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Bei Austritt am 31. Oktober - No-Deal-Brexit: Folgen für die EU

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Noch ist der 31. Oktober das Austrittsdatum für Großbritannien. Sollte es ein Brexit ohne ein Abkommen werden, werde das auch die EU deutlich zu spüren bekommen.

Archiv: Flaggen der EU und Großbritanniens vor dem Parlament in London am 15.01.2019.
Flaggen der EU und Großbritanniens
Quelle: Reuters

Währung

Anders als das Pfund dürfte der Euro nicht so stark von einem harten Brexit getroffen werden. Doch ausschließen kann man das nicht. "In den vergangenen Jahren hat das Risiko eines 'No Deal' auch immer den Euro belastet", sagt Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte der Commerzbank. "Die europäische Wirtschaft würde darunter leiden", ist auch Christian Apelt, Volkswirt der Helaba, überzeugt. Ohnehin befindet sich die Wirtschaft in einer fragilen Phase: Der Handelskonflikt zwischen den USA und China, aber auch drohende Zölle der USA auf europäische Produkte und Dienstleistungen machen die Finanzmärkte nervös. Ein harter Brexit könnte die Lage noch weiter verschlimmern, es droht eine Rezession - zumindest im größten Mitgliedsland Deutschland. "Der Euro wird nicht kollabieren, aber die Reaktion wäre sichtbar", vermutet Leuchtmann, der nach einem ungeregelten Ausscheiden der Briten aus der EU einen Eurokurs von 1,05 Dollar für möglich hält.

Sollte die Reaktion an den Märkten zu heftig ausfallen, dann könnte die EZB sich auch gezwungen sehen zu intervenieren. Um die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit abzufedern, könnte die EZB auch ihre Geldpolitik generell weiter lockern. "Viel Spielraum hat sie aber nicht mehr", glaubt Volkswirt Apelt. Die unmittelbaren Folgen eines Brexit sieht Ökonom Leuchtmann als weniger gravierend an, als die mittel- bis langfristigen. Kurzfristig könnte sich das Pfund auch wieder erholen. Das gilt ohnehin, wenn die Verhandlungspartner doch noch rechtzeitig einen "Deal" verabreden sollten.

Handel

Während für Großbritannien die anderen EU-Länder insgesamt die wichtigsten Handelspartner sind mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent, haben die Exporte der EU auf die britische Insel mit knapp 194 Milliarden Euro nur einen Anteil von knapp zehn Prozent. Schaut man auf den gesamten Außenhandel in Deutschland, so entfällt nur ein Anteil von sechs Prozent auf Großbritannien. "Man sollte die Bedeutung des Vereinigten Königreichs für die EU aber nicht herunterreden", sagt Klaus-Jürgen Gern vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Der Verlust an Handelsvolumen und an Aktivitäten wird sich innerhalb des Euroraums bemerkbar machen."

Während ein harter Brexit auf der britischen Insel zu einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von einigen Prozentpunkten führen dürfte, würde das die gesamte EU nur ein paar Zehntel Prozentpunkte kosten. Einzelne Branchen dürften besonders stark in Mitleidenschaft gezogen werden. "Viele Unternehmen haben sich in den vergangenen Monaten schon mit ihren Investitionen zurückgehalten", sagt Michael Heise, Berater der Allianz. Nach einem Brexit wird das Vereinigte Königreich zudem nach den Regeln der Welthandelsorganisation WTO als Drittland behandelt. "Das wird zu einem substantiellen Anstieg der Zölle und zu einem dauerhaften Rückgang des Handelsvolumens führen", ist Ökonom Gern überzeugt.

Grenzkontrollen

Diese Situation als Drittland zwinge dann auch die EU dazu, gegenüber Großbritannien Zölle zu erheben wie auch gegen die anderen "Drittländer" außerhalb der EU, mit denen sie kein Freihandelsabkommen geschlossen habe, ist Ökonom Heise überzeugt. Das erfordert die "Meistbegünstigungsklausel" in der WTO: "Kurzfristig wird es aber Übergangsregelungen geben", sagt Gern vom IfW. Die Politik habe es in anderen dringenden, als ausweglos erscheinenden Lagen immer wieder geschafft, schlimmste Unfälle zu vermeiden. Deshalb werde man auch hier Notfalllösungen finden, hofft er.

