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Vulkanausbruch auf Guatemala - "Niemand hätte sterben dürfen"

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Beim Ausbruch des Feuervulkans wurden in Guatemala über 100 Menschen getötet. Kritik gibt es an den Behörden. "Es hätte niemand sterben dürfen", sagt eine deutsche Helferin.

Aufräumarbeiten nach dem Vulkanausbruch in Guatemala
Aufräumarbeiten nach dem Vulkanausbruch in Guatemala Quelle: dpa

heute.de: Haben Sie in der Hauptstadt überhaupt etwas von der Katastrophe mitbekommen?

Lilli Ebner-Stoll: Ja. Am Sonntagmittag hat sich die ganze Stadt verdunkelt, weil so viel Asche in der Luft war. Alles wurde von einer Asche-Schicht bedeckt, man hat die Asche bei jedem Atemzug gespürt. Wir haben in der Stadt also eine Vorahnung bekommen, was in der Ferne passiert sein könnte.

heute.de: Wie geht es Ihnen?

Ebner-Stoll: Mir geht es gut. Ich bin ja in Guatemala-Stadt, circa 45 Kilometer vom Vulkan entfernt. Aber ich breche morgen auf, um vor Ort mit anzupacken.

heute.de: Sie arbeiten im humanitären Bereich. Woran fehlt es am meisten?

Ebner-Stoll: Die Suche ist unendlich schwierig. Die Menschen in der freiwilligen Feuerwehr sind für mich echte Helden. Sie setzen ihr Leben aufs Spiel, denn sie haben keine gute Ausrüstung. Die Lava ist immer noch glühend heiß. Manchen hat es die Sohlen von den Schuhen weggeschmolzen. Sie kommen nur auf den Hausdächern voran, weil der Boden brennt.

heute.de: Die Bergungsarbeiten werden auch immer wieder unterbrochen.

Ebner-Stoll: Der Vulkan ist ein zweites Mal ausgebrochen. Das hat eine Panik-Welle ausgelöst. Wir hatten die Sorge, das Drama vom Sonntag würde sich wiederholen. Eine weitere große Eruption könnte auch die Auffangzentren gefährden. Nun suchen die Hilfskräfte weiter, doch mittlerweile schwindet die Hoffnung, dass die 200 vermissten Menschen noch am Leben sind.

heute.de: Wie bewerten Sie das Krisenmanagement vor Ort?

Ebner-Stoll: Viele helfen, aber die Hilfe kommt nicht immer effizient, innovativ und schnell genug an. Obwohl Guatemala viele aktive Vulkane hat, war keiner so richtig auf die Situation vorbereitet. Es fehlt an Training und an Notfallplänen. Es braucht eine bessere Strategie und eine gemeinsame Kommunikation und Koordination der Hilfe. Sieben Stunden vor dem Ausbruch war der Regierung die Gefahr bekannt, doch es wurde viel zu spät Alarm geschlagen. Dabei wäre genug Zeit gewesen, alle Menschen zu evakuieren. Es hätte niemand bei diesem Vulkanausbruch sterben dürfen.

heute.de: Wenn alles durcheinander geht, kann die Hilfe gar nicht ankommen.

Ebner-Stoll: Genau das ist die Gefahr. Und deswegen bauen Freunde gerade eine Online-Plattform auf, um die Hilfsaktionen zu koordinieren: Wo sind wie viele Menschen in welcher Unterkunft? Was wird dort benötigt? Wo gibt es Engpässe? All das läuft hier zusammen. Und Social Media ist ein wahrer Segen. Es gibt zum Glück viele Helfergruppen. Aktuell organisieren wir uns vor allem über WhatsApp und Facebook. So sind wir oft schneller als die staatliche Hilfe.

heute.de: Das Verhältnis zwischen US-Präsident Donald Trump und Lateinamerika ist angespannt. Trotzdem hat die US-Air Force sechs Kinder ausgeflogen, um sie in Texas zu behandeln. Wie beurteilen Sie das?

Ebner-Stoll: Wir freuen uns über jede Form von Unterstützung und Solidarität. Und klar, gegen eine gute amerikanische Versorgung ist nichts einzuwenden. Mein Eindruck ist aber, dass es auch in Guatemala gute Kliniken gibt. Die Kinder sind traumatisiert - und jetzt sind sie nicht einmal in der Nähe ihrer Familien. Ich hoffe nur, dass sie auch psychologisch gut betreut werden. Denn die seelischen Wunden heilen langsamer als die körperlichen.

Karte: Guatemala - Guatemala-Stadt - Volcán de Fuego
Karte: Guatemala - Guatemala-Stadt - Volcán de Fuego Quelle: ZDF

heute.de: Wie schnell wird sich Guatemala von der Katastrophe erholen?

Ebner-Stoll: Noch stecken wir ja mitten in der Katastrophe. Wichtig ist, dass wir die Krisenphase bald verlassen und in eine strategische Lösungsphase kommen. Und das wird schwierig. Viele stehen vor dem Nichts. Alles wurde zerstört. Die Menschen haben nicht nur Freunde, Familie und ihr Zuhause verloren, sondern auch ihre Lebensgrundlage. Viele haben von ihren Feldern gelebt, die ganze Ernte ist zerstört. Es wird Jahre dauern, bis sich der Boden wieder erholt hat und in den betroffenen Regionen wieder Landwirtschaft betrieben werden kann.

heute.de: Sie sind seit einem knappen Jahr in Guatemala. Wie hat sich Ihr Blick auf das Land durch die Katastrophe verändert?

Ebner-Stoll: Nach wie vor ist Guatemala ein fantastisches Land. Ich bin beeindruckt, wie sehr die Menschen zusammenrücken. Jeder packt mit an, gerade die, die wenig haben. Mich empört aber, dass jedes zweite Kind in Guatemala mangelernährt ist. Und das ist ein gravierendes Problem. Wer in den ersten zwei Jahren nicht genügend Nahrung bekommt, hat lebenslang Nachteile. Mangelernährung beeinträchtigt kognitive und soziale Fähigkeiten und auch das Immunsystem. Die Kinder können in der Schule nicht die gleichen Leistungen erbringen und haben später schlechtere Jobchancen. Sie bleiben also im Teufelskreis der Armut gefangen. Das trifft vor allem indigene Kinder in strukturschwachen Gebieten. Es ist schön, dass Guatemala gerade so viel Hilfe bekommt. Aber die Hilfe ist auch unabhängig von der Vulkan-Katastrophe notwendig.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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