ZDFheute

"Die Anschläge haben Christchurch verändert"

Sie sind hier:

Neuseeland - "Die Anschläge haben Christchurch verändert"

Datum:

Christchurch, drei Monate danach. Wie geht die Stadt mit den Anschlägen um? Business as usual? Ist das überhaupt möglich? Ein Besuch vor Ort.

Die Moschee ist ein offener Ort. Vielleicht sogar mehr denn je. Und das kommt überraschend, vor allem, wenn man im Hinterkopf hat, was dort vor drei Monaten geschehen ist. Die Polizei ist vor der Masjid-al-Noor-Moschee an der Deans Avenue in Christchurch nicht mehr präsent, sie hat die Streifenwagen abgezogen.

Das Tor zum Gelände ist geöffnet. Auch die Eingangstür zur Moschee ist unverschlossen, dahinter führt ein langer Flur in den Gebetsraum des Gotteshauses. Mehrere Muslime bitten freundlich mit einladender Handbewegung hinein, bringen Stühle für die Gäste und fordern sie auf, an einer Hochzeit teilzunehmen, die in wenigen Minuten beginnt. "Nehmen Sie Platz", sagt Jumayah Jones von der muslimischen Gemeinde, "und bleiben Sie danach noch ein bisschen. Es gibt Gebäck und Getränke".

Karte: Neuseeland -  Christchurch
Am 15. März eröffnete ein Mann in Christchurch das Feuer auf die Gläubigen.
Quelle: ZDF

Die Spuren der Tat wurden in der Moschee beseitigt

Die Masjid-al-Noor-Moschee wirkt wie ein friedlicher Ort. Kaum vorstellbar, dass er vor drei Monaten Schauplatz eines Terroranschlags mit 42 Toten und dutzenden Verletzten war, dem schlimmsten Verbrechen in Neuseeland seit 1943. Ein Rechtsradikaler hatte dort während des Freitagsgebets um sich geschossen, dabei die Tat live gefilmt und ins Internet gestellt. Er fuhr anschließend mit seinem Auto ein paar Kilometer weiter zur Linwood-Moschee und tötete dort weitere sieben Gläubige.

Die Spuren der Tat wurden in der Moschee beseitigt, Einschusslöcher verdeckt, der Gebetsteppich, der voller Blut war, entfernt und erst vor kurzem durch einen neuen ersetzt, finanziert mit Spendengeldern aus Saudi-Arabien. Doch ist dort je wieder unbeschwerter Alltag möglich?

Anthony Green im Gebetsraum der Masjid-al-Noor-Moschee
Anthony Green vom Vorstand der muslimischen Gemeinde im Gebetsraum der Masjid-al-Noor-Moschee
Quelle: ZDF

Rückkehr zur Normalität nach dem Anschlag

Einige der Hochzeitsgäste haben es sich auf dem neuen Teppich bequem gemacht und hören gemeinsam mit dem Bräutigam und dessen Trauzeugen dem Iman zu, der die Hochzeit mit einem Loblied auf Allah einläutet. Er sitzt genau auf Höhe der offenen Schiebetür, die den Gebetsraum für Männer und Frauen trennt. Zur linken der Bräutigam, zur rechten die zukünftige Ehefrau. Beide gucken angespannt, lächeln aber.

Und während der Reporter der Zeremonie lauscht, wandern die Blicke aus dem Gebetsraum in den Flur hinein bis zur Eingangstür. Jedes Mal, wenn sie aufgeht, beschleicht einen ein komisches Gefühl. Denn durch diese Tür kam am 15. März der rechtsradikale Täter, lief schwer bewaffnet durch den Flur und eröffnete das Feuer auf die Betenden.

Geblieben sind Blumen, Malereien und Nachrichten voller Anteilnahme  vor der Eingangstür. Geblieben ist aber auch die Freundlichkeit der Menschen, die in die Moschee zurückkehren.

Augenzeuge: "Ich bin hier meinem Sohn nahe"

Dr. Mohammad Alayan, Überlebender des Terroranschlags, in der Masjid-al-Noor-Moschee
Mohammad Alayan hat den Terroranschlag überlebt. Er wurde von Kugeln in den Kopf und die Schulter getroffen.
Quelle: ZDF

Mohammad Alayan hat das Attentat überlebt, sein 33-jähriger Sohn Atta nicht. Der Augenzeuge bringt selbst gebackene Kekse zum Gespräch mit, macht Tee für seine Gäste und sagt: "Es gibt mir Hoffnung zu wissen, dass mein Sohn während des Gebets starb und nicht bei irgend einer Sünde. Das hilft mir." Es sei zwar ein komisches Gefühl, wieder hier zu sein, sagt Mohammad Alayan, der während des Attentats von Kugeln in Kopf und Schulter getroffen wurde, "aber ich bin hier meinem Sohn nahe."

