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Nebenkläger enttäuscht - NSU-Prozess auf der Zielgeraden

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Nach fast fünf Jahren Prozessdauer rückt das Urteil im NSU-Prozess näher. Die Bilanz der Opferangehörigen fällt jedoch nüchtern aus: Zu viele Fragen bleiben unbeantwortet.

NSU-Prozess - Symbolbild
Quelle: reuters

Wie immer in diesem Mammutprozess sind die emotionalsten Momente jene, in denen die Angehörigen der Mordopfer oder die Verletzten der Bombenanschläge das Wort ergreifen. Einige tun dies nun wieder im Rahmen der Plädoyers, sprechen über ihr Leid, die Verdächtigungen und Demütigungen, denen sie ausgesetzt waren.

"Wie kann ich je vergessen, wie sich meine Kinder verkrochen haben", erinnert sich Elif Kubasik, die Witwe des 2006 in Dortmund ermordeten Kioskbesitzers. Bei den Menschen, die Opfer des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße geworden sind, hat sich für all das ein fester Begriff eingebrannt - sie sprechen von der "Bombe nach der Bombe". Und doch hatten viele Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat - anfangs.

Versprechen nicht gehalten

Es ist mucksmäuschenstill, als sich die Mutter des 2006 in Kassel ermordeten Halit Yozgat vor der Weihnachtspause an das Gericht wendet. "Sie haben gearbeitet wie die Bienen, aber keinen Honig produziert", sagt Ayse Yozgat und fasst damit zusammen, was wohl viele der Angehörigen umtreibt. Auf ihre zentralen Fragen, wie die Opfer ausgewählt wurden, wer das NSU-Trio um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unterstützt hat und welche Rolle der Verfassungsschutz spielte, kann der Prozess in den Augen der Nebenkläger trotz der mehr als 400 Verhandlungstage keine Antworten geben.

Schlussfolgernd sieht nicht nur die Familie Yozgat das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel nach einer umfassenden Aufklärung nicht gehalten.

Kritik an der Bundesanwaltschaft

So wird in den Plädoyers der Nebenklage immer wieder Kritik an den Ermittlungsbehörden und der Bundesanwaltschaft laut. Der Generalbundesanwalt setze eine Käseglocke über die fünf Angeklagten, kritisiert Rechtsanwalt Sebastian Scharmer, der für die Familie Kubasik spricht. Die Taten als Werk "einer elitären, isolierten Kleingruppe, das hätte die Bundesanwaltschaft gerne, denn das würde im Nachhinein einen Persilschein für die über 13 Jahre konsequent in die falsche Richtung ermittelnden Behörden ausstellen".

Große Fragezeichen sehen viele Nebenklage-Vertreter hinter der Rolle des Verfassungsschutzes. In diesem Punkt sei zu wenig aufgeklärt worden, so der Vorwurf: "Wie wäre es denn, wenn man ermitteln würde, dass V-Leute wussten, dass der NSU Morde und Anschläge begeht und das entweder nicht weiter gemeldet haben und dafür kassiert haben oder sogar weitergemeldet haben, und es nicht verfolgt wurde, das wäre ein handfester Skandal für die deutschen Sicherheitsbehörden, zu denen auch der Generalbundesanwalt zählt", sagt Rechtsanwalt Scharmer.

"Können Sie einschlafen, Frau Zschäpe?"

Mit deutlichen Worten wenden sich die Opferfamilien an die Angeklagten, allen voran an Beate Zschäpe. "Es ist alles Lüge, was sie sagt. Sogar die Form der Entschuldigung war verletzend. Ich hatte das Gefühl, sie macht sich lustig über uns", sagt Elif Kubasik. "Die Täter sollen aber nicht denken, dass wir dieses Land verlassen, wir gehören zu diesem Land."

Ihre Tochter Gamze sucht einen anderen Weg. Sollte Beate Zschäpe die Wahrheit sagen wollen, egal wann, dann werde sie, Gamze Kubasik, sich dafür einsetzen, dass Zschäpe eine Strafminderung bekomme. "Können Sie einschlafen, wenn Sie Ihren Kopf auf das Kissen legen?", fragt Ayse Yozgat Beate Zschäpe. "Ich kann auch elf Jahre nach dem Mord an Halit nicht einschlafen!"

Fast fünf Wochen dauern nun schon die Plädoyers der Nebenkläger - anfangs oft unterbrochen, weil den Verteidigern die Schlussvorträge zu politisch und zu weitschweifend erscheinen. Vor allem die Verteidiger von Andre E. und Beate Zschäpe wollen geklärt haben, was das Plädoyer der Nebenklage darf und was nicht. Die Folge: Verzögerungen, wieder einmal. Das Gericht weist nach einer Prüfung die meisten Einwände der Verteidiger als unbegründet ab.

Urteil in Sicht?

In den folgenden Verhandlungstagen werden die Verteidiger plädieren: Spannend verspricht vor allem der Schlussvortrag aus dem Zschäpe-Lager zu werden. Nicht nur, weil der Hauptangeklagten eine lebenslange Haftstrafe droht, sondern auch weil Zschäpes Alt-Verteidiger (Heer, Stahl und Sturm) und ihre neuen Anwälte (Borchert und Grasel) zuletzt kaum miteinander kooperiert oder gesprochen haben.

Am Ende haben die Angeklagten noch ein letztes Wort, wenn sie denn etwas sagen wollen. Im Frühling oder Frühsommer könnte dann ein Urteil fallen - vielleicht.

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