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Nach dem Brand von Notre-Dame - Warum die Spendenbereitschaft so groß ist

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Das Feuer ist gelöscht - die Tragödie bleibt. Reichen die Spenden aus, warum ist Notre Dame so bedeutend, wie sollte der Wiederaufbau laufen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Nach dem Brand in Notre-Dame verkündet Präsident Macron "Wir werden Notre-Dame noch schöner wiederaufbauen, und ich will, dass das in fünf Jahren abgeschlossen wird. Wir können das schaffen". Die weltweite Spendenbereitschaft hält weiter an.

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Wieviel Spenden kommen zusammen?

Die Spendenbereitschaft nach dem Großbrand von Notre-Dame ist ungebrochen. Die Summe von einer Milliarde Euro dürfte bald überschritten sein:

  • Allein 600 Millionen Euro kamen durch Großspenden der Milliardärsfamilien Arnauld (Luxuskonzern LVHM), Pinault (Kering) und Bettencourt (L'Oréal) sowie durch den Ölkonzern Total zusammen. Weitere Spenden zwischen zehn und 20 Millionen Euro versprachen der Milliardär Marc Ladreit, der Bauriese Bouygues, die Familie Decaux, die brasilianische Milliardärin Lily Safra und ihre Stiftung, die Bankengruppe BPCE, die Bank Société Générale sowie der Versicherungskonzern Axa.
  • Die Stadt Paris will 50 Millionen Euro freistellen. Die Region Ile-de-France, die größtenteils dem Großraum Paris entspricht, kündigte eine Soforthilfe von zehn Millionen Euro an. Insgesamt 3,5 Millionen Euro wollen die Regionen Auvergne-Rhône-Alpes und Okzitanien beisteuern. Andere Regionen und Städte wie etwa Rennes, Nantes, Bordeaux und Toulouse stellten ebenfalls Hilfen in Aussicht. Die französische Regierung will vier Organisationen offiziell mit der nationalen Spendenaktion betrauen, unter anderem die Kulturerbe-Stiftung Fondation du Patrimoine. Die Kultur-Stiftung sammelt bereits seit Montag - weil die Website unter dem Ansturm immer wieder zusammenbrach, wurde noch eine weitere Seite eingerichtet: rebatirnotredamedeparis.fr. Einzelspenden liefen zudem auf unzähligen anderen Plattformen ein.
  • Vor allem aus den USA wurden viele Spenden angekündigt, unter anderem von Apple, dem Investor Henry Kravis (knapp neun Millionen Euro) und der katholischen University of Notre Dame aus Indiana (knapp 90.000 Euro). Die French Heritage Society in New York, die sich um den Schutz des französischen Architektur-Erbes kümmert, sammelte allein am Dienstag umgerechnet 35.000 Euro von 510 Einzelspendern ein. Die ungarische Stadt Szeged versprach unterdessen 10.000 Euro - aus Dankbarkeit über die Hilfe, die sie nach einer Überschwemmung 1879 von Paris bekommen hatte. Auch in Deutschland gab es immer wieder Spendenaufrufe. Unter anderem appellierte das Erzbistum Berlin am Mittwoch an alle Pfarrgemeinden, ihre Osterkollekte für den Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen.
  • Sogar der König von Sanwi im Südosten der Elfenbeinküste versprach Hilfe. "Wir werden für den Wiederaufbau dieses Monuments spenden", sagte Amon N'Douffou V. Er erinnerte daran, dass Notre-Dame eine "starke Verbindung" zwischen seinem Königreich und Frankreich darstelle. In der Kathedrale war um das Jahr 1700 ein Prinz der Sanwi auf den Namen Louis Aniaba getauft worden, später wurde er auch in den Orden des Sterns von Notre-Dame aufgenommen.

Warum spenden Menschen soviel für ein brennendes Gebäude, aber nicht für hungernde Kinder in Afrika?

"Das liegt auch an der Öffentlichkeitswirksamkeit und Symbolträchtigkeit des Themas, das sehr viel macht", sagt Friedensforscher Markus Weingardt. "Alle Welt schaut nach Notre-Dame, und es ist wichtig und öffentlichkeitswirksam, wer als erster den Finger hebt". Auch der Effekt der Bilder spiele eine große Rolle. "Dauerhafter Hunger schockt heute leider niemanden mehr".

