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Ostermärsche interessieren kaum - "Lieber Castingshow statt Abenddebatte"

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Die Welt hält den Atem an: Krisen, Kriege, Wettrüsten. Um die Friedensbewegung ist es dennoch ruhig geworden. Warum regt sich so wenig Protest? Eine Suche nach Erklärungen.

Ostermarsch 2015 in Büchel (Eifel)
Ostermarsch 2015 in Büchel (Eifel) Quelle: dpa

heute.de: Wir blicken mit Sorge auf eine Welt, die so unfriedlich ist, wie lange nicht mehr. Stellt sich die Frage, weshalb es dennoch ruhig um die Friedensbewegung in Deutschland geworden ist?

Professor Götz Neuneck
Professor Dr. Götz Neuneck ist stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH). Quelle: IFSH

Götz Neuneck: In der Tat ist es so, dass heute viel weniger Menschen im Rahmen von Ostermärschen für Frieden und Abrüstung demonstrieren als früher. Eine Erklärung liegt sicherlich in der Tatsache, dass die derzeitige Situation für viele sehr kompliziert ist. In der Hochphase der Friedensbewegung in den Jahren 1979 bis 1983 war klar umrissen, gegen was man auf die Straße gegangen ist. Die Menschen protestierten zur Zeit des Kalten Krieges lautstark gegen die nukleare Aufrüstung und den NATO-Doppelbeschluss zur Stationierung von Kurz- und Mittelstrecken-Atomwaffen in der Bundesrepublik vor dem Hintergrund eines drohenden Nuklearkrieges.

Heute dagegen ist das Weltgeschehen viel verwirrender. Es ist immer leichter, viele Menschen zu mobilisieren, wenn es ein klares Aufregerthema gibt, auf welches man sich konzentrieren kann. Außerdem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sich die Bewegung ausdifferenziert hat. Zur Absage an die atomare Aufrüstung ist der Protest gegen den Klimawandel oder Hunger und Armut in der Welt gekommen. Auch dadurch hat die Friedensbewegung an zielgerichteter Wirkung etwas verloren.

heute.de: Gerade die bange Frage nach der atomaren Aufrüstung ist aber aktuell wieder zum Thema geworden. Wie wird die Gesellschaft darauf reagieren?

Götz Neuneck: Wir stehen definitiv an einem Punkt, an dem sich das nukleare Wettrüsten wieder beschleunigen könnte. In welcher Form und wie intensiv man hierzulande darauf reagiert, wird spannend sein zu beobachten. Denn offenbar sahen viele diese Frage nicht mehr so sehr als ein zentrales Thema an. Nordkorea ist beispielsweise erstmal sehr weit entfernt. Aber die Bedrohung ist natürlich heute wieder akut. Die NATO hat in Europa immer noch taktische Nuklearwaffen stationiert, auch in Deutschland. Auf russischer Seite ist es sogar das Zehnfache davon. Es wird deshalb interessant sein, welche Plakate bei den Ostermärschen dieses Jahr hochgehalten werden und was von der Politik gefordert wird.

heute.de: Sind Aktionsformen der Friedensbewegung, wie die Ostermärsche, dafür noch sinnvoll?

Götz Neuneck: Die politisch Handelnden betonen zwar immer wieder, dass solche Aktionen sie nicht in ihren Entscheidungen beeinflussen, aber ich sehe das anders. In der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt, dass eine Mobilisierung im positiven Sinne durchaus zu einer Politikveränderung führen kann. Es muss wieder eine gesellschaftliche Debatte über Außenpolitik und Abrüstung einsetzen. Im Augenblick fehlt es aber genau an der Masse. Es sind heute überzeugte Menschen mit hehren Zielen, die sich in der Friedensbewegung einsetzen. Aber es sind vorwiegend Ältere. Außerdem engagieren sich auch nicht mehr Schriftsteller, Wissenschaftler, Musiker, Ärzte, Rechtsanwälte, ja sogar Generäle und Politiker in der Form, wie es früher der Fall gewesen ist. Da fehlt es an einer entsprechenden Basis und an Interesse. Aber in dem Moment, wo wieder viele auf die Straßen gehen, wird auch in der Politik wieder genauer hingesehen werden müssen. Es geht auch immer um Wiederwahl.

heute.de: Hat die Friedensbewegung demnach ein Nachwuchsproblem?

Götz Neuneck: Das würde ich so sehen. Die jungen Leute, die heute in dem Alter sind, in dem damals viele in der Friedensbewegung waren, sind in einer anderen, vor ihrer eigenen Haustüre friedlichen Welt aufgewachsen. Diese Generation kennt die Trümmer des Zweiten Weltkrieges nicht mehr aus eigener Erfahrung. Sie hat all die gefährlichen Krisen, die es während des Kalten Krieges gegeben hat und die zu historisch wichtigen politischen Wendepunkten geworden sind, nicht miterlebt. Diese Generation ist im Großen und Ganzen tendenziell ahistorisch und schaut im Durchschnitt lieber eine Castingshow im Fernsehen als eine faszinierende Abenddebatte über den Zustand der Weltordnung.

Doch das ist in meinen Augen eine ernste Fehleinschätzung. Denn es hat Gründe, weshalb wir in Frieden leben können. Und wenn diese Gründe in Vergessenheit geraten, wird es wieder gefährlich. Es braucht deshalb junge Leute, die sich für die aktuellen Friedens- und Sicherheitsfragen einsetzen und etwa auch neue Probleme wie Cyberwaffen oder autonome Waffen in den Fokus rücken. Schließlich geht es um ihre Zukunft. Denn der Wille, nach Antworten zu suchen, war auch ein historisches Verdienst der Friedensbewegung. Hinter dem symbolischen Akt des auf die Straße Gehens steckte viel mehr: Man hat sich an Universitäten zusammengeschlossen, Seminare veranstaltet, alternative Pläne zur Sicherheitspolitik diskutiert und auch vorgelegt und damit weit in den politischen Raum hineingewirkt.

Das Gespräch führte Michael Kniess.

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