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Mord im Krankenhaus - Warum stoppte niemand den Todespfleger?

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Er könnte der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte sein: Der Krankenpfleger Niels H. soll mehr als hundert Patienten-Morde begangen haben. Nun beginnt sein zweiter Prozess.

Niels H. soll die Taten in den Jahren 2000 bis 2005 an zwei Krankenhäusern in Niedersachsen, in Oldenburg und Delmenhorst, begangen haben. Ein Mörder aus Langeweile, wie es scheint, der seinen Opfern Substanzen spritzt, sie damit in Lebensgefahr bringt und sie anschließend reanimiert, um als grandioser Retter dazustehen. Den Tod der Patienten nimmt er dabei offenbar in Kauf.

Wer hat weggeschaut?

Wie kann es sein, dass ein Pfleger über einen so langen Zeitraum mordet, ohne gestoppt zu werden? Noch könne man nur spekulieren, so Arne Schmidt von der Soko Kardio, der die Ermittlungen gegen Niels H. leitete. Aber offenbar konnten sich seine Kollegen in den Kliniken nicht wirklich vorstellen, dass einer von ihnen absichtlich Patienten tötet.

Den Ermittlungen zufolge fiel Niels H. bereits im Klinikum Oldenburg auf. Es gab eine ungewöhnlich hohe Zahl an Reanimationen, immer wenn er Dienst hatte, sowie eine erhöhte Zahl an Sterbefällen. Aussagen von Kollegen wie "Passt auf meine Patienten auf! Der Niels hat wieder Nachtdienst" sind für den Ermittler ein Indiz dafür, dass dies der Mitarbeiterschaft bewusst war.

Niels H. bekam sogar noch ein gutes Zeugnis

Dass dennoch über so einen langen Zeitraum niemand zum Telefon griff und die Ermittlungsbehörden informierte, ist für den Ermittler bis heute unbegreiflich. Ebenso die Tatsache, dass Niels H. vom Klinikum Oldenburg ein gutes Zeugnis ausgestellt bekam und regelrecht weggelobt wurde. Niels H. wechselte damit ans Klinikum Delmenhorst, wo er seine Serie fortsetzen konnte.

Die Angst von Verantwortlichen, den guten Ruf zu verlieren, könnte möglicherweise dazu beigetragen haben, dass die Tötungsserie von Niels H. so lange andauern konnte, so Ermittler Arne Schmidt. "Man hätte ihn und andere Täter erkennen können, wenn man nicht das Wohl des eigenen Hauses über den Aufklärungswillen gestellt hätte", dieser Ansicht ist auch der Psychiater Karl H. Beine.

47 Tötungsserien weltweit

Seit fast 30 Jahren forscht Beine an der Uni Witten/Herdecke zum Thema Patiententötungen in Kliniken und Heimen. Weltweit hat er 47 Tötungsserien ausgemacht. Er sieht verschiedene Gründe, weshalb Täter wie Niels H. oft so lange nicht auffallen, und dadurch die Opferzahlen hoch sind.

In Krankenhäusern gibt es auch natürliche Todesfälle. Die Handlungen, mit denen getötet wird, sähen häufig so aus wie ganz normale medizinische oder pflegerische Verrichtungen, so Psychiater Beine. Es sei also nicht ganz leicht, ein Verbrechen zu erkennen.

Überlastete Mitarbeiter und Gewinnmaximierung

Dass Täter nicht schneller identifiziert werden, hänge auch mit der Überlastung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Krankenhaus zusammen, sagt Beine. Heutzutage zähle in Kliniken nur noch, was Gewinn bringt, die schwarze Null. Pflegepersonal sei reduziert worden. Die Achtsamkeit gegenüber Patienten habe in den letzten 20 Jahren abgenommen.

Wer ständig überfordert sei, verliere den Blick für das Gegenüber, für den Kollegen, so Beine. Dann "dürfe man sich nicht darüber wundern, dass auch suspekte Handlungen nicht auffallen". Die Mitarbeiter müssten Zeit haben in ihrem Alltag, um erkennen zu können, wenn ein Kollege aus dem Ruder laufe.

Angehörige hoffen auf Antworten im Prozess

"Wir haben nicht scharf genug hingesehen, was da passiert", sagt Frank Lauxtermann. Der Krankenpfleger hat im Klinikum Oldenburg mit Niels H. zusammen auf der Station gearbeitet. "Da kommt dann eine Routine dazu, eine Gemeinschaft dazu", erklärt er heute, warum zunächst keiner der Kollegen misstrauisch wurde. Niels H. sei kein Einzelgänger gewesen, er habe dazugehört: "Insofern konnte er gedeihen. Er konnte auch gedeihen, weil keine Schlüsse gezogen wurden."

Niels H. wurde 2015 für sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilt, wird nun für 100 weitere Fälle vor Gericht stehen. Es wird dann auch darum gehen, warum der hohe Medikamentenverbrauch nicht auffiel, warum Verantwortliche in den Kliniken nicht angemessen handelten. Es sind diese Fragen, die die Angehörigen umtreiben. Von dem Prozess mit über hundert Nebenklägern, der am 30. Oktober in Oldenburg beginnt, erhoffen sie sich endlich eine Antwort.

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