Sie sind hier:

Friedensnobelpreisträger - Vergewaltigungen "Schande für die Menschheit"

Datum:

Der kongolesische Arzt Denis Mukwege hat den Friedensnobelpreis verliehen bekommen. Im heute.de-Interview übt er Kritik an der internationalen Politik.

heute.de: Was bedeutet der Friedensnobelpreis für Sie und Ihre Bewegung?

Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege hilft seit Jahren in seinem Krankenhaus Vergewaltigungsopfern. Im Interview erklärt er, was sich seiner Meinung nach ändern muss.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Für mich bedeutet der Friedensnobelpreis die Anerkennung des Leids von Frauen.
Denis Mukwege, kongolesischer Arzt

Mukwege: Für mich bedeutet der Friedensnobelpreis die Anerkennung des Leids von Frauen - nicht nur von Frauen im Kongo, sondern von Frauen auf der ganzen Welt, die leiden mussten, die fürchterlich vergewaltigt und durch den Krieg zerstört wurden. Für mich war es wirklich das Gefühl, dass die Welt nun das Leid der Opfer sexueller Gewalt anerkennt. Das ist eine Sache. Es schafft auch eine Hoffnung in mir, eine Hoffnung, dass die Welt nun auch über Entschädigungen nachdenkt. Denn Anerkennung ist nicht genug, wenn nichts dafür getan wird, zu reparieren, was Frauen angetan wurde.

heute.de: Sie arbeiten seit Jahren mit Opfern von Vergewaltigungen. Was bringt Sie dazu, weiterzumachen?

Mukwege: Wenn Sie die Gelegenheit haben, Überlebende zu treffen, merken Sie, dass Frauen aus dieser Region wirklich sehr stark sind. Meistens frage ich mich, ob ich mich mit diesen Gräueltaten auseinandersetzen kann, ob ich immer wieder aufstehen kann. Ich sehe Frauen, nachdem sie schreckliche Dinge erlebt haben, aber sie stehen wieder auf, um für ihre Rechte zu kämpfen, um für die Rechte ihrer Kinder zu kämpfen, um für die Rechte ihrer Gemeinde zu kämpfen. Das beeindruckt mich sehr.

Ich habe den Eindruck, dass ich wirklich nur ein kleines Teilchen in dem Puzzle bin. Diejenigen, die das Puzzle wirklich zusammensetzen, sind die Frauen. Ich kann nur meine kleine Rolle spielen. Die Hauptrolle spielen die Frauen. Ich spüre großen Respekt für das, was sie sind, und diese Fähigkeit, die Gesellschaft wieder aufzubauen, Menschen zusammenzubringen und für gute Dinge zu kämpfen.

heute.de: In Konflikten werden Vergewaltigungen oft als Waffe eingesetzt, vor allem hier im Ost-Kongo. Wie ist die Situation heute?

Mukwege: Ich weiß nicht, ob wirklich von einer besseren oder schlechteren Situation die Rede sein kann. Es ist immer schlecht, wenn es in Dörfern weiterhin zu Vergewaltigungen kommt, denn jedes Mal wird das Leben einer Frau zerstört. Und wir können nicht behaupten, dass sich etwas verbessert, wenn es weiterhin Opfer gibt. Wir können jedoch feststellen, dass sich die Art und Weise von Vergewaltigungen verändert hat. Früher waren es lediglich Erwachsene, heute erleben wir, wie Kinder vergewaltigt werden. Und das ist wirklich sehr schlimm, denn die meisten Kinder verstehen nicht mal, was da mit ihnen passiert. Sie müssen ihr Leben lang mit den Konsequenzen leben, und ich bin der Meinung, dass wir Erwachsenen dafür verantwortlich sind, sie zu beschützen.

heute.de: Was müsste geschehen, um die Gewalt gegen Frauen und Kinder zu stoppen?

Mukwege: Es ist sehr wichtig, dass die Welt versteht, dass das keine rein kongolesische Angelegenheit  ist. Es ist ein weltweites Problem, denn man kann in allen Konfliktgebieten beobachten, wie die Körper der Frauen als Schlachtfeld benutzt werden. Das ist völlig inakzeptabel. Ich bin der Meinung, dass die Welt hier eine rote Linie ziehen könnte, um zu zeigen, dass das nicht passieren darf, in gar keinem Konflikt vorkommen sollte. Das wäre auch möglich, aber wir müssen unbedingt die Politik dazu bewegen, diese Linie zu ziehen.

Ich verstehe nicht, wie jemand einen Krieg gewinnt, anschließend Präsident werden kann und ihm überall der rote Teppich ausgelegt wird, obwohl die ganze Welt weiß, dass er Vergewaltigungen als Waffe im Krieg eingesetzt hat. Wir sollten entschlossen gegen Vergewaltigung als Mittel im Krieg stehen. Es ist eine Schande für unsere Generation und eine Schande für die ganze Menschheit, dass Frauen auf diese Art zerstört werden und wir trotzdem Menschen, die in Konflikten Vergewaltigungen als Waffe einsetzen, den roten Teppich ausrollen.

Das Interview führte Timm Kröger. Er ist ZDF-Afrika-Korrespondent in Nairobi.

Die Friedensnobelpreisträger im Porträt

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.