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Vor dem 31. Oktober - No-Deal-Brexit: Die Folgen für Großbritannien

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Am 31. Oktober verlässt Großbritannien voraussichtlich die Europäische Union - womöglich ohne Abkommen. Ein solcher No-Deal-Brexit könnte schwere Folgen für Großbritannien haben.

"Grüne Grenze" zwischen Nordirland und der Republik Irland.
Ein No-Deal-Brexit könnte zu erheblichen Schwierigkeiten an der Grenze auf der irischen Insel führen.
Quelle: Peter Morrison/AP/dpa

Die Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals warnen schon seit Langem: Sollte es am 31. Oktober zu einem harten Brexit kommen, dann dürfte die britische Wirtschaft dies deutlich zu spüren bekommen.

Doch ein No Deal Brexit ist nicht zwingend gleich ein harter Brexit: Viele Ökonomen rechnen damit, dass es nicht zu einem ganz harten Abschied kommen wird, sondern dass sich beide Seiten auf bestimmte Übergangs- und Notfallregeln einigen werden. Denn daran haben beide Interesse. Die möglichen Folgen eines No-Deal-Brexit für Großbritannien:

Die Währung

Als vor drei Jahren die Briten im Referendum für den Austritt aus der EU gestimmt hatten, da war das britische Pfund gegenüber dem Euro schon kräftig um fast ein Fünftel abgestürzt. Diese Entwicklung könnte sich fortsetzen, wenn die Briten ohne Vertrag ausscheiden. Die Wirtschaftsforscher des Londoner Institute for Financial Studies (IFS) rechnen mit einem weiteren Rückgang des Wechselkurses um zwischen fünf und zehn Prozent. Es würde also teurer für die Briten, Waren zu importieren – aber auch für eine Reise ins Ausland müssten sie mehr Geld bezahlen.

Archiv: 20 Pfund Sterling Noten
Auch ein Währungsverfall des britischen Pfunds ist bei einem harten Brexit nicht auszuschließen.
Quelle: imago

Der Grund für den Währungsverfall: Das Bruttoinlandsprodukt Großbritanniens dürfte in den ersten beiden Jahren nach dem Austritt um zwei Prozent schrumpfen. Um dem entgegenzuwirken, wird die britische Notenbank die Geldpolitik wohl weiter lockern, also den wichtigsten Leitzins von aktuell 0,75 auf null Prozent senken und zusätzlich noch 50 Milliarden Pfund in den Geldkreislauf geben. Auch die britische Regierung dürfte mit hohen zusätzlichen Staatsausgaben versuchen, die schlimmsten Auswirkungen des Brexit abzufedern. Dazu wird sie vermutlich Steuern senken und neue Schulden aufnehmen, 100 Milliarden Pfund dürften das mindestens sein, vermutet das IFS. Damit stiege der Anteil der Schulden auf mehr als 90 Prozent des BIP – 2016 waren das noch 87 Prozent.

Handel

Im Warenverkehr zwischen Großbritannien und der EU dürfte es zu schwerwiegenden Störungen kommen, wenn die Briten den ganz harten Brexit wagen. Großbritannien importierte 2018 53 Prozent der Einfuhren aus der EU, während es 47 Prozent dahin ausführt. Mittelfristig wird der Handel auf jeden Fall nachlassen. Sollte es zu einem unkontrollierten harten Brexit kommen, könne man die Auswirkungen noch nicht seriös berechnen, sagt Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Für wahrscheinlicher hält er, dass man auf beiden Seiten versuchen werde, Übergangsregelungen zu schaffen. Die betreffen vor allem auch die Zollabwicklung und die Kontrollen an den Grenzen und Flughäfen.

Dass sich mittelfristig die Lage für die britischen Exporteure wieder verbessert, weil sie wegen der Schwäche der britischen Währung ihre Produkte günstiger ins Ausland verkaufen können, damit rechnet die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) nicht. Denn es würden vor allem Dienstleistungen ausgeführt, die nicht so preissensibel seien. In der Industrie aber würden viele Zulieferteile importiert, diese würden dann teurer. Manche Exporteure, so hat S&P beobachtet, haben sich beholfen, indem sie ihre Waren in den vergangenen Jahren in Euro- und Dollarpreisen verkauft haben. Damit haben sie sich unabhängiger vom britischen Pfund gemacht – und an dessen Schwäche sogar noch verdient.

