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Neue Spielkonsolen - Kampf der Kisten

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Google, Apple, Atari und Intellivision - namhafte Konkurrenten gehen im umkämpften Markt der Spielkonsolen an den Start. Müssen sich PlayStation, Switch und Xbox warm anziehen?

Ein Controller fuer Googles Spieledienst Stadia ist auf der Entwicklerkonferenz Google I/O zu sehen.
Ein Controller fuer Googles Spieledienst Stadia ist auf der Entwicklerkonferenz Google I/O zu sehen.
Quelle: dpa

In der Welt der Spielkonsolen gibt es selten Überraschungen. Neue Geräte erscheinen nur alle sechs bis zehn Jahre - und selbst dann stammen sie fast ausschließlich aus dem Hause Sony, Nintendo oder Microsoft. Doch dieses Jahr ist alles anders: Der Markt wird sehr eng. Während die genannten "großen Drei“ noch nicht allzu viel über Nachfolger für PlayStation 4, Switch und Xbox One verraten haben, blasen gleich fünf neue Konkurrenten zum Angriff, mit ganz unterschiedlichen Angeboten.

Google und Apple: "Zehn Jahre lang den Markt kaputt gemacht"

Die wohl größte Bedrohung kommt von zwei der wertvollsten Unternehmen der Welt. Google will mit dem Streamingdienst Stadia Videospiele überall und auf Knopfdruck anbieten, auf TV-Geräten und Smartphones gleichermaßen. Apple gibt sich mit Arcade technisch etwas weniger ambitioniert und bietet Spiele zum Download an. In beiden Fällen aber soll ein digitaler Marktplatz für erlesene Titel entstehen. Und beide Dienste verzichten auf physische Konsolen mit Speichermedien wie Steckkarten oder Disks.

Nur wenige Tage vor der wichtigsten Videospielmesse E3 in Los Angeles hat Google nun Details zu Stadia bekanntgegeben. Der Dienst startet im November und kostet in der Premium-Variante zehn Euro pro Monat. Dafür stehen Nutzern eine begrenzte Anzahl von Spielen auf jedem Gerät zur Verfügung, auf dem der Chrome Browser laufen kann: Smartphones, Tablets und Laptops. Weitere Spiele müssen gekauft werden. Anfangs ist das Angebot jedoch bei Smartphones auf die neuesten Pixel-Geräte beschränkt. Auf dem Fernseher läuft Stadia mittels eines USB-Sticks. Die Spiele laufen in der Cloud, werden also als Stream auf die Endgeräte gesendet. Deshalb spielt es auch keine Rolle, wie leistungsfähig das Endgerät ist.

Verbrannte Erde

Damit das funktioniert, ist allerdings eine permanente Internetverbindung notwendig. Auf dem heimischen Fernseher dank WLAN kein Problem - das beweisen Portale wie Netflix, Amazon Prime Video oder natürlich die ZDFmediathek. Wer allerdings die Spiele auch unterwegs auf Smartphone und Tablet laufen lassen möchte, benötigt eine schnelle mobile Datenverbindung, die allenfalls in Ballungszentren vorhanden sein dürfte. Das Versprechen von Google, man könne Spiele auf dem Fernseher zuhause beginnen und unterwegs nahtlos auf dem Smartphone weiterspielen, hängt also stark von Datentarif und Netzabdeckung ab.

Und Neuland betreten Google und Apple nicht, eher verbrannte Erde. Denn sie sind eigentlich schon seit Jahren auf dem Markt. Beide Giganten bieten auf ihren mobilen Betriebssystemen Android und iOS bereits Spiele an, kümmern sich dabei jedoch nicht um Quantität und Qualität des Angebots. Nahezu jeder Entwickler kann jederzeit sein Werk in einen gigantischen Schlund werfen, in dem es dann nahezu garantiert untergeht. Wer im App oder Play Store nach beliebten Spielideen wie Bejeweled sucht, wo man in einem Feld farbige Kacheln tauscht, um Serien zu vervollständigen, der findet Dutzende oder gar hunderte identische Apps. Über deren Erfolg oder Misserfolg entscheiden Zufall und Willkür. Und statt Ordnung zu schaffen, brüsten sich Apple und Google sogar allen Ernstes damit, in ihren Stores jeweils mehr als zwei Millionen Anwendungen anzubieten.

Zum Vergleich: Bei Sony, Nintendo und Microsoft wird sehr sorgfältig ausgewählt. Wer ein bereits vorhandenes Spielprinzip ohne Mehrwert vorschlägt, darf erst gar nicht veröffentlichen. Dann werden ausgeklügelte Pläne erstellt, welches Spiel wann erscheinen darf, um jedem einzelnen Titel möglichst viel Aufmerksamkeit zu geben. So ein enger Flaschenhals ist wichtig, um dem Kunden kontinuierlich Qualität anzubieten, die überschaubar bleibt.

Können Google und Apple umdenken?

Auch die Preispolitik könnte anders nicht sein. Hochwertige Konsolenspiele kosten zwischen 50 und 70 Euro. Apps bei Google oder Apple können meist gratis runtergeladen werden und finanzieren sich über kostenpflichtige Erweiterungen im Nachhinein - im Idealfall wenigstens. Ihre Stores wurden größtenteils mit Müll überschwemmt. Das störte die Anbieter jedoch nie, weil sie in jedem Fall ein Drittel des Umsatzes einstrichen. Können Google und Apple nun wirklich umdenken?

