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Parteigründung in Kolumbien - FARC-Neustart: Argumente statt Waffen

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Der bewaffnete Kampf der FARC-Rebellen ist Geschichte. Aus der ältesten Guerilla-Bewegung Lateinamerikas wird die jüngste Partei Kolumbiens. Gekämpft werden soll nur noch mit Argumenten.

In Kolumbien leben ehemalige Kämpfer der FARC-Rebellen nach Entwaffnung in 20 Friedenscamps. Dort wollen sie die Gewalt hinter sich lassen und die FARC zukünftig als Partei unterstützen.

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Im Minutentakt spucken die Busse vor dem Kongresszentrum "Gonzalo Jimenez de Quesada" die ehemaligen Staatsfeinde aus: 1.200 Guerilleros sind aus den insgesamt 26 Übergangszonen in ganz Kolumbien nach Bogotá gekommen, um die Umwandlung in eine politische Partei einzuleiten. Raus aus dem Regenwald und den Bergen, mitten hinein in das pulsierende Leben der boomenden Hauptstadt.

"Eine neue Option"

Der Veranstaltungsort für den Gründungskongress ist mit Bedacht gewählt. Genau hier im Herzen der zweitgrößten Stadt Südamerikas will die frühere Guerilla-Organisation FARC einen historischen Neustart wagen. "Wir sind eine neue Option, eine Alternative für den Wähler", sagt Jesus Santrich, einer der populärsten und prominentesten Führungsfiguren der FARC.

Nun sind sie zumindest geographisch angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Vorbei ist die Zeit, in der sich die rund 8.000 FARC-Kämpfer in das unwegbare Gelände zurückzogen, das es in Kolumbien im Überfluss gibt. "Aus den Bergen Kolumbiens" unterschrieben die Guerilla-Kommandanten in der Zeit des bewaffneten Konfliktes ihre Kommuniqués, eine feste Adresse gab es damals nicht.

"Von nun an zählen Argumente"

Jetzt soll alles anders werden. Der bewaffnete Kampf sei vorbei, von nun an zählen Argumente, verspricht FARC-Chef Rodrigo Londoño alias "Timochenko". Er hat mit Kolumbiens Präsident und Friedensnobelpreisträger den Friedensvertrag ausgehandelt. Nun geht es darum, diesen mit Leben zu erfüllen. Auf beiden Seiten gibt es kleine Rückschläge. So ist die Liste der Vermögenswerte, die die FARC vorlegte und mit denen Opfer entschädigt werden sollen, laut Staatsanwaltschaft nicht vollständig. Auch die Regierung hinkt hinterher: Der Aufbau der Übergangslager in denen sich die Rebellen zurückgezogen haben, um ihre Wiedereingliederung in die Zivilgesellschaft voranzubringen, kommt nur schleppend voran. Dennoch: Unter den Strich ist der Friedensprozess auf einem ordentlichen Weg.

Vier Jahre lang haben Regierung und FARC verhandelt. Der bewaffnete Konflikt forderte mehr als 200.000 Tote und produzierte sieben Millionen Binnenflüchtlinge. Die FARC war für einen erheblichen, aber nicht für den größten Teil der Gewalt der letzten fünf Jahrzehnte verantwortlich. Ihre Kämpfe mit der Armee und rechten paramilitärischen Gruppen forderten unzählige Opfer in der Zivilbevölkerung, immer wieder kam es zu Massakern, für die sich die FARC-Führung inzwischen öffentlich entschuldigte. Ihr ideologisches Ziel, Kolumbien in einen sozialistischen Staat umzuwandeln, wollen sie nun auf friedlichem Wege erreichen. Ohne Drogen- und Waffenhandel oder Entführungen.

FARC-Hymne sorgt für Vertrautheit

Doch bevor es um die Zukunft geht, in der die FARC ganz gerne mitregieren will, huldigen die Delegierten der Vergangenheit. Aus voller Kehle singen die Rebellen die Hymne "Companeros de las FARC" mit, das verschafft auf ungewohntem Terrain ebenso Vertrautheit wie die vielen überlebensgroßen Plakate von historischen FARC-Größen an den Wänden des Kongresszentrums. Es ist das erste Mal, dass sich die Rebellen in einem solchen Rahmen in Bogotá treffen. "Noch war Jahren war das undenkbar", sagt Londoño.

Jetzt geht es erst einmal um formelle und inhaltliche Fragen. Bis Freitag sollen programmatische und personelle Weichen gestellt werden. "Timochenko" verspricht eine offene Diskussion. Wie sein Stellvertreter Ivan Marquez tut er sich aber schwer mit der neuen Rolle. Eine Partei mitzureißen, ist eine andere Aufgabe, als eine streng militärisch organisierte Truppe zu befehlen.

Beide blicken von ihrem Rednerpult aus in ein Meer von Kameras, denn das Medieninteresse innerhalb Lateinamerikas ist riesig. Das sorgt für Nervosität. Sowohl "Timochenko" als auch Marquez halten sich verbal und optisch am Redemanuskript fest, deswegen gelingt kein unbeschwerter, mitreißender Auftritt. Entsprechend verhalten ist der Beifall. Das soll sich bis zum Ende des Kongresses noch ändern, wenn erst einmal die inhaltlichen Fragen geklärt sind.

Die Zukunft hat begonnen

Dafür erinnert das Foyer schon eher an eine etablierte Partei. Hier bieten Helfer Fan-Utensilien an. Buttons von Fidel Castro, Hugo Chavez oder Che Guevara suchen Abnehmer. Auch beim Buchverkauf bestimmen die Ikonen des Sozialismus das Angebot. Einige Delegierte und Blogger stürmen mit den Büchern in den Saal und lassen sich die Werke über die FARC signieren, andere jagen nach einem Selfie mit Jesus Santrich, der wegen seiner markanten Sonnenbrille das vielleicht bekannteste Gesicht der FARC ist. All das wirkt auch ein klein wenig wie ein Abschied von der eigenen Vergangenheit. Die Zukunft aber hat gerade erst begonnen.

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