Sie sind hier:

70 Jahre Nordkorea - "Großer Wille", Anschluss zu schaffen

Datum:

Vor 70 Jahren wurde Nordkorea gegründet. Der Süden hat es in dieser Zeit zur globalen Wirtschaftskraft gebracht. Der Norden ist bitterarm. Korea-Experte Berger erklärt, warum.

Nordkorea hat das 70. Jubiläum der Staatsgründung mit einer großen Militärparade, aber ohne die Drohgebärden der vergangenen Jahre gefeiert. Das galt als Signal an die USA.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

heute.de: Herr Berger, anlässlich von Feierlichkeiten gab es schon Raketentests. Ist zur 70-Jahr-Feier ähnliches zu erwarten?

Bernt Berger: Ich denke nicht, da Nordkorea die Gespräche zwischen den Präsidenten Kim und Moon nicht torpedieren will, die diesen Monat anstehen.

heute.de: Wie haben sich Norden und Süden in so unterschiedliche Richtungen entwickelt?

Berger: Nach dem Krieg war Nordkorea dem Süden zunächst wirtschaftlich und technologisch voraus. Damals gab es viel Kooperation mit Ostdeutschland und dem ganzen Ostblock. Gleichzeitig kooperierte Südkorea mit dem Westen, gerade mit der Bundesrepublik. Die leistete als eines der ersten Länder Kredite für Südkorea. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hatte Nordkorea letztendlich nur noch wenige Handelspartner und durch Sanktionen keinen Zugang zu neuen Technologien. So ist das Land ins Hintertreffen geraten.

heute.de: Glauben Sie, dass Nordkorea wieder den Anschluss an die restliche Welt schafft?

Berger: In Nordkorea gibt es dazu großen Willen. Wenn man durch das Land reist, sieht man ähnliche Dynamiken wie wir das in China oder Vietnam gesehen haben. Ein gewisser Grad von Dezentralisierung hat schon stattgefunden: Einzelne Provinzen dürfen selbstständig planen, welche Industrien und welches Gewerbe sie ansiedeln wollen und es gibt lokale Politiker, die die Wirtschaft vorantreiben wollen. Bislang scheitert das aber an den internationalen Sanktionen.

heute.de: Unterscheidet das Kim Jong-Un von seinem Vater und Großvater als seinen Vorgängern?

Berger: Auf jeden Fall. Kim Jong-Un hat die alte Doktrin umgeworfen, die da hieß: das Militär zuerst. Stattdessen liegt sein Fokus auf dem Atomprogramm. Die nukleare Abschreckung soll erreichen, dass man Mittel aus dem konventionellen Militär abziehen kann, um sie für die wirtschaftliche Entwicklung zu nutzen. Außerdem hat er das gesamte Land in eine Sonderwirtschaftszone verwandelt. Es ist zumindest theoretisch möglich, in das Land zu investieren – eine Lockerung, die es bisher nicht gegeben hat. Inzwischen gibt es kleine Märkte, auf denen Überschüsse aus der Landwirtschaft und Ähnliches verkauft werden. Technologien wie Mobiltelefone werden eingeführt und es gibt mehr Mobilität. Das alles führt zumindest zu einem kleinen Wirtschaftswachstum in dem Land.

heute.de: Wie ernst muss man die nukleare Bedrohung dennoch nehmen?

Berger: Der militärische Aufbau und das Nuklearprogramm sind auf Abschreckung ausgelegt. Hauptsächlich, um eine gewisse Verhandlungsposition gegenüber den USA zu erreichen, die man ohne Atomwaffen nicht hatte. Das tatsächliche Ziel Nordkoreas ist ein Friedensvertrag mit den USA, das Problem, dass die Verhandlungen gerade stocken, da zwei verschiedene Ziele verfolgt werden: Nordkorea setzt auf einen Friedensprozess und Sicherheitsgarantien, während die USA darauf zielen, das Land nuklear zu entwaffnen. Wenn man da nicht aufeinander zukommt, werden die Verhandlungen scheitern.

Karte: Nordkorea (Punggye-ri Testgelände)

heute.de: Trägt die Politik von US-Präsident Trump nicht eher zu einer Eskalation bei?

Berger: Das Säbelrasseln und die verbale Eskalation führten letztlich dazu, dass Nordkoreas Atomprogramm in der Öffentlichkeit als Abschreckung wahrgenommen wird, was am Verhandlungstisch hilfreich sein könnte. Während aber das ursprüngliche Schlussabkommen des Singapur-Gipfels sehr breit verfasst war, sodass Verhandlungen tatsächlich möglich gewesen wären, wird inzwischen wieder versucht, die Verhandlungen eng Richtung Denuklearisierung zu führen – das kann nicht funktionieren.

heute.de: Ist es für den Frieden in der Region und das globale Gleichgewicht sinnvoll, dass Nordkorea atomar entwaffnet wird?

Berger: Mittel- bis langfristig sollte das das Ziel sein, aber es kann nicht am Anfang als Maximalforderung auf dem Tisch liegen. Die Sechs-Parteien-Gespräche sind 2009 an genau diesem Problem gescheitert. Nordkorea hat damals auf amerikanische Sicherheitsgarantien gewartet, die nicht kamen. Den Südkoreanern ist das bewusst. Dort versucht man im Moment einen Parallelprozess aufzusetzen und unter Umständen sogar ein bilaterales Abkommen mit Nordkorea zu schließen, das den Krieg beendet. Man will auch die wirtschaftliche Kooperation intensivieren. Aufgrund der verschiedenen Zielsetzungen wird Südkorea aber wahrscheinlich Probleme mit den USA bekommen. Den Südkoreanern geht es um einen Friedensprozess und eine Stabilisierung, den USA primär nur um den Stopp des Atomprogramms.

heute.de: Welche Rolle spielt China bei diesen Prozessen?

Berger: China hat in den vergangenen zehn Jahren die Sanktionen mit unterstützt, die gegen Nordkorea in der UN durchgesetzt wurden und hat selbst immer wieder betont, dass Atomwaffen in Nordkorea zu einer Destabilisierung der Region führen. Dementsprechend hat China damals auch die Sechs-Parteien-Gespräche organisiert und immer eine Lösung des Konflikts durch diplomatische Mittel eingefordert. Daran hat sich bisher wenig geändert. China muss Teil einer jeden Lösung sein, auch da ein Denuklearisierungsprozess ein technologisch hochkomplexer Schritt ist, der ohne China nicht funktioniert.

heute.de: Wie viele Jahrestage müssen noch gefeiert werden, bis in der Region wieder Stabilität herrscht?

Berger: Gerade die südkoreanische Regierung unter Präsident Moon ist sehr darauf erpicht diesen ewigen Krieg zu beenden. Die USA sind da noch nicht ganz an Bord. Aus ihrer Perspektive ist es ein strategischer Konflikt. In Asien wird es aber als ein Konflikt gesehen, der durch Verhandlungen beigelegt werden muss, zu dem alle Seiten etwas liefern müssen. Momentan ist es schwer, das in den USA zu vermitteln.

Das Interview führte Korbinian Bauer

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.