Anthony Green von der muslimischen Gemeinde vor der Moschee
"Es ist natürlich schwierig, zum Beten immer wieder an den Ort zurückzukehren, wo sie Angehörige verloren haben oder selbst verletzt worden sind", sagt Anthony Green vom Vorstand der muslimischen Gemeinde.
Quelle: ZDF

Anthony Green vom Vorstand der muslimischen Gemeinde, sagt: "Ihr starker Glaube hilft den Überlebenden weiterzuleben. Aber es ist natürlich schwierig, zum Beten immer wieder an den Ort zurückzukehren, wo sie Angehörige verloren haben oder selbst verletzt worden sind." Mohammad Alayan geht in den Gebetsraum, guckt sich um. Er zeigt auf die Stelle, wo er verwundet wurde und wo sein Sohn starb. Wie denkt er über den Täter? "Ich versuche ihn zu verstehen, warum er das getan hat. Aber ich habe keine Erklärung dafür", sagt er leise.

Einwohner von Christchurch zeigen Solidarität

Der mutmaßliche Täter, ein 28-jähriger Australier, hatte seine Waffen legal im Internet erworben, unter anderem bei Gun City, dem größten Waffengeschäft des Landes. David Tipple, der Besitzer des Ladens, stellt vorab Bedingungen für ein Gespräch, die nicht zu erfüllen sind, und schreibt in einer Email: "Legale Waffenbesitzer waren nicht verantwortlich für diese Tragödie und werden nun benachteiligt. Aus welchem Grund?" Man hat das Gefühl, dass es gar nicht so schlimm ist, dass der Chef von Gun City nicht reden mag.

Anteilnahme vor der Moschee
Aus Solidarität zu den muslimischen Mitbürgern trugen die Einwohner von Christchurch Kopftuch und legten Blumen nieder.
Quelle: ZDF

Die Einwohner von Christchurch zeigten mehr Empathie nach dem Anschlag. Aus Solidarität zu den muslimischen Mitbürgern trugen sie Kopftuch, legten Blumen nieder am Zaun, der den Botanischen Garten begrenzt und zu einer Art inoffizieller Gedenkstätte geworden ist. Gesten, die Lianne Dalziel, die Bürgermeisterin von Christchurch, tief berühren.

Sie sitzt ein paar Meter weiter in einem Konferenzraum des Stadtrates und sagt: "Der Anschlag kam wie aus dem Nichts. Ich war darauf nicht vorbereitet. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass so etwas bei uns passieren würde, hätte ich immer mit 'Nein' geantwortet, weil wir hier in Neuseeland so weit weg sind von Hass." Hat sie denn eine Erklärung dafür, warum es dennoch zu einem Terroranschlag in ihrer Stadt kommen konnte? "Der Täter kam nicht hier zur Welt, er zog in unser Land mit dem Willen, uns mit Gewalt und Schmerz zu überziehen", sagt Lianne Dalziel. Und fügt hinzu: "Er hat uns ausgewählt. Es war nicht der Hass, der hier bei uns geboren oder genährt worden ist. Er hat ihn zu uns gebracht." 

Lianne Dalziel, Bürgermeisterin von Christchurch
"Wenn mir jemand gesagt hätte, dass so etwas bei uns passieren würde, hätte ich immer mit 'Nein' geantwortet, weil wir hier in Neuseeland so weit weg sind von Hass", sagt Lianne Dalziel, Bürgermeisterin von Christchurch.
Quelle: ZDF

Vielleicht sieht die Bürgermeisterin die fragenden Blicke des Reporters, denn sie schiebt schnell hinterher: "Doch, es gibt Rassismus auch bei uns. Und ich habe das auch nicht als Entschuldigung gemeint, aber dieser Kerl kam nicht in Neuseeland zur Welt. Er kam hierher, um uns zu schaden. Aber ich leugne nicht, dass es bei uns nicht auch Rassismus gibt."

Politikwissenschaftler: Müssen an Willkommenskultur arbeiten

Christchurch, drei Monate danach. Wie geht die Stadt mit den Anschlägen um? Business as usual? Ist das überhaupt möglich? Die Einwohner der Stadt haben unlängst genau verfolgt, wie der Anwalt des mutmaßlichen Täters während einer Gerichtsanhörung auf "nicht schuldig" plädierte. Der Rechtsextremist war dabei per Videoübertragung aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Auckland zugeschaltet worden – und soll bei den Worten seines Anwalts gegrinst haben. Angehörige der Opfer und Überlebende waren empört. "Er ist ein Feigling", sagten sie vor dem Gerichtsgebäude.

Ein Willkommensschild an der Masjid-al-Noor-Moschee in Christchurch
"Bitte kommt in die Moschee. Wir freuen uns euch, zu begrüßen", steht auf einem Willkommensschild an der Masjid-al-Noor-Moschee in Christchurch. "Vielen Dank für all eure Liebe und euren Zusammenhalt."
Quelle: ZDF

"Natürlich haben die Anschläge die Stadt verändert", sagt Professor Alexander Tan, Politikwissenschaftler an der Universität von Canterbury in Christchurch. "Sie haben nicht nur die Stadt verändert, sondern das ganze Land. Sie haben uns verdeutlicht, dass wir nach dem Motto 'Leben und leben lassen' handeln sollten. Und genau daran müssen wir arbeiten." Es reiche nicht zu sagen, dass Neuseeländer freundliche Menschen seien. Man müsse an der Willkommenskultur arbeiten, zu Hause, in der Erziehung, auf allen Ebenen der Ausbildung.

Jumayah Jones, Anthony Green, Mohammad Alayan und all die anderen Gläubigen der muslimischen Gemeinde leben genau diese vor.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.