"Das ist ein Faktor geografischer und auch schichtspezifischer Distanz", erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Theo Normann. In einem Laborexperiment mit Studenten untersuchte er das Spendenverhalten bei Katastrophen. Fazit: Je näher und lokaler uns eine Katastrophe ist, umso höher sei die Bereitschaft zu helfen. Je weiter weg und je ferner ein Konflikt, umso niedriger das Engagement. Dazu komme das "Spektakel der Medien und der Bilder". Im konkreten Fall spiele auch die Identifikation der Menschen mit dem christlichen Erbe Europas und der historischen Bedeutung des Gebäudes eine große Rolle.

Wie ist die Kathedrale versichert?

Zwei der Firmen, die Teile der Notre-Dame vor dem Brand renoviert haben, waren bei dem französischen Unternehmen Axa versichert. Der Konzern teilte mit, auch einige der in der Kathedrale ausgestellten Reliquien und religiösen Kunstwerke seien bei Axa versichert. Ein Axa-Sprecher wollte auf Anfrage keine Schätzungen abgeben, welche Kosten auf die Versicherung zukommen könnten. Versicherungsexperten hatten zuvor erklärt, dass für den Wiederaufbau in erster Linie wohl der französische Staat werde aufkommen müssen.

Das glaubt auch Stephan Straub, Pressesprecher beim deutschen Rückversicherer Munich Re. Bei historischen Bauten komme es immer darauf an, "wer überhaupt Eigentümer" sei. "Im konkreten Fall von Notre-Dame scheint das der Staat zu sein." Da sei die Frage, ob die Kathedrale als Ganzes überhaupt versichert sei. Die Erfahrung zeige, dass "der Staat eher das Risiko auf sich nimmt und die monatlichen Raten für die Versicherungspolice spart - umso mehr, als gerade historische Symbolbauten von unschätzbarem Wert seien". Kirchliche Gebäude wiederum, so Straub, haben "eigene kirchliche Versicherungsunternehmen".

Experten zufolge kann es sowieso sein, dass es in naher Zukunft solche verheerenden Brände an historischen Gemäuern überhaupt nicht mehr geben muss. Digital-Spezialisten können dann nämlich mit Hilfe von hochentwickelten Sensoren Schadensbegrenzung betreiben und die Entstehung eines Brandherdes so früh bemerken und lokalisieren, dass sich ein Feuer gar nicht erst ausbreiten kann.  

Worin liegt die Faszination einer gotischen Kathedrale wie Notre-Dame?

Die Idee einer Kathedrale, erklärt der Philosoph Ludger Schwarte der katholischen Nachrichtenagentur KNA, ist die einer "allegorischen Leiter in die Himmlische Stadt". Lange sei die zentrale Kirche das höchste Gebäude in europäischen Städten gewesen. "Sie überragt alle vertikalen Artikulationen und sammelt alle horizontale Unruhe in ihrem Inneren."

Eine besondere Stimmung in Kirchen spüren auch viele nichtreligiöse Menschen, die etwa im Urlaub ein Gotteshaus besuchen. Es entstehe eine "Innerlichkeit", das Geheimnis des Glaubens als "Licht hinter den vielen Glanzpunkten", die durch das Zusammenspiel von bunten Fenstern, Kerzen und Sonneneinstrahlung entstehen. Indem die Kathedrale ihren Glanz nach außen richte, spreche sie alle Vorbeigehenden an, ob gläubig oder nicht: die Kathedrale als Bühnenbild, als "Tor, das die Welt initiiert".

Warum berührt der Brand Menschen in aller Welt so sehr?

