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Wolfgang Niedecken im Interview - Wo ist die Friedensbewegung? - BAP-Sänger Wolfgang Niedecken im heute.de-Interview

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Beim Blick auf den Patienten Weltfrieden stockt BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken der Atem. An Ostern auf die Straßen zu gehen, hält er aber nicht mehr für das adäquate Mittel.

Ostermarsch 1998 in Brandenburg
Ostermarsch 1998 in Brandenburg Quelle: dpa

heute.de: Wir feiern einerseits den Siegeszug des Peace-Zeichens, das vor 60 Jahren als kraftvolles Erkennungszeichen für den allerersten Ostermarsch entworfen wurde. Gleichzeitig gehen immer weniger Menschen auf die Straße, um sich für Frieden einzusetzen. Wie sehr schmerzt Sie diese Entwicklung?

Wolfgang Niedecken: Man muss dabei zur Kenntnis nehmen, dass sich die Welt seit der Hochphase der deutschen Friedensbewegung zu Beginn der 80er Jahre in eine Richtung verändert hat, die damals keiner für möglich gehalten hätte. Es ist nicht mehr so wie damals, wo man mit einem großen Ostermarsch in den Medien präsent gewesen ist und der breiten Öffentlichkeit bewusst machen konnte, um was es geht. Wir haben heute eine komplett andere Mediengesellschaft. Wer möchte, kann immer alles erfahren. Tag für Tag sehen wir das Elend auf der Welt, sei es im Bürgerkrieg in Syrien, in der Ostukraine, im Jemen oder im Ostkongo. Darauf muss man nicht noch einmal extra mit einem Ostermarsch aufmerksam machen. Das wäre auch ziemlich naiv, denn worauf mehr will man noch hinweisen? Das Problem, mit dem wir es momentan eher zu tun haben, ist die Tatsache, dass die Menschen dicht machen. Ich weiß nicht, wo sie hinsehen, wenn sie Fernsehberichte über die in Syrien abgeworfenen Fassbomben und das, was sie anrichten, sehen oder das Flüchtlingselend in der Welt. Als Künstler müssen wir dafür sorgen, dass bei den Leuten ihre Empathie nicht komplett versiegt. Wenn jeder nur an sich denkt, ist das das Ende unserer Zivilisation.

heute.de: Ist unsere Gesellschaft abgestumpft von so viel Gewalt in der Welt oder ist das Verstummen als ein Ausdruck von Resignation zu interpretieren?

Wolfgang Niedecken: Ich glaube nicht, dass die Menschen wirklich resigniert haben oder gar abgestumpft sind. Die Situation während des Kalten Krieges war teilweise ebenfalls wirklich gefährlich. Die Menschen haben das damals erkannt und sind aus der unmittelbaren Erkenntnis auf die Straße gegangen, dass die Politik, die von beiden Seiten betrieben wurde, unweigerlich zu einer großen Katastrophe führen würde. Die Kriegsangst war so virulent, da musste niemand überredet werden, mitzukommen. Auch wir waren als BAP Anfang der 80er Jahre eine ganz normale Rockband. Aber als politische Menschen war uns klar, dass wir uns engagieren mussten, etwa auf den Rheinwiesen in Bonn-Beuel, als wir mit Joseph Beuys vor 300.000 Menschen gegen die Nachrüstung gespielt haben. Dieses Engagement für die Belange anderer vermisse ich heute an der ein oder anderen Stelle.

heute.de: Was wünschen Sie sich gerade von der jüngeren Generation, brauchen wir eine neue Friedensbewegung?

Wolfgang Niedecken: Das Beste, was man tun kann, ist sich für die Idee Europas einzusetzen. Es ist tatsächlich wichtiger, sich politisch zu informieren, als an Ostern auf die Straße zu gehen. Natürlich ist es immer noch sehr rührend, aber viel mehr ist es leider nicht. Das tut mir in der Seele weh, weil sich da Menschen engagieren, die Ideale haben, die für etwas einstehen. Aber es ist längst nicht mehr das adäquate Mittel. In reizüberfluteten Zeiten muss man lernen zu fokussieren, sonst verblödet man. Wir müssen unbedingt aufpassen, dass sich Europa nicht auflöst. Wenn wir es nicht schaffen, die EU-Mitgliedsstaaten bis 2022 wieder zu vereinen, haben wir ein richtiges Problem. Von mir aus in einem Europa der zwei Geschwindigkeiten. Am Horizont lauert sonst das Gespenst, das die Franzosen gerade noch einmal vertrieben haben: eine Präsidentin Marine Le Pen und damit ein weiterer Rechtsruck Europas. In vielen Ländern haben Populisten die Macht übernommen - eine ganz, ganz gefährliche Entwicklung. Man stelle sich vor, in den beiden wichtigsten Ländern Europas würden die Regierungen von der AfD und der Front National gestellt. Dann würde es wirklich eng.

heute.de: In der Öffentlichkeit dominieren aktuell PEGIDA-Demonstrationen und nicht Kundgebungen der Friedensbewegung. Gewinnt rechts, weil links versagt?

Wolfgang Niedecken: Nein. Das liegt vielmehr daran, dass rechte Populisten skrupellos vereinfachen und für das komplizierte Weltgeschehen viel zu einfache, aber leicht verdauliche Lösungen auf Stammtischniveau anbieten. Sie bedienen sich dabei an Rezepten von vorgestern und schüren Ängste. Sowas will man natürlich als aufgeklärter Mensch nicht. Das gebietet alleine der Anstand. Man muss sich mit großen gemeinsamen Kraftanstrengungen den Ignoranten und Unbelehrbaren argumentativ entgegenstellen. Aber ich freue mich, dass ich immer wieder im Alltag auf viele solcher Menschen mit Werten treffe, die sich für Flüchtlinge engagieren und versuchen, bei dieser ganzen Hetze menschlich zu bleiben. Man hat es noch lange nicht geschafft, alle Menschen ins Bockshorn zu jagen.

heute.de: Inwieweit gilt dieser positive Eindruck auch für den Patienten Weltfrieden?

Wolfgang Niedecken: Ich halte die Luft an. Die Entwicklung ist sehr alarmierend. Tag für Tag blicke ich mit größeren Sorgen auf die USA. Wie soll man beruhigt sein, wenn der neue Sicherheitsberater des Präsidenten sich für einen Präventivschlag gegen Nordkorea ausspricht und notfalls Krieg mit dem Iran führen will? Ich kann sowas nicht verdrängen. In Köln gibt es zwar den Spruch "Et hätt noch immer joot jejange", aber der funktioniert hier leider nicht. Wir müssen uns wirklich darüber klar werden, wie gefährlich die Lage momentan ist und dementsprechend handeln. Wir brauchen eine "Koalition der Anständigen" und zwar parteiübergreifend. Von mir aus kann man das auch "Friedensbewegung" nennen.

Das Interview führte Michael Kniess.

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