Diese Übergangsregeln hatte man im Frühjahr ja schon beschlossen. Für ein halbes Jahr etwa könnte man dann gegebenenfalls von Zöllen absehen, glaubt Heise. Für Reisende bedeutet das nach solchen Übergangsregelungen eine mühsamere Einreise nach Großbritannien. Denn bisher sind die Kontrollen für EU-Angehörige weniger streng, spezielle Spuren an den Flug- oder Seehäfen entfallen dann. Das gilt umgekehrt genauso.

Vor dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs drückt die EU in den Brexit-Verhandlungen aufs Tempo. "In den letzten Stunden hat es enorm Bewegung in den Brexit-Verhandlungen gegeben", so ZDF-Korrespondent Stefan Leifert.

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2 min
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Luftverkehr

Nach einem ungeregelten Brexit steht der Luftverkehr zwischen der EU und Großbritannien nicht still. Dafür hat die EU-Kommission Vorkehrungen getroffen, diese Vorsichtsmaßnahmen stellen sicher, dass es weiter eine Grundversorgung im Luftverkehr zwischen Kontinentaleuropa und Großbritannien gibt. Das gilt auch für technische Zulassungen. Die gelten zunächst weiter. Dennoch, so ist aus der Branche zu hören, könnte es Schwierigkeiten geben, denn nach einem harten Brexit dürfen britische Fluggesellschaften nicht mehr innerhalb der EU fliegen. Das trifft vor allem die Fluggesellschaften mit Sitz auf der britischen Insel, die deshalb zum Teil schon eigene Gesellschaften auf dem Kontinent gegründet haben.

Die Übergangsregeln wurden schon zum eigentlich geplanten Austrittsdatum Ende März verabschiedet. Dass nun die damals geplanten Zeiträume verlängert werden, das halten Beobachter für eher unwahrscheinlich. Große europäische Carrier wie die Lufthansa oder Air France aber dürften generell wenig betroffen sein. Schwieriger ist die Lage für die IAG-Gruppe, denn ihr gehören neben Iberia und Vueling etwa auch British Airways an. Die EU dürfte aber wenig Interesse daran haben, den Luftverkehr ins Chaos zu stürzen. Beiden Seiten sollte deshalb daran gelegen sein, zügig ein Luftverkehrsabkommen auszuhandeln.

Arzneimittel

Die Medikamentenversorgung in der EU dürfte auch nach einem harten Brexit nicht gefährdet sein. Das bestätigt auch die zuständige deutsche Behörde, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Die Pharmahersteller hätten die Zeit gut genutzt, sich auf diesen Fall vorzubereiten, sagt Siegfried Throm, Geschäftsführer des Verbands forschender Arzneimittelunternehmen (vfa). Der Handel zwischen der britischen Insel und dem Kontinent ist eigentlich rege: 45 Millionen Medikamentenpackungen werden pro Monat aus Großbritannien in die EU-27 exportiert, umgekehrt sind es 37 Millionen Packungen.

Auch wenn die Branche sich gut vorbereitet fühlt: Nach einem Brexit kommt Doppelarbeit auf sie zu, etwa bei der Zulassung der Medikamente. Klinische Studien aus der EU müssen künftig im Vereinigten Königreich gesondert genehmigt werden, Nebenwirkungen von Medikamenten in einer Datenbank sowohl in der EU-27 als auch in Großbritannien gespeichert werden. Positiv sei, so der vfa-Geschäftsführer, dass auf der britischen Insel die in der EU zugelassenen Medikamente in einem Schnellverfahren anerkannt würden.

Umgekehrt gelte das jedoch nicht. "Ein Freihandelsabkommen ist für Arzneimittel und Wirkstoffe unverzichtbar", sagt Throm. Das sollte recht schnell zu schaffen sein, schließlich gebe es genügend andere Abkommen der EU etwa mit den USA und der Schweiz. Größte Leidtragende des Brexit sei jedoch die bisher in London angesiedelte Arzneimittelbehörde EMA. Sie musste nach Amsterdam umziehen. Doch nur zwei Drittel der bisherigen Beschäftigten wollten mitgehen. Deshalb werde die EMA vorübergehend ihre Arbeit auf die vordringlichen Bereiche konzentrieren müssen.

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