabama) eröffnet wurde. 800 hängende Grabsteine für 4.400 Menschen, die zwischen 1877 und 1950 erhängt, erschlagen, ertränkt wurden. Die Opfer waren Schwarze, die Täter Weiße. Es ist das erste Mal, dass sich Amerika öffentlich mit diesem dunklen Kapitel seiner Vergangenheit beschäftigt. "Wir müssen uns mit den Gräueltaten unserer Geschichte auseinandersetzen, sie verstehen und uns erinnern, bevor Versöhnung möglich ist", sagt Bryan Stevenson, der Direktor.

Montgomery ist die Stadt, in der die schwarzen Bürgerrechtler Rosa Parks und Martin Luther King protestierten. Montgomery war aber auch das Zentrum der konföderierten Südstaaten, die während des Bürgerkriegs erbittert für den Erhalt der Sklaverei kämpften. Insgesamt 641 Menschen wurden in Alabama gelyncht.

"Sklaverei ein moralischer und politischer Segen"

Ein paar Kilometer vom neuen Denkmal entfernt, steht das State Kapitol und davor eine Statue des ersten und einzigen Präsidenten der Südstaaten, Jefferson Davis. Davis, Besitzer einer Baumwollplantage und Sklavenhalter, war der Meinung, dass die Sklaverei "ein moralischer, gesellschaftlicher und politischer Segen" für die USA sei.

"Alabama steht zu seiner Geschichte", sagt die republikanische Gouverneurin Kay Ivey in einem gerade veröffentlichten Wahl-Werbespot. "Wir können unsere Geschichte nicht ändern oder auslöschen." Im vergangenen Jahr hat Ivey ein Gesetz zum Schutz von Denkmälern erlassen. Es verbietet den Abbau von Statuen sowie das Umbenennen von Straßen und Gebäuden. "Die da oben in Washington wissen angeblich immer alles besser. Ich finde, das ist politisch korrekter Blödsinn." Knapp 50 Monumente, die an die Zeit der Sklaverei in den Südstaaten erinnern, stehen weiterhin auf öffentlichen Plätzen überall in Alabama.

Medizinische Experimente an Sklavinnen

Anderswo im Land holen Städte und Gemeinden dagegen immer öfter Denkmäler vom Sockel. In New York transportierten in der vergangenen Woche Arbeiter die Bronzestatue von J. Marion Sims ab. Mehr als 80 Jahre lang hatte Sims, der "Vater der modernen Gynäkologie", im Central Park gestanden. Er sei ein "Menschenfreund" gewesen, der "Brillantes geleistet habe", steht auf dem Sockel. Tatsächlich hatte der Arzt aus Alabama medizinische Experimente an schwarzen Sklavinnen durchgeführt. "Es war höchste Zeit, dass er verschwindet", meint Mercy Wellington aus Harlem. "Jetzt können meine Vorfahren endlich in Frieden ruhen."

Der Bürgermeister von New Orleans, Mitch Landrieu, ließ im vergangenen Jahr gleich vier Statuen in seiner Stadt wegräumen. Gerade hat er ein Buch geschrieben, Titel: "Im Schatten der Statuen. Ein weißer Südstaatler stellt sich der Geschichte." Darin kritisiert er, dass sich die Mehrheit der weißen Amerikaner nie wirklich mit Sklaverei und Rassismus im eigenen Land auseinandergesetzt habe. "Wir handeln nach dem Motto: Okay, es gab den Bürgerkrieg und die Bürgerrechtsbewegung, aber können wir das endlich hinter uns lassen, es ist lange vorbei", sagt Landrieu. "Stattdessen sollten wir unsere Geschichte neu überdenken und dann entscheiden, ob das, was uns bisher erzählt wurde, wirklich die wahre oder die ganze Geschichte war."

Orte des Verbrechens als Erinnerungsstele

In Montgomery, unweit des Denkmals für die 4.400 gelynchten Frauen, Männer und Kinder, liegen Stahlblöcke, aufgereiht wie Särge im Gras. Es sind Kopien der aufgehängten Metallplatten. Für jeden Landkreis und jede Stadt, in denen Menschen gelyncht wurden, gibt es eine Erinnerungs-Stele. Die betroffenen Gemeinden können sie anfordern und vor Ort aufstellen, in Tulsa und Tuscaloosa, in Montgomery und Miami, in Austin und Alexandria. In der Hoffnung, dass Orte des Verbrechens zu Erinnerungsorten werden.

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