Nitrat: Das Dilemma um schärfere Düngeregeln

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Bauern-Proteste in Münster - Nitrat: Das Dilemma um schärfere Düngeregeln

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Tausende Landwirte protestieren heute in Münster gegen immer schärfere Dünge-Auflagen, die Nitrat im Grundwasser reduzieren sollen. Der EU gehen sie nicht weit genug. Ein Dilemma.

Archiv: Ein Landwirt bringt am 04.03.2014 Gülle auf einem Feld aus
Nitrat gelangt vor allem dann ins Grundwasser, wenn an der Oberfläche zu viel Gülle und stickstoffhaltiger Dünger auf den Acker kommen.
Quelle: dpa

Die Rechtslage ist eigentlich eindeutig: Deutschland muss die Nitratwerte im Grundwasser reduzieren. Denn die sind vielerorts zu hoch, reißen den EU-Grenzwert von 50 Milligramm je Liter. Laut Umweltbundesamt ist das bei etwa 28 Prozent der Messstellen der Fall, die in landwirtschaftlichen Gebieten liegen.

Im letzten Juni hatte deshalb der Europäische Gerichtshof (EuGH) einer Klage der EU-Kommission Recht gegeben: Deutschland habe jahrelang zu wenig gegen überhöhte Nitratwerte getan. Seitdem erhöht die EU stetig den Druck, die Bundesregierung versucht, ihr mit verschärften Dünge-Regeln entgegenzukommen. Und die Landwirte fühlen sich durch diese Auflagen zunehmend bedroht. Eine Lösung ist dabei nicht in Sicht.

Für Säuglinge gefährlich

Nitrat gilt als bedenklich, weil es sich im Magen von Säuglingen in Nitrit verwandeln kann. Gelangt das ins Blut, bremst es die Sauerstoffaufnahme - mit möglicherweise schlimmen Folgen. Deshalb filtern die Wasserversorger mit teils kostspieligen Verfahren Nitrat heraus - zapfen das Grundwasser in immer tieferen Schichten an oder verdünnen belastetes Trinkwasser. "Die kommunale Wasserwirtschaft fordert seit langem, die Düngeverordnung so anzupassen, dass das Grundwasser als wichtigste Trinkwasserressource dauerhaft geschützt wird", so Karsten Specht vom Verband kommunaler Unternehmen (VKU). Gut ist zu viel Nitrat nebenbei aber auch nicht für Seen, Bäche und Flüsse. Es regt das Wachstum von Algen an und führt zu Sauerstoffmangel im Wasser.  

Nitrat gelangt vor allem dann ins Grundwasser, wenn an der Oberfläche zu viel Gülle und stickstoffhaltiger Dünger auf den Acker kommen. Das geschieht in der Regel in den Regionen, in denen besonders viel Vieh gehalten wird und damit auch besonders viel Gülle anfällt. Stickstoffhaltige Gülle ist zwar eigentlich natürlich und gut für die Pflanzen. Wenn aber zu viel gedüngt wird, können die Pflanzen die Nährstoffe nicht mehr aufnehmen. Die Stickstoffe gelangen als Nitrat ins Grundwasser.   

Strengere Regeln

Immerhin: Schon 2017 hat die Bundesregierung mit strengeren Dünge-Regeln reagiert. Dazu gehören Obergrenzen für Stickstoff und längere Düngeverbote. Der EU-Kommission reichte das aber nicht, weshalb jetzt bis 2020 nochmal nachgelegt wird. So soll zum Beispiel ein Düngeverbot im Spätsommer bei Winterraps, Wintergerste und einigen Zwischenfrüchten in belasteten Gebieten gelten. Pauschal soll der Düngebedarf um 20 Prozent gesenkt werden. Und es soll Obergrenzen pro Feld geben statt bisher für Betriebe insgesamt.

Ist damit die EU besänftigt? Fehlanzeige. Im März schrieb der zuständige EU-Kommissar Karmenu Vella an das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium, dass sich Deutschland noch nicht zu "weiteren erforderlichen Gesetzesänderungen" verpflichtet hätte. Er empfehle nachdrücklich diese weiteren Änderungen nach Brüssel zu melden, so dass die EU-Nitratrichtlinie und das EuGH-Urteil rasch und vollständig umgesetzt würden.

Frist verstrichen

Grundwasserschutz geht nur mit, nicht gegen die Bauernfamilien.
Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU)

Eine Frist dafür ist allerdings am letzten Wochenende verstrichen. Die Bundesregierung hat sich nämlich nicht auf neue Vorschläge einigen können. Während das SPD-geführte Bundesumweltministerium auf hohe Kosten für die gesamte Gesellschaft verweist ("sauberes Wasser ist ein hohes Gut"), betont Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU): "Grundwasserschutz geht nur mit, nicht gegen die Bauernfamilien". Es müsse daher praktikable Lösungen geben und Finanzhilfen für die Landwirte.

Die neue, fachlich fragwürdige Verschärfung der Verschärfung der Düngeverordnung ist für viele Höfe nicht mehr leistbar.
Dieter Hagedorn, Landwirtschaftlicher Kreisverband Lippe

Und die gehen heute in Münster erstmal auf die Straße. Zwar wollen auch sie unbelastetes Grundwasser, heißt es. Aber: "Die neue, fachlich fragwürdige Verschärfung der Verschärfung der Düngeverordnung ist für viele Höfe nicht mehr leistbar", sagt Dieter Hagedorn, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Lippe. Es brauche außerdem Zeit, bis der Erfolg der 2017 erlassenen Regeln im Boden messbar sei. Auch der Deutsche Bauernverband verweist dabei auf schon jetzt "spürbare Auswirkungen"'. So sei etwa der Absatz von stickstoffhaltigen Mineraldüngern bereits zurückgegangen.

Die EU-Kommission wird das möglicherweise nicht beeindrucken. Sie droht der Bundesregierung mit hohen Strafen. Sollte sie die Nitrat-Belastung nicht in den Griff bekommen, müsste sie rund 860.000 Euro Strafe zahlen - und zwar täglich.

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