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Neue UNICEF-Studie - Kinderarmut: "Staat muss Geld gezielter einsetzen"

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Es müsste ihnen blendend gehen: Kindern in Hartz-IV-Familien, Kindern von Alleinerziehenden. Gerne versprechen Parteien den Kampf gegen Kinderarmut - auch jetzt im Wahlkampf. Doch es geht ihnen nicht blendend. Weniger Gießkanne, mehr gezielte Zuschüsse, fordert eine neue UNICEF-Studie.

Zwei bis 2,5 Millionen Kinder in Deutschland gelten als arm. Das mittlere Einkommen ihrer Familien liegt 50 bis 60 Prozent unter dem Durchschnitt. Eine noch höhere Armutsquote kann der Staat zwar verhindern, indem er finanziell zubuttert. Trotzdem drückt er die Kinderarmut damit nicht auf null. Und trotzdem muss man sich nicht damit abfinden, wie der Soziologe Hans Bertram in einer neuen Studie für das Kinderhilfswerk UNICEF belegt.

Darin plädiert er für den Erhalt der staatlichen Zuschüsse für Familien in jetziger Höhe, aber für ein Ende des Gießkannenprinzips. Eine pauschale Erhöhung des Kindergeldes zum Beispiel bringt Bertram zufolge nichts. "Ohne konkrete Angebote und ohne genaue Unterstützungsleistung für spezifische Gruppen besteht die Gefahr, dass bestehende Zustände trotz hohen Aufwandes fortgeschrieben werden", so Bertram. Die Kinder könnten "dauerhaft abgehängt werden".

Frankreich und Schweden auch nicht besser

Eine "generelle Debatte über Verteilungsgerechtigkeit" löse das Problem nicht, warnt Bertram mit Blick auf den Bundestagswahlkampf. Der Soziologe, der früher an der Humboldt-Universität in Berlin lehrte, untersuchte auch die Verhältnisse in anderen europäischen Ländern. Die bisherige Vorstellung, ein Weg aus der Kinderarmut könne die Erwerbstätigkeit der Mütter sein, hält er für überholt: In Schweden und Dänemark sei diese sehr viel höher als in Deutschland, die Armutsrate bei Kindern aber nicht viel niedriger.

Zweite überholte Vorstellung: Frühe und gute Bildung weise einen Weg aus der Armut. Dann müssten auch die Verhältnisse in Frankreich sehr viel besser sein als hierzulande - sind sie aber nicht. Warum steigt also die Kinderarmut, obwohl ständig versucht wird, das zu verhindern? Bertram zufolge liegt es in Deutschland an der Zunahme der Ein-Eltern-Familien und der extremen regionalen Unterschiede.

Kinder mit verheirateten Eltern bevorzugt

16 Prozent aller Kinder in Deutschland wachsen bei alleinerziehenden Müttern auf. Selbst wenn diese berufstätig sind, ist ihr Armutsrisiko doppelt so hoch wie bei Kindern, die in einem Haushalt mit zwei Elternteilen aufwachsen. Ein Grund: Staatliche Unterstützungsleistungen kommen oftmals eher denjenigen Eltern zugute, die verheiratet sind. Das Ehegattensplitting im Steuerrecht ist so ein Beispiel. Ob finanzielle Zuschüsse des Staates also bei einem Kind ankommen, hängt an der Lebensform der Eltern - alleinerziehend, zusammenlebend mit oder ohne Trauschein - nicht an ihrer Leistungsfähigkeit, konstatiert Bertram. Damit verstoße Deutschland gegen die Kinderrechtskonvention der UN, zu der sich Deutschland verpflichtet habe: Alle Kinder müssen unabhängig von ihrer Herkunft die gleichen Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe und Entwicklung bekommen.

Zweites Problem laut UNICEF-Studie: Die wirtschaftliche Situation und die Art der Lebensformen sind in Deutschland ungleich verteilt. In den neuen Bundesländern gebe es wie in den norddeutschen Städten einen viel höheren Anteil von Alleinerziehenden als im Rest des Landes. Damit ist der Anteil von armen Kindern und der Abhängigkeit von Hartz IV auch höher. Ebenfalls ist der ökonomische Wohlstand ungleich verteilt: In Essen und Dortmund leben bis zu 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren von Hart IV, in München nur zehn. Und während sich der Anteil in Berlin in den vergangenen Jahren verringert hat, leben in der Hauptstadt immer noch prozentual die meisten Kinder von Hartz IV.

Und ein weiteres Problem ist schon jetzt erkennbar: Besonders häufig von Armut sind Kinder aus zugewanderten Familien betroffen, deren Mütter keine Schul- oder Berufsausbildung haben und nur schlecht auf dem deutschen Arbeitsmarkt integriert werden können. Nicht der Migrationshintergrund, so Bertram ist entscheidend, ob die Kinder den Weg aus der Armut finden. "Hauptfaktor ist die Bildung der Mutter." Kann sie den Kindern vorlesen, Sprache weitergeben? Ein wichtige Aufgabe für den Zusammenhalt der Gesellschaft sei, so Betram, "dass diese Mütter nicht vergessen werden".

"Geld gezielter einsetzen"

Bertram fordert daher, gezielt in Regionen zu investieren, wo die Benachteiligung der Kinder am größten ist. Denn selbst wenn die wirtschaftliche Lage allgemein gut ist, die Arbeitslosigkeit sinkt und der Wohlstand steigt, "bleiben doch Gruppen zurück, die von diesen Verbesserungen nicht profitieren, weil sie nicht gezielt und spezifisch konkret angesprochen werden".

Stärkung der Kommunen, Stärkung der Jugendhilfe wären nach Meinung von UNICEF Maßnahmen dagegen. "Wir brauchen eine politische Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Gemeinden, um die Teilhabe benachteiligter Kinder zu stärken", sagt Jürgen Heraeus, Vorsitzender von UNICEF Deutschland. Und: das Festschreiben der Kinderrecht im Grundgesetz. Zumindest SPD und Grüne haben das in ihren Wahlprogrammen schon einmal versprochen. An Geld mangele es nicht, so Heraeus. "Es muss nur gezielter eingesetzt werden."

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