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Nigeria - Stifte sollen Mädchen in die Schule bringen

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Heute ist Weltalphabetisierungstag: Das ist wichtig, denn weltweit verpassen fast 60 Millionen Kinder die Chance, lesen zu lernen, weil sie nicht in die Schule gehen. Vor allem Mädchen sind betroffen. Was dagegen getan werden kann, zeigt Nigeria - das Land, in dem das Problem auch am größten ist.

Als Comrade Bala Tsoho Musa vor rund einem halben Jahrhundert in die Schule gehen wollte, war die Großmutter entsetzt. Der Widerstand gegen Schulen sei damals ein "anti-kolonialer Akt" gewesen, sagt der Nigerianer. Ablehnung und Geringachtung von Schulbildung beobachtet er aber immer noch - jedoch aus anderen Motiven: Heute sei es Ignoranz, betont Musa. Rund zehn Millionen Kinder gehen in dem westafrikanischen Land nicht zur Schule.

Lesen in der modernen Welt unabdingbar

Weltweit sind es laut UN fast 60 Millionen Jungen und Mädchen. Nigeria führt dabei die Statistik an. Die meisten Länder mit niedriger Alphabetisierungsquote in Afrika liegen südlich der Sahara. Vor allem Mädchen und Frauen sind benachteiligt: Rund zwei Drittel aller Analphabeten weltweit sind weiblich.

Dabei seien in der globalisierten Welt Wissen und Kommunikationsfähigkeit unabdingbar, ist Musa überzeugt. In seiner Familie fand er schon damals genug Rückhalt, um die Bedenken der Großmutter zu zerstreuen. Heute ist Musa selbst Schulleiter in Bwari, gut 50 Kilometer vor den Toren der Hauptstadt Abuja entfernt.

Schwerer hatte es Aderonke Bello. Die 29-jährige Journalistin hat sich für ihre eigene Schulkarriere gegen viele Widerstände und Vorurteile durchsetzen müssen - und engagiert sich nun umso entschlossener für die Förderung von Frauen und Mädchen, die mehr als Jungen bei der Bildung außen vor bleiben. Auch sie nennt "Ignoranz" an erster Stelle für die Gründe fehlender Schulbildung.

Kampagne #1girl1pen soll helfen

Mit einer Twitter-Kampagne #1girl1pen - zu Deutsch: ein Mädchen, ein Stift - will Bello Aufmerksamkeit auf den Notstand lenken und Eltern mobilisieren, ihre Töchter zur Schule zu schicken. Sie sieht besonders großen Aufklärungsbedarf in den Dörfern und Familien, die von Informationen und dem modernen Leben abgeschnitten sind. "Mädchen werden wie ein Stück Vieh verschachert und an irgendwen verheiratet", empört sie sich, denn "sie wissen es nicht besser".

Etwas nüchterner klingt die Analyse von UNICEF Nigeria. Bis heute gebe es im Norden eine Präferenz für Koran-Schulen, erklärt die Projektleiterin für Mädchenbildung, Teidje Vallandingham. Während die überwiegend christlichen Yoruba und Igbos im Süden eine
Alphabetisierung von rund 94 Prozent erreicht hätten, liege die Quote bei Familien mit einem mehrheitlich muslimischen Haussa-Haushaltsvorstand bei ungefähr 40 Prozent. "Was wir formelle Schulbildung nennen, wird nicht geschätzt. Rund zehn Millionen Kinder in Nigeria gehen nicht zur Schule. Die meisten von ihnen im Norden. Natürlich ist es die Armut, aber es gibt auch sozial-kulturelle Gründe. Die Mädchen werden früh verheiratet, sie werden früh schwanger und dann hat Bildung keine Priorität mehr", sagt Vallandigham.

Die Krise durch den Terror der Boko Haram hat die Lage verschärft. Schulgebäude sind zerbombt, Lehrer auf der Flucht. Der Bundesstaat Borno, das Schlusslicht in Sachen Schulbildung mit einer Analphabetenquote von 85,4 Prozent, ist auch das Kernland von Boko Haram.

UNICEF: "Brauchen ganz großen Knall"

UNICEF versucht eine angepasste Herangehensweise: Unterricht in Haussa, Lese-Klubs und auch integrierte Schulen, die formelle Bildungsangebote in Koranschulen einbinden. "Wir brauchen einen ganz großen Knall" - im positiven Sinne, meint Vallandingham. "Und einen gewaltigen Pusch vorwärts."

Dazu muss auch Geld fließen. Doch hier stockt es ebenfalls. Korrupte Beamte und Politiker veruntreuten immer wieder Geld aus dem Erziehungssektor, beklagt Schulleiter Musa. Zusätzlich wurden die Gelder 2016 für den Bildungsbereich um ein Fünftel gekürzt und in diesem Jahr auf sechs Prozent des Gesamtbudgets nur unwesentlich angehoben.

Dennoch gibt es Zuversicht. UNICEF-Projektleiterin Vallandingham appelliert an das Durchhaltevermögen aller: "Wenn wir weiterhin zusammenarbeiten und die Ressourcen aller Organisationen gut abstimmen, schaffen wir es, bis 2030 alle Kinder in die Schule bekommen", betont sie, "wie es in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen verabredet worden ist."

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