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Internationaler Konflikt - "Trump und Kim sollten gemeinsam Burger essen"

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Mit dem mutmaßlichen Test einer Wasserstoffbombe heizt Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un den gefährlichsten Konflikt der Welt weiter an. Im heute.de-Interview spricht Nordkorea-Kenner Frank über Kims Ziele, Chinas Bluffen und weshalb Trump und Kim in Pjöngjang einen Hamburger essen sollten.

Nach eigenen Angaben hat Nordkorea erfolgreich eine Wasserstoffbombe getestet. Es wäre der sechste Nuklearwaffentest des Landes. Eine Einschätzung der Situation von unserem Ostasien-Korrespondent Thomas Reichart.

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heute.de: Nordkorea meldet heute die "erfolgreiche" Zündung einer Wasserstoffbombe.  Trotz aller internationalen Proteste führt Machthaber Kim Jong Un seine Tests scheinbar unbeeindruckt fort. Was bezweckt er damit und wohin führt das Ihrer Einschätzung nach?

Rüdiger Frank: Kim will gegen die Militärmanöver Südkoreas und der USA protestieren, die seine Regierung seit Jahren als Provokation und Bedrohung ansieht. Seine Wissenschaftler brauchen die Tests zur Weiterentwicklung von Waffen, deren Besitz sich die Führung zum langfristigen strategischen Ziel gesetzt hat. Und vermutlich macht Kim das, was Trump in seinem Buch zur "Kunst des Deals" beschreibt: Er baut Druck auf, um das Gegenüber für zukünftige Verhandlungen weichzukochen. Die gezielte Provokation Japans schließlich dient Tokio wiederum als Vorwand für eine Remilitarisierung, die China als Affront ansieht; Kim sät also in der Region Unfrieden, von dem er profitiert.

heute.de: Nordkorea fordert die USA auf, die "rücksichtslosen militärischen Provokationen" einzustellen, um den Konflikt zu entschärfen. Was können Sie dieser Sichtweise abgewinnen?

Frank: Aus Nordkoreas Perspektive sieht das so aus: Die größte Militärmacht der Welt fährt direkt an ihrer Grenze alles an modernem Kriegsgerät auf, was das Arsenal hergibt, während ihr Oberkommandierender beim Schokokuchen mal eben Syrien bombardieren lässt und ein paar Wochen später Nordkorea "Feuer und Wut" androht. Das geht nicht erst seit gestern so; schon George W. Bush hat 2002 von einer "Achse des Bösen" geredet. Nordkorea wird dadurch kein Deut besser, aber verstehen kann man deren Angst schon.

heute.de: Was will eigentlich Südkorea erreichen?

Frank: Es gibt konservative Kreise in Seoul, die wollen Kim Jong Un stürzen und sein Land übernehmen. Die jüngere Generation ist zunehmend mit sich selbst beschäftigt und will vor allem das, was man in Südkorea "friedliche Teilung" nennt. Bei einer Umfrage 2017 waren 46 Prozent der Bürger für diese Lösung. Die Progressiven der älteren Generation, zu denen der neue Präsident Moon gehört, wünschen sich eine friedliche Wiedervereinigung.

heute.de: Derweil scheint Kim Nordkorea unbedingt in eine Atommacht verwandeln zu wollen - oder blufft er, um endlich die Sanktionen loszuwerden, die das Land schwer belasten?

Frank: Kim will ohne Kompromisse sein Land zur Atommacht machen. Er sieht diesen Status als Voraussetzung für alles: für Gespräche auf Augenhöhe mit Südkorea, für die nationale Sicherheit, für eine Normalisierung mit den USA, für genügend Abstand vom übermächtigen Nachbarn China, und sogar für wirtschaftliche Entwicklung im Sinne seiner 2013 verkündeten "byungjin-Politik". Die Sanktionen sind ein Teil des Preises, den er dafür zu zahlen bereit ist.

heute.de: Die Hoffnung, eine militärische Eskalation zu verhindern, ruht vor allem auf China, das inzwischen ebenfalls mit verschärften Wirtschaftssanktionen versucht, Nordkorea zum Einlenken zu bewegen …

Frank: … Die Chinesen bluffen. Erst haben sie so getan, als wären sie ein Verbündeter Nordkoreas; jetzt tun sie so, als wären sie bereit, Nordkorea jegliche Unterstützung zu entziehen. Beides stimmt nicht. China hat seine Interessen, und die liegen knapp gesagt darin, die als fremde Besatzer angesehenen USA aus Ostasien zu drängen und die Jahrhunderte lang ausgeübte Rolle der Führungsmacht zurückzuerlangen.

heute.de: Peking rückt also nicht wirklich vom Nachbarn ab?

Frank: Ein Zusammenbruch Nordkoreas wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht in Chinas Sinn. Die Sanktionen haben ihre Wirkung, und China weiß das auch. Doch im Ernstfall wird China stabilisierend eingreifen. Um sich anderen Ländern glaubhaft als neue Schutzmacht anbieten zu können, können die Chinesen Nordkorea nicht einfach fallen lassen. Ein Interesse an einem erweiterten Südkorea mit amerikanischen Soldaten am Yalu-Fluss haben sie auch nicht.

heute.de: Nordkoreas Machthaber präsentiert sich medial stets als der starke Mann. Spürt er nennenswerten innenpolitischen Druck?

Frank: Die Menschen leiden unter den Sanktionen, und zwar hauptsächlich die, denen wir angeblich helfen wollen. Das schafft selbstverständlich Druck, zumal - anders als Mitte der 1990er-Jahre während der Hungersnot - nicht alle Nordkoreaner gleichermaßen betroffen sind. Wer heute Geld hat, sei es aus Korruption, Handel, einem guten Posten oder von Verwandten in China, dem geht es gut. Das sind inzwischen über vier Millionen Menschen, also 16 Prozent der Bevölkerung, Tendenz steigend. Solche Gegensätze schaffen Spannungen, zumal die Ideologie Gleichheit predigt. Doch militärische Drohgebärden des Westens wie die Manöver oder Sanktionen erlauben es Kim Jong Un, die Verantwortung auf das Ausland zu schieben und daheim so etwas wie eine Belagerungsmentalität zu erzeugen.

heute.de: Viele Menschen fürchten inzwischen einen Atomkrieg. Welcher Ausweg aus dieser hochbrisanten Lage erscheint Ihnen am besten?

Frank: Ein Problem kann man nur lösen, wenn man es anerkennt. Nordkorea ist eine Atommacht, ob uns das nun passt oder nicht. Es ist nicht die einzige Atommacht auf der Welt, wir wissen also bereits, wie man mit so einem Land umgeht; Stichwort Pakistan oder Israel. Wichtig sind die sichere Lagerung und das Verhindern einer Weitergabe, und natürlich müssen wir Nachahmer verhindern. Nordkorea wird diese Waffen jedenfalls nur einsetzen, wenn es angegriffen wird, da wir den Aggressor umgehend ausradieren würden; das ist denen völlig klar. Die wollen genauso leben, lieben und ihre Kinder aufwachsen sehen wie wir. Der Klügere gibt nach, heißt es doch immer. Angeblich sind wir das. Na bitte, dann soll Herr Trump Führungsqualität zeigen, sich ins Flugzeug setzen und mit Herrn Kim wie angekündigt einen Hamburger essen, von mir aus auch zwei und noch einen Kimchi dazu. Ich könnte ihm dafür in Pjöngjang sogar ein Restaurant empfehlen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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