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NSU-Prozess - Warten auf die Plädoyers der Nebenkläger

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Knapp 60 Stunden haben die Opferanwälte im NSU-Prozess für ihre Schlussvorträge veranschlagt und sich viel vorgenommen. Doch bislang konnten sie noch nicht einmal beginnen.

Nebenankläger sitzen zu Beginn des NSU-Prozesses im Gerichtssaal (Archivbild)
Nebenankläger sitzen zu Beginn des NSU-Prozesses im Gerichtssaal (Archivbild) Quelle: imago

Wieder ist Gamze Kubasik am vergangenen Prozesstag nach München gereist und hat ihren zweijährigen Sohn in der Obhut ihres Mannes gelassen. Nicht ganz einfach für die junge Mutter, aber es sei ihr "sehr wichtig, Präsenz zu zeigen" in dieser Phase des Prozesses. Die Frau mit den langen, dunklen, glatten Haaren, ist die älteste Tochter von Mehmet Kubasik, dem vermutlich achten Mordopfer des NSU. Die 32-jährige will selbst das Wort ergreifen, wenn die Nebenkläger ihre Plädoyers halten. Darauf hat sie sich mit ihrem Anwalt Sebastian Scharmer vorbereitet, darauf wartet sie eigentlich schon seit Wochen. Doch es kommt anders - wieder einmal.

Unterbrechung folgt auf Unterbrechung

Gamze Kubasik (Archivbild)
Nebenklägerin Gamze Kubasik (Archivbild) Quelle: imago

Denn wieder geht es im Schwurgerichtssaal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts um Anträge und Beschlüsse. Der Hauptgrund sitzt auf der Anklagebank, zweite Reihe rechts außen: Andre E.  Lange Zeit hatte man ihn und seine Verteidiger im Prozess kaum wahrgenommen - bis zum Schlussvortrag der Bundesanwaltschaft. Sie sieht in  E. einen der engsten Verbündeten von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe und fordert für ihn 12 Jahre Haft. Eine handfeste Überraschung vor nunmehr acht Wochen. Seitdem sitzt E. wegen Fluchtgefahr in U-Haft, seitdem stellen seine Verteidiger einen Befangenheitsantrag nach dem anderen. Es sind inzwischen mehr als ein Dutzend. Unterstützt werden sie von den Verteidigern des Mitangeklagten Ralf Wohlleben.

Die Folge: der Prozess gerät erneut ins Stocken. Wird dem kompletten Senat Befangenheit vorgeworfen, muss ein anderer Senat über diesen Antrag entscheiden. Und das dauert. So wurde die Verhandlung Ende September erst für zwei Wochen ausgesetzt, dann Anfang Oktober einen halben Tag verhandelt, anschließend folgte noch einmal eine fast dreiwöchige Unterbrechung. Dabei ist Vorsicht geboten, gibt es doch genaue Vorgaben, wie lange ein Prozess unterbrochen werden darf. Werden diese Fristen überschritten, wäre der Prozess geplatzt. Alles müsste von vorne beginnen - ein Alptraum für die Opfer. Vielleicht aber ein Hoffnungsschimmer für die Angeklagten.

Wie viel Taktik steckt in den Anträgen?

So gibt am vergangenen Prozesstag selbst eine eigentlich kurze Verlesung von Aktenbestandteilen Anlass zu neuen Diskussionen, neuem Streit, neuen Anträgen und neuen Unterbrechungen. Gamze Kubasik lässt das alles ratlos und verärgert zurück. "Ich weiß, das sind die Rechte der Angeklagten, das  respektiere ich auch. Aber ich habe das Gefühl, die tun das schon, um uns zu ärgern". Sie sei enttäuscht, dass wieder nichts voran geht, "wegen - so sehe ich das - Kleinigkeiten."

Richter Götzl beweist derweil eine bewundernswerte Geduld. Wann immer es zu Diskussionen und Provokationen kommt, legt eine Pause ein, in denen sich alle beruhigen können und sollen. Als erfahrenem Richter ist ihm bewusst, dass hinter den vielen Anträgen auch eine Portion Taktik stecken dürfte. Denn wird ein Antrag vorschnell und zu unsauber begründet abgelehnt, könnte das einen Grund für eine Revision liefern - und das will Manfred Götzl wohl um alles in der Welt vermeiden.

"Es raubt mir viel Kraft"

Für Gamze Kubasik aber ist dieses Hickhack nicht immer nachvollziehbar und eine Belastung. "Es raubt mir viel Kraft. Ich hätte mir schon manchmal gewünscht, dass der Richter auch mal schärfer durchgreift." So geht die junge Frau erneut enttäuscht nach Hause. Doch sie kommt wieder, wann immer es sich einrichten lässt. Schließlich hat sie eine Botschaft, die sie loswerden will in dem Mammutprozess - wenn nicht an diesem Tag, dann irgendwann.

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