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Inflation - Amazon-Effekt ärgert Notenbanken

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Die Inflation ist zu niedrig, meinen Notenbanken wie die EZB. Die japanischen Kollegen teilen diese Meinung. Und sie haben auch einen Schuldigen ausgemacht: den Amazon-Effekt.

Beim WTO-Treffen soll es auch um den Internethandel gehen.
Internethändler drücken die Preise.
Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Die langjährige Chefin der US-Notenbank FED stand am Ende ihrer Amtszeit vor einem Rätsel. Janet Yellen gab zu, dass ihre Kenntnisse über die Kräfte der Inflationsentwicklung unvollständig seien. Sie bezeichnete die schwache Preisteuerung sogar als "Rätsel". In der Tat fragen sich Notenbänker in vielen Regionen der Welt, warum die Inflation trotz gut laufender Konjunktur nicht anzieht. Eigentlich sollte sie das: Wächst die Wirtschaft, steigen die Löhne, steigt die Nachfrage, steigen die Preise, so lautet grob die Theorie. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, nicht nur in Japan.

Internethändler drücken die Preise

Dort flutet die japanische Notenbank seit Jahren die Märkte mit Unmengen an Geld. Ziel ist es, die Inflation anzuheizen. Doch die Preise zeigen sich von all dem ziemlich unbeeindruckt. Im Juni lag die Preisteuerung bei 0,8 Prozent. Und sie verdankt sich in erster Linie dem sprunghaften Anstieg der Ölpreise. Ohne ihn lag die Inflation bei nur 0,2 Prozent, war also kaum vorhanden. Notenbänker sehen das nicht gerne. Sie befürchten eine Spirale aus fallenden Preisen und sinkenden Investitionen, die in einer Rezession münden kann.

Die japanische Notenbank aber hat eine Antwort auf das Rätsel von Janet Yellen gefunden: Amazon sei ein Teil des Problems. In Zahlen: Um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte drücke der Online-Versandhändler die Inflation, mutmaßten die japanischen Währungshüter. Denn Amazon, aber auch andere Internethändler liefern sich Preisschlachten. Zudem machen sie Preise vergleichbar. In der Folge können Verbraucher die niedrigsten Preise für Produkte wählen. Und damit steigen die Preise langsamer als zu früheren Zeiten. Und langsamer, als die Theorien der Volkswirtschaft es vorhersagen.

Einmaleffekt oder dauerhaftes Problem?

Doch nicht jeden überzeugt die Argumentation. "Für mich ist das schwer vorstellbar, dass dadurch die Preise so stark sinken sollen", hält der Chefvolkswirt der Privatbank Julius Bär, David Kohl, dagegen. "Denn im Grunde könnte man da zwar einen Einmaleffekt feststellen, aber nicht einen dauerhaften." Das ist sicher richtig. Denn die Inflation gibt die Veränderungsrate des Preisniveaus gegenüber den Preisen im gleichen Vorjahreszeitraum an. Wenn plötzlich Amazon erscheint und Preise weltweit vergleichbar macht, kann das sich im Folgejahr in einer sinkenden Inflation ausdrücken, nicht aber im Jahr darauf.

Ein gutes Beispiel in diesem Zusammenhang sind die Ölpreise: Seit vergangenem Sommer haben sich die Ölpreise verdoppelt. Deswegen ist die Inflation, wenn man die Ölpreise einrechnet, aktuell vergleichsweise hoch. Und aus diesem Grund übrigens schaut EZB-Präsident Mario Draghi nicht gerne auf die allgemeine Inflationsrate mit schwankenden Energiepreisen, sondern vor allem auf die Kerninflation; aus der sind unter anderem die Ölpreise herausgerechnet.

Digitalisierung lässt Inflationsrate alt aussehen

Andererseits kann man das Auftreten und Wirken von Onlineportalen wie Amazon aber auch als mehr als nur eine einmalige Erscheinung sehen. Denn die meisten Menschen dürften mittlerweile auch schon einmal in der Situation gewesen sein, für eine etwas teurere Anschaffung in einem Laden das Smartphone zu zücken um zu schauen, ob das gewünschte Produkt Online nicht billiger zu haben ist. "Das sind jetzt erst die Anfänge. Durch den Internethandel, die zunehmende Konkurrenz und Transparenz werden die Preise eher fallen. Und das ist natürlich etwas, was den Notenbanken Kopfzerbrechen macht", meint deshalb auch Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba. "Der Internethandel und die zunehmende Digitalisierung wirken sich auf jeden Fall volkswirtschaftlich aus."

Im Fall Amazon verweist die japanische Notenbank auch darauf, dass der Versandhändler im vergangenen Jahrzehnt die Zahl seiner Versandzentren in Japan stark aufgestockt hat. Dadurch sinken natürlich die Kosten. Das gilt übrigens auch in einem erweiterten Sinn. Denn durch zunehmende Digitalisierung verschlanken sich Produktionsprozesse. In der Folge können Unternehmen allgemein effizienter und preiswerter produzieren. Das führt in der Konkurrenz mit anderen Wettbewerbern ebenfalls zu tendenziell sinkenden Preisen.

Es dürfte also so etwas geben wie einen "Amazon-Effekt". Die zunehmende Digitalisierung jedenfalls könnte insgesamt den Druck auf die Preise verstärken, vermutlich auch über längere Zeiträume hinweg. Nicht zuletzt deswegen stellen einige Ökonomen die Frage, ob die von vielen Notenbanken angestrebte Inflation von rund zwei Prozent noch zeitgemäß ist.

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