Immerhin: Google hat erfolgreich die wichtigsten Verlage an Bord: Electronic Arts, Activision Blizzard, Ubisoft und Bethesda unterstützen Stadia. Apple hat noch keine Details zu Arcade veröffentlicht, präsentierte aber schon einmal stolz namhafte Entwickler wie Hironobu Sakaguchi oder Charles Cecil. Exklusive Spiele bietet Google Stadia dagegen nur zwei. Es scheint so, als ob die großen Verlage zwar dabei sein wollen, aber Google noch nicht zutrauen, PlayStation und Xbox auszustechen. Sicherlich können Google und Apple Milliardeninvestitionen verkraften, die sich Sony und Nintendo schlichtweg nicht leisten können. Hier geht es aber auch darum, Geschäftspartner nicht zu vergraulen, mit denen man seit Jahrzehnten eng und erfolgreich zusammengearbeitet hat, während Apple und Google zehn Jahre lang den Markt kaputt gemacht haben.

Atari und Intellivision: "Die gute alte Zeit"

Noch dieses Jahr erscheinen neben reinen Diensten aber auch neue Geräte und zwar von Herstellern, an die sich die meisten langjährigen Gamer noch gut erinnern. Atari und Intellivision sind Urgesteine aus den Siebziger und Achtziger Jahren, die sich schon vor langer Zeit aus dem Hardware-Geschäft verabschiedet hatten. Nun bringt Atari im Herbst den VCS auf den Markt, der optisch stark an den Klassiker Atari 2600 erinnern soll.

Atari: Joystick
Atari: Joystick
Quelle: Atari

Intellivision versucht es mit Amico, ab Oktober 2020. Beide Konsolen legen einen starken Akzent auf ein gemeinsames Spielerlebnis mit Freunden und Familie, wie in alten Zeiten. Hans Ippisch leitet ab Juli das Europageschäft von Intellivision und betont: „Amico bringt die Leute zurück zu den Wurzeln des Spielens, um zusammenzukommen und Seite an Seite Spiele zu spielen.“

Pong und Earthworm Jim

Intellivision Amico wartet mit Neuauflagen von Klassikern wie Earthworm Jim und Moon Patrol auf. Gespielt wird mit einem Touchscreen-Controller. Der Atari VCS wird mit rund 100 Klassikern ausgeliefert, wie Pong, Asteroids oder Missile Command, erlaubt Online-Multiplayer und integriert Soziale Medien. Beide Konsolen sollen aber auch ganz neue Spiele bieten und grafisch mit der Konkurrenz mithalten können. Das sollten sie auch, denn bei einem Preis ab 150 Dollar (Amico) und 200 Dollar (VCS) spielen sie preislich in der gleichen Liga wie die Xbox One S, die Schmalspurvariante der aktuellen Xbox.

Es muss sich zeigen, ob die zwei legendären Firmennamen nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt haben. Die Vorzeichen sind denkbar ungünstig. Erst kürzlich wurde die Minikonsole Ouya final zu Grabe getragen, die 2013 mit einem ähnlichen Konzept daherkam und nur 99 Dollar kostete. Schleppende Verkäufe bedeuteten, dass zu wenig Entwickler auf den Zug aufsprangen - ein Teufelskreis. Dem Team dahinter fehlte es zwar nicht an Enthusiasmus, aber letztlich an Kapital. Die Lektion aus dieser Pleite dürfte lauten: Vom Konsolenmarkt lässt man lieber schön die Finger, wenn man kein milliardenschwerer Konzern mit Erfahrung und langem Atem ist.

Mad Box: "Eine vollkommen verrückte Idee"

Kaum Chancen dürfte das Entwicklerstudio Slightly Mad haben, bekannt durch Rennspiele wie Project Cars. Deren Geschäftsführer hatte im Januar überraschend angekündigt, in etwa drei Jahren eine eigene Konsole auf den Markt bringen zu wollen, die Spiele in 4k-Auflösung und bei 120 Bildern pro Sekunde biete, sowie mit den meisten VR-Brillen kompatibel sei. Eine Kampfansage. Aber ob die Firma so ein Mammutprojekt stemmen kann ist äußerst fraglich.

Mad Box: Konsole und Controller
Mad Box: Konsole und Controller
Quelle: Slightly Mad Studios

Rund 160 Angestellte hat das Londoner Studio nach eigenen Angaben. Die dürften bereits jetzt am Limit sein, mit der Entwicklung von Spielen, sowie der eigenen sogenannten Grafik-Engine – dem hochkomplexen Herzstück eines Videospiels, das kleinere Studios meist von Drittanbietern zukaufen. Kaum vorstellbar, dass diese verhältnismäßig dünne Personaldecke nun auch noch Hardware auf den Markt bringen kann. Bei Sony, Nintendo oder Microsoft sind jeweils mehr als tausend Mitarbeiter für das Konsolengeschäft verantwortlich. Und auf dem Markt werden Milliarden investiert und Milliarden umgesetzt. Das sind Summen, mit denen nahezu kein Studio in Berührung kommt. Normalerweise hantieren nur die großen Verlage mit so viel Geld. So erscheint die sogenannte Mad Box als vollkommen verrückte Idee.

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