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Ein Seil als Geheimwaffe

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Polizei New York - Ein Seil als Geheimwaffe

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Drohnen, Körperkameras und jetzt auch: ein Stück Seil. Die New Yorker Polizei nutzt eine neue Low-Tech-Methode im Kampf gegen das Verbrechen.

Übung der New Yorker Polizei
Übung der New Yorker Polizei: Mit der Seil-Spezialtechnik wird eine Tür zugehalten.
Quelle: ap

Unübersichtliche Situationen geraten leicht außer Kontrolle. Wenn Polizisten etwa zur Wohnung einer irrational agierenden Person gerufen werden, müssen sie oft blitzschnell reagieren. Womöglich zücken sie dann die Waffe, obwohl im Grunde gar keine Gefahr besteht. Um dies zu vermeiden, werden in New York jetzt alle 35.000 Einsatzkräfte in einer Spezialtechnik geschult.

Ein 1,5 Meter langes Seil soll ihnen helfen, eine Tür zu sichern - bis Verstärkung kommt. Es mag banal wirken. Aber bei richtiger Anwendung des Seils ist es praktisch unmöglich, eine Wohnungstür von innen zu öffnen. Das verschafft Streifenpolizisten, die mit solchen Situationen wenig Erfahrung haben, vor allem eines: Zeit. Anstatt eine unzurechnungsfähige Person nur noch weiter zu irritieren, indem sie mit vorgehaltenen Waffen in deren Privaträume eindringen, können sie in Ruhe auf sie einreden. Bei Bedarf übernimmt dann eine entsprechende Sondereinheit.

Seil verschafft im Notfall Zeit

Für Jesse Trap und Paulton Chan hat sich die Methode im März bereits bewährt. Im Stadtteil Brooklyn hatte sich ein Mann in einem Apartment verschanzt. Als die alarmierten Polizisten dort ankamen, stellten sie fest, dass er ein Objekt in der Hand hielt, das wie eine Pistole aussah. Trap und Chan erinnerten sich an die Vorführung der Spezialtechnik, die sie wenige Wochen zuvor erhalten hatten. Sie befestigten ihr neues Seil am äußeren Türgriff und hielten es von der Seite stramm. So konnte der Mann nicht in den Hausflur stürmen und dort womöglich andere Menschen gefährden.

Wir wollen schließlich nicht, dass sich die verunsicherte Person selbst verletzt - oder dass sie rauskommt und anderen etwas antut. Es hat uns Zeit verschafft.
Polizist Paulton Chan

"Dadurch hatten wir die Zeit, Unterstützung anzufordern und die Lage in Ruhe zu bewerten", sagt Chan. "Wir wollen schließlich nicht, dass sich die verunsicherte Person selbst verletzt - oder dass sie rauskommt und anderen etwas antut. Es hat uns Zeit verschafft." Chan hielt das Seil, während Trap versuchte, durch die geschlossene Tür mit dem Mann zu sprechen. Er habe am Seil gespürt, wie der Mann an der Tür gezogen habe, sagt der Polizist. Um die eigenen Hände zu schützen, habe er Handschuhe aus dem Baumarkt getragen.

Methode soll Todesfälle reduzieren

Die Seile gehören bei der New Yorker Polizei seit Jahrzehnten zum Portfolio von Notfalleinheiten. Aber erst jetzt werden auch die Streifenpolizisten, die in der Praxis oft als erste zur Stelle sind, mit dem sogenannten Low-Tech-Tool ausgerüstet. Hintergrund ist ein Umdenken nach einer Reihe von Todesfällen: Im Laufe der vergangenen drei Jahre wurden im Staat New York bei Einsätzen im Zusammenhang mit "emotional verstörten Personen" 14 Menschen von Polizisten erschossen. In einigen Fällen war von den Opfern laut deren Familien bis zum Eintreffen der Polizei keine echte Gefahr ausgegangen.

Jetzt sind sie in der Lage, eine Tür unter Kontrolle zu halten. Es kommt also nicht überraschend jemand heraus, der sie mit einer Waffe bedroht, sodass sie im Bruchteil einer Sekunde eine Entscheidung treffen müssen.
Robert Lukach, stellvertretender Leiter der Sondereinheit

Auf Empfehlung von Robert Lukach, stellvertretender Leiter der zuständigen Sondereinheit, erhalten nun sämtliche Polizisten in New York ein Seil sowie einen Keil. Letzterer kommt dann zum Einsatz, wenn eine Wohnungstür sich nach außen öffnet.

"Jetzt sind sie in der Lage, eine Tür unter Kontrolle zu halten. Es kommt also nicht überraschend jemand heraus, der sie mit einer Waffe bedroht, sodass sie im Bruchteil einer Sekunde eine Entscheidung treffen müssen", sagt Lukach. Ein weiterer Vorteil der Low-Tech-Methode ist der, dass sie sehr günstig ist. Die Ausrüstung des gesamten Personals kostete die New Yorker Polizei laut eigenen Angaben lediglich 114.000 Dollar (102 000 Euro).

Realer Einsatz war bereits erfolgreich

Bei einer Schulung auf einem Trainingsgelände demonstriert Lukach gemeinsam mit den Kollegen Ronald Zedalis und Kenneth O'Brien, wie es funktioniert. Ähnlich wie jüngst in der realen Situation in Brooklyn werden in einem gespielten Szenario zwei Beamte zu einer Wohnung gerufen. "Ich habe ein Messer. Lasst mich in Ruhe!", schreit O'Brien, der in die Rolle der unberechenbar agierenden Person geschlüpft ist. "In Ordnung, bleiben Sie einfach, wo sie sind. Bleiben Sie drinnen", sagt Lukach, nachdem er sein Seil am Türgriff befestigt hat. "Versuchen Sie nicht, herauszukommen. Ich habe die Tür unter Kontrolle."

Wir sind hier nicht im Wilden Westen.
Polizist Thomas Brogan

Die Länge des Seils ist so bemessen, dass die Polizisten nicht im unmittelbaren Eingangsbereich stehen müssen. Denn falls die Person in der Wohnung das Feuer eröffnen sollte, könnten sie dort sehr leicht von einer Kugel getroffen werden. Nur zum Befestigen des Seils ist ein kurzer Handgriff innerhalb der potenziellen Gefahrenzone erforderlich - ein Lassowurf ist nicht vorgesehen. "Wir sind hier nicht im Wilden Westen", sagt der Polizist Thomas Brogan.

Der reale Einsatz in Brooklyn konnte nach etwa sechs Stunden friedlich beendet werden. Mithilfe einer Drohne, die vor dem Fenster der Wohnung schwebte, stellten die Polizisten sicher, dass der Mann, wie von ihm versprochen, tatsächlich keinen Widerstand mehr leisten würde. Der 49-Jährige wurde schließlich in eine Klinik gebracht. Die Pistole, die er in der Hand gehabt hatte, erwies sich als harmloses Imitat. Trap zeigt sich mehr als zufrieden. Am Ende des Tages hätten alle beteiligten Einsatzkräfte sicher nach Hause gehen können, sagt er. "Das Seil hat uns wirklich die Chance gegeben, etwas zwischen uns und die Person zu stellen und sie dann ordentlich und sicher herauszuholen."

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