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Neue Foren für neue Helden

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30 Jahre nach der Wende - Neue Foren für neue Helden

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Die Zeit der extremen Umbrüche nach dem Mauerfall gehörte in Ostdeutschland den Wagemutigen. Braucht es heute "neue Helden"? Mehrere Sozialforscher geben Antwort.

Demonstranten in Chemnitz.
"Im Osten bräuchte es heute deutlich mehr Träger eines emphatischen Demokratieverständnisses", fordert der Berliner Soziologe Steffen Mau.
Quelle: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Der Ostberliner Schriftsteller Thomas Brussig schrieb neulich für ein Hamburger Nachrichtenmagazin: "Wenn die Wende so was wie ein großer Blub-Badespaß war ("Wahnsinn!"), dann war die Nachwende ein Fleischwolf." Durch den wurden die allermeisten Ostdeutschen sinnbildlich gedreht in einer Zeit extremer Umbrüche und Unsicherheit.

"Wir lassen nichts mit uns machen!"

Es gab aber auch jene Typen, die sich - um im Bild zu bleiben - selbst pragmatisch durchwurschtelten durch ein neues Wirtschafts- und Verwaltungssystem und so zu "Helden der Nachwendezeit" wurden, wie der Soziologe Michael Hofmann sagt. Er spricht von "mutigen Typen", die sich und anderen etwas zugetraut hätten, nach dem Motto: "Wir machen das Beste draus - und vor allem: Wir machen es selbst! Wir lassen nichts mit uns machen."

Ein gewisser Wagemut habe dazu gehört in einer Zeit, in der "sich quasi über Nacht alle alten Gewissheiten in Luft auflösten und das Leben völlig auf den Kopf gestellt wurde", so Hofmann. Die Haltung, nicht zu verzagen, sondern die Chancen für einen (Wieder)-Aufbau zu ergreifen, sei sehr stark honoriert und respektiert worden.

So kam es 1989 zum Mauerfall:

Wohl niemand ahnte, dass die Wende 1989 dann doch so schnell kommen würde, auch nicht wenige Tage davor.

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"Alltagshelden in Ostdeutschland" seien auch heute eher Leute, die versuchten, autonom ihr Leben zu meistern. "Selbstständige haben im Osten eine hohe Alltagsautorität", sagt der Leipziger Soziologe. Sein Kollege Klaus Dörre von der Uni Jena betont ebenso die starke Identifikation mit innovativen Unternehmern. Gleichzeitig sieht er Künstler und Kulturschaffende in gesellschaftlichen Vorbildrollen in einer Zeit, in der besonders in Ostdeutschland extreme politische Positionen immer mehr Anhänger finden.

Plädoyer für mehr direkte Demokratie

Dem weit verbreiteten Gefühl vieler Menschen, politisch zu wenig bewirken zu können, setzt er die Idee entgegen, Bürger nach Schweizer Vorbild über Volksabstimmungen bei bestimmten Themen stärker in politische Prozesse einzubinden: "Man würde so den Ball zurückspielen an jene, die meinen, sie hätten nichts zu sagen." Dörre sieht ein weitverbreitetes Bedürfnis in der Bevölkerung, "substanziell mitreden zu können". Dem solle man entgegenkommen - ohne Angst vor Populisten.

Auch Michael Hofmann kann dieser Idee etwas abgewinnen. Denn aus seiner Sicht reichten heute "Ohnmachtsgefühle" bis in die Mitte der Gesellschaft hinein - mit gravierenden Folgen: "Viele haben entweder resigniert oder die Nerven verloren und zeigen autoritaristische Tendenzen: Sie sind dann plötzlich bereit, sich einem starken, autoritären Mann, der alles zum Guten wenden soll, unterzuordnen und ihn zu wählen."

Mau: Lokale Eliten brauchen mehr Unterstützung

Hofmann fordert deshalb zusätzlich zu Investitionen in "Institutionen des Alltags" und Foren außerhalb von politischen Parteien auch Runde Tische oder Bürgerräte, "in denen sich junge Talente profilieren könnten als Identifikationsfiguren". Unterstützung erhält er dabei von dem Berliner Soziologen Steffen Mau, der den leergefegten "vorpolitischen Raum" als größtes Problem der Demokratie in Ostdeutschland bezeichnet. Jener Raum vor Parlamenten und Parteien, in dem sich die Zivilgesellschaft organisiert.

"Im Osten bräuchte es heute deutlich mehr Träger eines emphatischen Demokratieverständnisses, die vor Ort eine Art von Engagement und Zusammengehen über Projekte initiieren können und damit andere Menschen aktivieren und binden", sagt Mau. Natürlich gebe es positive Einzelbeispiele, wo so etwas bereits gut gelinge. "Aber es gibt viele andere Beispiele, wo populistische oder auch offen extremistische Kräfte massiv in die Zivilgesellschaft eingedrungen sind." Lokale Eliten bräuchten deutlich mehr Unterstützung, um die Menschen wieder mitzunehmen und für die Demokratie zu begeistern, so Mau.

Lengfeld: Starke Wertkonflikte entschärfen

Je stärker sich die Gesellschaft ausdifferenziert, desto mehr soziale Gruppen gibt es, deren Leitbilder aufeinanderprallen
Holger Lengfeld, Soziologe

Der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld verweist zudem darauf, dass es in möglichen Gesprächs- und Aktionsforen darum gehen müsse, starke Wertkonflikte zu entschärfen. Fragen wie: Nach welchen moralischen Leitbildern soll die Gesellschaft organisiert sein? Wie wollen wir leben? "Je stärker sich die Gesellschaft ausdifferenziert, desto mehr soziale Gruppen gibt es, deren Leitbilder aufeinanderprallen", erklärt Lengfeld.

Deshalb sei es nötig, die Verständnisfähigkeit zwischen den einzelnen Gruppen zu stärken. Dies ist aus seiner Sicht auch viel wichtiger, als nach Identifikationsfiguren zu suchen. "Charismatische Helden konnten einst einfach strukturierte Gesellschaften integrieren, aber das gelingt nicht bei ausdifferenzierten Gesellschaften", sagt Lengfeld.

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