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Jährliches Treffen in Jackson Hole - Türkei-Krise beschäftigt Notenbanker

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Wenn die wichtigsten Notenbanker sich zu ihrem jährlichen Treffen in den Rocky Mountains zusammenfinden, gibt es viel zu bereden: vor allem den Handelskrieg und die Türkei-Krise.

Türkische Lira und US-Dollar
Auch steigende US-Zinsen machen der türkischen Lira zu schaffen.
Quelle: dpa

An diesem Freitag und Samstag treffen sich die wichtigsten Notenbanker der Welt und viele Ökonomen im Bergort Jackson Hole. In der imposanten Bergkulisse der Rocky Mountains geht es um drängende Fragen. Hier eine Übersicht der Themen, die die Währungshüter umtreibt - oder umtreiben sollte.

Der Handelskonflikt zwischen USA und der Welt

Im Handelsstreit zwischen China und den USA ist eine weitere Stufe erreicht: Seit dieser Woche gelten US-Strafzölle auf chinesische Waren im Wert von 50 Milliarden US-Dollar. Vorher waren es "nur" 34 Milliarden. China hat umgehend geantwortet und die Strafzölle auf US-Waren in gleicher Größenordnung gesteigert. Das Risiko eines Handelskrieges ist nicht vom Tisch - wie man auch am Beispiel der US-Strafzölle auf Waren aus der Türkei sieht. Das Land steckt in der Krise, hier besteht die Sorge, dass sich die Krise auf andere Länder ausweiten kann.

Trump und Erdogan wollen Notenbanken nach ihrem Gusto

Donald Trump und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan liegen zwar in einem handfesten Klinsch. In einem aber sind sie sich einig: Sie würden am liebsten ihren Zentralbanken den Weg vorschreiben. In einem Interview sagte Trump, er sei "nicht begeistert", dass seine Notenbank die Zinsen erhöhe. Und auf die Frage, ob er an die Unabhängigkeit der Notenbank glaube, erwiderte er: Er glaube daran, dass die Fed "das tut, was gut für das Land ist". Trump hatte schon in der Vergangenheit gegen Zinserhöhungen der US-Notenbank gewettert. US-Notenbankchef Jerome Powell wird natürlich keine Zweifel an der Unabhängigkeit seiner Fed lassen. Doch die Versuche, politischen Einfluss zu nehmen, sind offensichtlich.

Wenig wundert es Beobachter, wenn ein Autokrat wie Erdogan Druck auf die Zentralbank ausübt. Er hat - ebenso wie Trump - ein Interesse an niedrigen Zinsen, um das Wirtschaftswachstum am Laufen zu halten. Denn wirtschaftliche Stärke gibt politischen Rückhalt. Erdogan ist es, der nun mitbestimmen kann, wer oberster Währungshüter am Bosporus wird. Das allerdings bezahlen die Menschen im Land derzeit mit einer Inflation im zweistelligen Prozentbereich, mit anderen Worten: mit einem Leben, das sich zunehmend verteuert.

Schwellenländer leiden unter Zinserhöhungen in USA

Dass die Lira der Türkei in den vergangenen Wochen dramatisch an Wert verloren hat, liegt unter anderem an Erdogan selbst. Sein zunehmend autokratisches Regime und sein Einfluss auf die Notenbank lässt Investoren vor der Türkei und deren Währung zurückschrecken. Das ist zwar ein großer, aber doch nur ein Teil des Problems. Denn Schwellenländer geraten durch steigende Zinsen in den USA verstärkt unter Druck.

In den vergangenen Jahren hatten sie von den Nullzinsen in vielen Regionen der Welt profitiert: Starkes Wirtschaftswachstum und vergleichsweise hohe Zinsen ließen Investorengelder in Schwellenländer fließen. Mit steigenden Zinsen in den USA und der Aussicht einer Normalisierung der Geldpolitik auch in anderen Regionen fließen die Gelder tendenziell wieder aus Schwellenländern ab, und das kann zu Problemen wie schwächelnden Währungen führen.