Grenzkontrollen

Karte: Großbritannien - Irland - Nordirland
An der Grenze von Nordirland und Irland könnte es zu Grenzkontrollen kommen.
Quelle: ZDF

Nach einem harten Brexit drohen wegen der dann nötigen Kontrollen lange Staus an den Außengrenzen des Vereinigten Königreichs. Das beginnt schon in Irland: zwischen dem Norden, der weiter zu Großbritannien gehört, und der Republik Irland im Süden, die der EU angehört. Aber natürlich gilt das auch für die See- und Flughäfen auf der Insel. Zwar rechnet die IFS damit, dass die Briten auf 87 Prozent der Importe keine Zölle erheben werden. Die EU aber, so glaubt Michael Heise, Berater der Allianz, werde aber Großbritannien nicht anderes behandeln als die anderen Drittländer und entsprechend Zölle erheben.

Lkw am Hafen von Dover
An Grenzen, wie hier am Hafen von Dover, könnte es zu langen Staus kommen.
Quelle: dpa

Von den Zöllen unabhängig aber rechnet die zuständige britische Regierungsbehörde mit jährlichen Kosten für die Unternehmen von 15 Milliarden Pfund. Denn die Firmen müssten dann Unterlagen für den Zoll ausfüllen, also entsprechend Zeit aufwenden. Das verteuere ihre Lieferungen im Schnitt um 28 Pfund. Das werde sich entsprechend auch auf das Wirtschaftswachstum auswirken. "Solche Kontrollen und Zölle von heute auf morgen einzuführen, das ist ja rein physisch gar nicht möglich", meint jedoch Ökonom Gern vom IfW, der deshalb damit rechnet, dass für eine Übergangszeit die alten Regeln weiter gelten.

Luftverkehr

Der irische Billigflieger Ryanair klagt über die sinkende Nachfrage seiner Kunden, die seien unsicher wegen des Brexit. Noch spüren das jedoch nicht alle britischen Fluggesellschaften. Easyjet berichtet für das Sommerquartal noch von robuster Kundennachfrage. Und British Airways ist zuversichtlich, dass es mit der Lage dann umgehen könne.

British-Airways-Maschinen stehen am Flughafen Heathrow.
British Airways ist zuversichtlich, dass sie für den Brexit gewappnet sind.
Quelle: Pa/PA Wire/dpa

Ohnehin dürfte sich auch nach einem unkontrollierten Aussteigen zunächst nichts ändern. Denn schon im Frühjahr, als der Brexit noch für Ende März geplant war, haben sich die Europäer mit den Briten auf Übergangsregelungen geeinigt. Diese werden nun aller Voraussicht nach verlängert bis Oktober 2020. Das hatte zunächst die EU-Kommission vorgeschlagen, die Briten haben aber signalisiert, dass sie das umgekehrt auch den Europäern vorschlagen werden. Im anderen Falle hätten aus Großbritannien kein Flugzeug mehr in Richtung Festland oder umgekehrt abheben können.

Arzneimittel

Die britische Regierung rechnet wegen der schwierigen Situation an den Grenzen mit Nachschubproblemen bei Medikamenten. Britische Patienten müssten länger auf Arzneimittel wie Insulin und Impfstoffe gegen Grippe warten. Diese Impfstoffe aber werden gerade mit Beginn der Grippesaison stark nachgefragt. Denn die Industrie dies- und jenseits des Ärmelkanals ist eng verflochten.

So könnte es Schwierigkeiten nicht nur beim Vertrieb von Medikamenten, sondern auch bei deren Herstellung geben, aber auch bei der Durchführung von klinischen Studien. Das wesentliche Problem nach einem harten Brexit aber ist, dass die Medikamente, die die Briten importieren wollen, neu zugelassen werden müssen. Auch hier ist mit Übergangsregeln zu rechnen.

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