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Aus Klimaschutzgründen - Der Kampf für die Rückkehr zur Kernenergie

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Jahrzehntelang demonstrierten Umweltaktivisten gegen Atomstrom. Nun propagieren einige für die Rückkehr zur Kernenergie und berufen sich dafür auf Berechnungen des Weltklimarats.

Archiv: Atomkraftwerk Grohnde in Emmerthal, Niedersachsen, aufgenommen am 9.9.2016
Atomkraftwerk Grohnde in Emmerthal
Quelle: dpa

"Nuclear Pride" nennt sich die Gruppe von Umweltaktivisten – angelehnt an die "Gay Pride"-Bewegung von Schwulen und Lesben. Die Klimaschützer sehen sich als gesellschaftliche Bewegung, nicht als Lobbygruppe der Atom-Industrie. Damit wollen sie "darauf hinweisen, wie stark ein öffentliches Bekenntnis zur Atomkraft heute gesellschaftlich tabuisiert wird" betont der US-amerikanische Initiator der Bewegung, Michael Shellenberg, Präsident des Instituts "Environmental Progress".

"Atomenergie soll ihr schlechtes Image verlieren"

Zu den Aktivitäten des deutschen Ablegers der Bewegung gehören Demonstrationen, Preisausschreiben und Straßenfeste mit "Kernspalt-Tanz" oder "Klima-Chor". "Nuclear Pride" will eine Umorientierung der europäischen Energiepolitik erreichen: Die Atomenergie soll ihr schlechtes Image bei der Bevölkerung verlieren und als klimafreundliche Energiequelle wahrgenommen werden. "Über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg ist Kernenergie genauso CO2-arm wie Windkraft und emittiert nur ein Viertel so viel CO2 wie Photovoltaik", argumentiert der Informatiker und "Nuclear Pride"-Aktivist Rainer Klute, Vorsitzender des deutschen "Nuklearia"-Vereins.

Zwar seien Wind- und Sonnenenergie erneuerbare Energieformen, doch CO2 emittieren sie trotzdem, beispielsweise bei der Herstellung der Anlagen. Auch Biomasse sei zwar erneuerbar, produziere aber viel CO2. Kernenergie hingegen stoße im Betrieb überhaupt kein CO2 aus und im gesamten Lebenszyklus nur sehr wenig, argumentiert Klute.

Ähnlich sieht das der Gründer von "Nuclear Pride", Michael Shellenberg. Zumindest in den USA ist der international aktive Umweltstratege kein Unbekannter. Als Gastautor der größten US-Zeitungen von der "New York Times" bis zur "Washington Post" engagiert er sich schon länger für den Klimaschutz. Das "Time"-Magazin kürte ihn 2008 zum "Helden des Umweltschutzes" – wie auch Angela Merkel oder Richard Branson.

Spätestens 2022 soll das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen. Bis dahin werden knapp 30 000 Kubikmeter hoch radioaktiver Atommüll entstanden sein. Doch ein Endlager ist nicht in Sicht.

Beitragslänge:
28 min
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Europaweite Unterstützung durch "Ökogruppen"

Etwa ein Dutzend Umwelt- und Pro-Atomkraft-Gruppen in ganz Europa unterstützen "Nuclear Pride" mittlerweile, darunter Ökogruppen aus der Schweiz, Finnland, den Niederlanden und Deutschland. Ende Oktober demonstrierten bei einem "Nuclear Pride" Fest auf dem Münchner Marienplatz mehrere hundert Umweltschützer für die Atomkraft.

Dass Pro-Atomkraft-Demonstrationen nicht von der Atomlobby selbst organisiert werden, sondern aus der grünen Ecke kommen, ist ein neues Phänomen in Deutschland. Die Umweltschützer führen gewichtige Argumente ins Feld: den gerade veröffentlichten 1,5 Grad-Report des Weltklimarats der Vereinten Nationen. Weithin verbreitet wurde von umweltbewegten Politikern zwar die darin beschriebene Möglichkeit, die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen – nicht aber die ebenfalls erwähnte Voraussetzung dafür: den massiven Ausbau der Kernkraft.  

Nach Fukushima: Nur fünf Länder verzichteten auf Atomkraft

In fast alle Szenarien des IPCC-Berichts muss sich die weltweite Atomstrom-Produktion bis zum Jahr 2030 um mindestens 60 Prozent erhöhen. Bis zum Jahr 2050 müsste sie sich sogar verfünffachen, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten – will die Menschheit sich weiterhin nicht nennenswert in Lebensstandard, Konsum und Mobilität einschränken. Ganz unrealistisch ist diese Vorstellung nicht: Nach der Atomkatastrophe von Fukushima beschlossen ganze fünf Länder, auf Atomkraft zu verzichten, während 30 Länder daran festhielten oder sogar neue Meiler errichteten.

413 Reaktoren sind weltweit in Betrieb – fast so viele wie vor 30 Jahren. 49 weitere sind im Bau, unter anderem in der Türkei, in Russland, Südkorea, Argentinien und Bangladesch. China baut derzeit gleich an 14 neuen Reaktoren, Indien an sieben. In Frankreich hat die Kernenergie einen Anteil von 39 Prozent (2016) am Energiemix.

Mehr als ein Drittel des Stroms aus erneuerbarer Energie

In Deutschland hat sich die Energieversorgung weitgehend verändert in den letzten Jahrzehnten: 2017 generierten die verbliebenen acht Reaktoren netto 72,2 TWh (Terrawattstunden), zehn Prozent weniger als noch 2016 und 50,5 Prozent weniger als im Spitzenjahr 2001. 2018 wurde mit Gundremmingen B ein weiterer Reaktor vom Netz genommen. Nur 11,6 Prozent des deutschen Stroms wird nuklear erzeugt – das entspricht etwas mehr als einem Drittel des Anteils in 1997. Erneuerbare Energiequellen machten dagegen 2018 etwa 36,2 Prozent des deutschen Energiemixes aus. 

Anteil der Erneuerbaren Energien am Strommix

Der Weltklimarat stellt auch fest, dass die Einstellung der Menschen zur Atomkraft von Land zu Land davon abhänge, "wie die politische Debatten um technologische Wahlmöglichkeiten und die Auswirkungen auf die Umwelt gemanagt werden". In Deutschland wagte zuletzt nicht einmal mehr die Atom-Lobby, das Thema positiv darzustellen.

Die "Nuclear Pride"-Bewegung könnte nun eine ganz neue Wendung in die öffentliche Diskussion über die Verwirklichung der Klimaziele anstoßen.

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