Prominente und Privatleute erinnern sich derzeit in den Sozialen Medien daran, wie sie Notre-Dame besucht haben - zum ersten oder zum letzten Mal, zum Gebet, für ein Konzert oder als Tourist. An diesen Reaktionen zeige sich, wie die Bedeutung der Kathedrale über den rein religiösen Bezug hinausgehe, sagt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel gegenüber KNA. Immer wieder würden Kirchen umgedeutet zu Kulturdenkmälern, zu Symbolen für eine Stadt, einen Staat und dessen Geschichte. Um sich mit ihnen zu identifizieren, müsse man heutzutage nicht unbedingt religiös sein. Kirchen hätten in den meisten Städten eine zentrale Stellung - wörtlich und im übertragenen Sinne. Wenn eine solch scheinbar unvergängliche Institution zu verschwinden drohe, erschrecke das viele Menschen.

Wie soll die Kirche wiederaufgebaut werden?

Diese Frage wird von Experten heftig diskutiert. Der Soziologe Rainer Schützeichel beispielsweise meint in der "Neuen Züricher Zeitung": Selbst ein wortwörtlicher "Wiederaufbau" sei "stets Rekonstruktion, also keineswegs frei von der zeitgenössischen Zutat. Wenn die Mauern denn standhalten, dürfte es dort viel eher darum gehen, die Wunden zu heilen. Dabei aber sollte man nicht auf ein Imitat des Verlorenen verfallen, wie dies etwa in Dresden bei der Frauenkirche geschehen ist, sondern darum 'Wunden zu heilen'. Eine gotische Kathedrale ist nie fertig – und damit ist sie eben auch nicht unveränderlich".

Der Bamberger Kunsthistoriker Stephan Albrecht sieht einen Wiederaufbau dagegen skeptisch. Allein der Dachstuhl gehe auf eine Holzkonstruktion aus dem 13. Jahrhundert zurück, deren Baupläne nicht mehr verfügbar seien. "Es gibt nur vage Zeichnungen, wie das ausgesehen hat", sagte Albrecht der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Er könne sich daher nicht vorstellen, dass der Dachstuhl wieder aus Holz aufgebaut wird. Er fürchtet, Notre-Dame könne zur Dauerbaustelle werden.

Immerhin haben Albrecht und sein Team gerade die Wände eines Querhauses mit Scannern in 3D vermessen. "Das ist jetzt ein Glücksfall, wir können sagen, wie das Mauerwerk über ziemlich große Strecken ausgesehen hat." Mit einem weiteren Scan könne ermittelt werden, wie sich die Katastrophe ausgewirkt und die Wand verformt hat. Nicht nur er hofft, dass trotz enormer Solidarität und vieler Spenden nichts überstürzt und eine genaue Bestandsaufnahme gemacht wird vor der Rekonstruktionsentscheidung. "Notre-Dame, wie man es kennt, ist verloren und das, was wieder kommt, ist eine Kathedrale mit ergänzter Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau, und das wird man auch sehen", sagt Albrecht. Wie bei vielen kriegsgeschädigten Gotteshäusern in Deutschland: "Damals musste alles relativ schnell gehen, da hat man großzügig ausgetauscht."

Was macht der Klassiker "Glöckner von Notre Dame" auf der Besteller-Liste?

"Aller Augen hatten sich nach der Höhe der Kirche erhoben. Was sie da sahen, war etwas Ungewöhnliches. Auf dem Gipfel der höchsten Galerie, hoch oben über der Mittelrosette, war eine große Flamme zu sehen, die zwischen den beiden Glockentürmen mit Funkenwirbeln aufstieg, eine große, prasselnde und grimmige Flamme, von welcher der Wind zeitweilig eine Funkenwolke im Rauche davontrug“  - Worte, die den Montagabend in der französischen Hauptstadt beschreiben könnten. Tatsächlich stammen sie aus dem Roman "Der Glöckner von Notre-Dame de Paris" von Victor Hugo (1831). Der ist nun zum Online-Bestseller in Frankreich geworden. In der Kategorie "Bücher" des Versandhändlers Amazon war der 1831 erschienene Roman am Mittwoch in verschiedenen Ausgaben auf den Plätzen eins, drei, fünf, sieben und acht der am meisten verkauften Produkte. Hugo verewigte die Kathedrale mit seinem Roman in der Literatur. Die später vielfach verfilmte Geschichte mit dem französischen Originaltitel "Notre Dame de Paris" handelt vom buckligen Glöckner Quasimodo und seiner Liebe zu der schönen Esmeralda im Paris des 15. Jahrhunderts.

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