Gefahr einer Schwellenländer-Krise

Das so genannte "Taper Tantrum" bleibt an den Finanzmärkten und in Schwellenländern in unschöner Erinnerung: Im Mai 2013 kündigte der damals amtierende Fed-Chef Ben Bernanke überraschend an, die bis dato massiven Anleihekäufe reduzieren zu wollen. Allein die Ankündigung sorgte dafür, dass Anleihekurse einbrachen. Es folgte eine Schockwelle an den Finanzmärkten. Investoren zogen massiv Gelder aus Schwellenländern ab, einige gerieten in Schieflage.

Zwar glaubt die Mehrheit von Ökonomen nicht, dass die heutige Situation steigender Zinsen in Amerika mit der damaligen Situation vergleichbar ist. Doch die Fed schreitet weiter auf dem Pfad der Zinserhöhungen. Das wird den Druck auf Schwellenländer tendenziell erhöhen. Mit Blick auf den Verfall der türkischen Lira dürfte eines der brennenden Themen auf der Notenbankerkonferenz sein, wie hoch das Risiko einer Ansteckungsgefahr durch die Türkei-Krise ist.

Das Rätsel der niedrigen Inflation

Die ehemalige Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, hinterließ ein Rätsel. Genauer gesagt: Sie sprach von einem "Rätsel". Weil nämlich die Inflation entgegen gängiger Wirtschaftstheorien in vielen Regionen der Welt überraschend niedrig ist. Üblich ist, dass in konjunkturellen Hochphasen die Preise steigen, weil Unternehmen an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen und die Beschäftigung zunimmt. Das ist aktuell auch der Fall und müsste - verstärkt durch steigende Löhne auf Grund niedriger Arbeitslosigkeit - dazu führen, dass die Inflation deutlich anzieht. Doch das tut sie nur bedingt.

Mario Draghi kündigt eine behutsame Geldpolitik für Europa an.
Hat es mit Zinserhöhungen nicht eilig: EZB-Chef Mario Draghi (Archivbild).
Quelle: Arne Dedert/dpa

Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hat es deswegen mit Zinserhöhungen nicht eilig. Nur: Wenn nicht in Zeiten der Hochkonjunktur, wann sollte man dann die Zinsen wieder anheben, um zu einer "normalisierten" Geldpolitik zurück zu kommen? Die jedenfalls ist erstrebenswert, denn sie gibt den Zentralbanken mehr Handlungsspielräume, um auf künftige Probleme zu reagieren.

Der "Amazon-Effekt"

Einige Notenbanker glauben, einen Schuldigen der niedrigen Inflation ausfindig gemacht zu haben: den "Amazon-Effekt". Die Bank of Japan hat das unlängst so genannt. Und sie meint damit das Phänomen, dass Preise durch riesige Online-Händler wie Amazon im Prinzip weltweit vergleichbar sind. Damit sind Preiserhöhungen schwerer durchsetzbar, was die Inflation dämpft.

Zudem müssen verstärkt auch Filial- und Einzelhändler auf den Kurs der Internet-Konkurrenz schwenken: Sie müssen ihre Preise denen der Online-Händler angleichen - im Zweifel nach unten. Sollten solche Effekte wirklich nachhaltig die Inflation dämpfen, stellt sich die Frage, ob die bisherigen Inflationsziele vieler Notenbanken - meist rund zwei Prozent - noch zeitgemäß sind.

Megakonzerne als Wachstumsbremsen

Internationale Megakonzerne sind offenbar Sorgenkinder so manches Notenbankers. So stellt die Notenbank von Kansas City fest, dass die verstärkte Marktmacht einiger Konzerne zu einem "Rückgang des Wettbewerbs in manchen Industrien führen kann". Soweit erst einmal nichts überraschend Neues. Die Notenbanken müssten sich dieses Themas aber annehmen, weil die Entwicklung zu Veränderungen in der globalen Ökonomie führen kann oder bereits geführt hat: Die Folge könnten "weniger Produktivitätswachstum, geringeres Lohnwachstum und eine abnehmende Dynamik sein".

Das könnte erklären helfen, dass Aufschwung und Wachstum zwar weltweit vorherrschen. Allerdings mit angezogener Handbremse: Die Aufwärtsbewegung in früheren Wirtschaftszyklen war mitunter stärker.

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