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Johnsons Traum und die Realität

Boris Johnson lässt sich nicht davon abbringen: Deal oder No-Deal, der Brexit komme am 31. Oktober. Die Risiken könne Großbritannien bewältigen. Das sieht die Wirtschaft anders.

Die deutsche Wirtschaft fürchtet einen ungeordneten Brexit.
Für die Wirtschaft bleibt ein ungeordneter Brexit ein Schreckgespenst.
Quelle: Yui Mok/PA Wire/dpa

Den Austrittsvertrag mit der EU neu verhandeln, das will der neue Premierminister und droht damit, die ausstehenden Zahlungen von 39 Milliarden Pfund, also etwa 44 Milliarden Euro, nicht zu zahlen. Die kämen den Briten gelegen, um damit die Wirtschaft zu stützen.

"No Deal" wird Briten Milliarden kosten

"Eine rhetorische Spielerei" nennt das Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland. Diese Summe sei dazu viel zu gering. So hat erst kurz vor Johnsons Amtsantritt das unabhängige Büro für Haushaltsverantwortung in London vorgerechnet, dass ein "No-Deal-Brexit" über die nächsten Jahre 30 Milliarden Pfund im Jahr kosten werde - Jahr für Jahr und das unter Voraussetzung eines "milden" harten Brexit. Philipp Hammond, Schatzkanzler der Vorgänger-Regierung unter Theresa May, hatte sogar eine andere Rechnung aufgemacht: Ein No-Deal-Ausstieg werde im schlimmsten Fall 90 Milliarden Pfund kosten.

Die britische Wirtschaft fürchtet die Folgen eines harten Brexit. Auch die Notenbank sorgt sich: Sie hat vor wenigen Tagen ihre Konjunkturprognose gesenkt. Für dieses und das kommende Jahr rechnet die Bank of England jetzt nur noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um jeweils 1,3 Prozent statt wie zuvor um 1,5 beziehungsweise 1,6 Prozent.

Autohersteller schon jetzt im Abwind

Starke Auswirkungen der Unsicherheit spürt seit Monaten die Autoindustrie. Im Juni gab es ein Produktionsminus von gut 15 Prozent, das war der dreizehnte Monat in Folge, in der es mit der Produktion abwärts ging. Im ersten Halbjahr, das meldet der britische Herstellerverband SMMT, wurden insgesamt ein Fünftel weniger Autos hergestellt. Die Opel-Mutter PSA droht im Fall eines Brexit, die Produktion des Opel Astra aus Ellesmere Port nach Südeuropa zu verlagern.

Kein Wunder, dass die Arbeiter dort sich um ihre Arbeitsplätze sorgen. Und nicht nur sie dürften leiden, glaubt Carsten Brzeski. Er verweist auf den japanischen Autobauer Nissan, der seine Produktion in Großbritannien nutze, um die Fahrzeuge in den europäischen Markt zu verkaufen. Auch der dürfte dann seine Pläne überdenken. 

London richtet sich auf Probleme ein

Vor diesen Zahlen und Fakten kann auch die britische Regierung nicht die Augen verschließen. Ihr liegen außerdem, so will es die britische Tageszeitung "The Guardian" erfahren haben, Szenarien vor, die zeigen, dass im Fall eines harten Brexit mit Kürzungen bei der Versorgung mit Medizin zu rechnen sei, dass der Nachschub an Lebensmitteln ins Stocken gerate, entsprechend die Preise steigen könnten und man deshalb mit Panikkäufen rechnen müsse.

Das wären nur die ersten Auswirkungen. Denn die Briten haben im Fall eines harten Brexit auch starke Handelsbeschränkungen zu erwarten, zusammenbrechen werde der Handel jedoch nicht, glaubt Stefan Kooths, Volkswirt des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. 

Volkswirt warnt vor Selbstüberschätzung

Die Brexitbefürworter unterschätzten vielleicht das Ausmaß an internationaler Machtlosigkeit, das Großbritannien heute hat.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank

Die britische Regierung müsse realistischer ihre eigene wirtschaftliche Bedeutung im internationalen Handel sehen, glaubt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Denn Großbritannien sei im internationalen Vergleich eine relativ kleine Wirtschaft und werde künftig auf die politischen Interessen der größeren Handelspartner Rücksicht nehmen müssen: "Die Brexitbefürworter unterschätzten vielleicht das Ausmaß an internationaler Machtlosigkeit, das Großbritannien heute hat", glaubt er. Drohkulissen aufzubauen helfe da nicht: "Ich glaube, dass die langfristigen Schäden sehr groß sein können, wenn eben der Nachbar dadurch nicht kooperationsbereiter wird."

Und auf diese Nachbarn sind die Briten weiterhin angewiesen, denn weder die Commonwealth-Länder noch die USA könnten den Handel mit den Nachbarn in der EU ersetzen. So gehen zwei Fünftel der britischen Exporte in die EU, jedoch nur 15 Prozent in die USA. Auf Sonderkonditionen im Handel mit den USA unter Präsident Trump sollte sich Boris Johnson wohl besser nicht verlassen.

Die Briten sollten sich auch bewusst sein, welchen langfristigen Schaden sie verursachten, wenn sie nun drohten, die ausstehenden Zahlungen an die EU nicht zu leisten, sagt Stefan Kooths vom IfW. "Das würde nicht zu dem passen, was man mit dem Vereinigten Königreich verbindet, nämlich Zuverlässigkeit und Vertrauen." Der Verlust an Glaubwürdigkeit sei ein großer Schaden, den die Briten nicht riskieren sollten. 

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