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Zwei neue Gesichter - ein Flügel - Die neuen Grünen-Chefs: Baerbock und Habeck

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Die Realos Annalena Baerbock und Robert Habeck bilden die neue Doppelspitze der Grünen. Mit dem neuen Duo verabschieden sich die Grünen vom alten Flügel-Prinzip.

Neue Parteichefs Annalena Baerbock und Robert Habeck
Neue Parteichefs Annalena Baerbock und Robert Habeck
Quelle: dpa

Ein langjähriger Hoffnungsträger und eine energische Newcomerin auf der großen bundespolitischen Bühne: Robert Habeck und Annalena Baerbock sollen die Grünen in den nächsten beiden Jahren führen.

Robert Habeck

Robert Habeck im Kieler Landtag
Robert Habeck im Kieler Landtag
Quelle: epa

Habeck betont oft, wie schwer es ihm fällt, den Job als schleswig-holsteinischer Umwelt- und Agrarminister für den Wechsel nach Berlin aufzugeben. Als Hoffnungsträger gilt der 48-Jährige schon seit Jahren. Nun geht er mit einem gewaltigen Vertrauensvorschuss an den Start: Die Partei hat ihm eine maßgeschneiderte Satzungsänderung gewährt, so dass er acht Monate lang noch Minister und trotzdem auch schon Parteichef sein darf.

Der am 2. September 1969 in Lübeck geborene Habeck gilt auch als Vordenker der Partei, doch er ist keineswegs ein spröder Theoretiker: In Schleswig-Holstein ist er durch einen bürgernahen Wahlkampf aufgefallen, der in ein überdurchschnittliches Ergebnis von 12,9 Prozent mündete. Er unterlag bei der Kür der Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl zwar knapp Özdemir, doch bei den schließlich gescheiterten Jamaika-Sondierungen nahm er eine führende Rolle ein. Gerade weil er im Sommer 2017 in seinem Bundesland ein Bündnis mit Union und FDP auf die Beine gestellt hatte, wusste Habeck bei den Jamaika-Sondierungen von Anfang an, wie schwierig es im Bund werden würde - und äußerte sich immer wieder entsprechend skeptisch.

Richtige Mischung aus Vision und Realismus

Der vierfache Vater und Schriftsteller verbindet Öko-Bewusstsein mit betonter Lässigkeit. Als Politik-Quereinsteiger brachte er es schnell zum Landesvorsitzenden, Fraktionschef im Landtag, Landesminister und Vize-Ministerpräsidenten. "Draußenminister", wie er es nennt, ist er seit 2012. Er inszeniert sich als Naturbursche zwischen Watt, Windrädern und Schweineställen.

Nun will Habeck als Bundesvorsitzender in die Partei einbringen, was er als Minister in manchmal rauen Konflikten mit Bauern, Fischern, Jägern und Naturschützern gelernt hat. Die richtige Mischung aus Vision und Realismus müsse her, sagt er, die Grünen müssten für ihre Themen gesellschaftliche Mehrheiten suchen oder schaffen. Von Streitereien zwischen den Parteiflügeln, die bei den Grünen oft vorkommen, hält er dagegen wenig - er gilt als Realo, sieht sich aber selbst als flügellos.

Annalena Baerbock

Annalena Baerbock am Rednerpult
Annalena Baerbock am Rednerpult
Quelle: dpa

Wenn Annalena Baerbock in Fahrt kommt, dann hat man manchmal Mühe, zu folgen. In schnellem Stakkato kommen dann die Sätze, nach jedem denkt man ein Ausrufezeichen automatisch mit. Egal, ob sie im Bundestag über ihr Herzensthema Kohleausstieg redet oder vor Parteifreunden erklärt, wie die Grünen gleichzeitig radikal und staatstragend sein können. Die frühere Trampolinspringerin sprüht vor Energie. Und so erobert die 37-jährige Bundestagsabgeordnete auch auf dem Hannoveraner Parteitag mit einer leidenschaftlichen Rede die Herzen der Delegierten. Sie präsentiert sich als basisnahe Kämpferin, die sich persönlich um Flüchtlingskinder kümmert und für den Kohleausstieg "raus auf die Straße" will. Die Delegierten quittieren das mit überraschenden 64,45 Prozent der Stimmen.

Mit ihren 37 Jahren steht sie für einen Generationenwechsel. Wie kompliziert ihre Partei ist, weiß Baerbock genau - als Mitglied der Antragskommission sortiert sie vor Parteitagen Hunderte von Anträgen und verhandelt über grundsätzliche Fragen oder die Streichung einzelner Wörter. Diese Vielfalt sei eine Stärke - ein Satz, den sie so und ähnlich häufig sagt. Die Parteilinke Anja Piel, mit der der Flügelproporz gewahrt worden wäre, ließ Baerbock weit hinter sich. In ihrer Bewerbungsrede streckt sie den Skeptikern vom linken Flügel die Arme aus: Den "vermeintlichen Widerspruch zwischen staatstragend und radikal" solle die Partei als Chance begreifen, schreibt sie den Delegierten ins Stammbuch.

Baerbocks Problem bei dieser Wahl war, dass sie eine "Reala" ist, also vom realpolitischen Flügel - zu dem die Parteilinken auch Robert Habeck zählen. Und es ging nicht nur um die heikle Balance zwischen den beiden wichtigen Flügeln der Grünen. Baerbocks Kompetenz beim Öko-Kernthema Klimaschutz wird niemand in der Partei anzweifeln, sie kennt das Gefühl, von Kohlekumpeln ausgepfiffen zu werden. Aber was ist mit Menschenrechten, sozialen Fragen, Umverteilung?

Soziale Themen und Kohleausstieg

Im kurzen Wahlkampf hat sich die ehemalige brandenburgische Landeschefin und Abgeordnete für den Wahlkreis Potsdam - ursprünglich kommt sie aus Niedersachsen - um mehr Profil in diesen sozialen Themen bemüht. Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen kann die Mutter zweier kleiner Kinder besonders glaubwürdig streiten. Bei den gescheiterten Jamaika-Sondierungen hat sich Baerbock als Europa- und Klimaexpertin einen Namen gemacht. Um für den Kohleausstieg zu streiten, will sie nun auch den Dialog mit Kohlelobbyisten und Gewerkschaftern suchen, wie sie in Hannover ankündigt.

Generell verfolgt Baerbock, die seit 2013 im Bundestag sitzt, einen pragmatischen Politikansatz. So konstatiert sie anlässlich ihrer Bewerbung für den Parteivorsitz, dass die Grünen beim Klimaschutz programmatisch schon weit gekommen seien. Doch sie fragt zugleich: "Wie halten wir den massiven Druck auf die anderen aufrecht?" Und Baerbock zeigt sich diskussionsfreudig: Die anstehenden Debatten sollten "unter die Haut gehen", bekundet die Abgeordnete. "Sie dürfen, ja sie müssen ruhig laut sein, ohne zu diffamieren."

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