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Silicon Valley - Obdachlos im Tal der Träume

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Im Silicon Valley entwickeln Computerexperten die Zukunft. Nirgends sonst gibt es so viele innovative Köpfe auf engstem Raum. Doch der Traum droht am Erfolg zu ersticken.

Immer mehr Menschen mit gutem Job und gutem Einkommen können sich das Leben im Tech-Mekka nicht mehr leisten. Die New Economy Hauptstadt bei San Francisco ist inzwischen so teuer geworden, dass selbst Menschen mit gutem Einkommen in ihren Autos wohnen.

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Ellen ist eine der wenigen Einheimischen im Silicon Valley. Wir treffen sie bei Starbucks in Mountain View, im Herzen des berühmten High-Tech-Korridors. Hier hat Google seinen Hauptsitz. Es ist Sonntagfrüh und der Laden ist vollgestopft mit jungen Fahrradfahrern in engen Radlertrikots und neonfarbigen Helmen. Vor der Tür stapeln sich E-Bikes und Rennräder aus Leichtmetall; Cappuccino-Pause am späten Vormittag. Ellen kommt hierher, um ihr Handy und den Computer aufzuladen. Sie ist obdachlos, die Elektronik ist ihre Rettungsleine in ein halbwegs normales Leben.

Dozentin - aber obdachlos

Monatlich pilgern 3.000 bis 4.000 neue Mitarbeiter in das Valley, um bei Google, Facebook, Twitter oder WhatsApp zu arbeiten. Ellen will nur noch raus! Tagsüber arbeitet sie als Privatdozentin für englische Literatur an der San Jose State University. Nachts schläft sie in ihrem Auto. Und das seit einigen Jahren, sie kann sich die horrenden Mieten nicht mehr leisten. "Als ich den Job bekam", sagt Ellen, "hatte ich keine Ahnung, wie wenig ein Dozent verdient und wie aufwendig die Arbeit ist, die ich ja gerne mache. Aber dass ich deshalb im Auto schlafen muss?! Ich hätte nie gedacht, dass es so enden würde."

Den Magisterabschluss hat sie spät im Leben absolviert. 150.000 Dollar hat Ellen ihre Ausbildung gekostet, an den Schulden knabbert sie noch heute. Vier Kurse unterrichtet sie wöchentlich, "mit der Vorbereitung, den Korrekturen und der Studienberatung ist das ein Fulltimejob", meint sie und wirft einen prüfenden Blick auf den Parkplatz, wo ihr alter Volvo steht. Vergangenes Wochenende ist ihr jemand hinten ins Auto gefahren. Nichts schlimmes, eine Beule, aber er hätte ja eine Nachricht hinterlassen können.

Der teure Traum vom Eigenheim

Gary Herbert ist Makler und denen geht es zurzeit ziemlich gut. Häuser und Mietwohnungen sind Mangelware, entsprechend sind die Marktpreise. An diesem Sonntag führt uns Gary zu einem sogenannten 'Starter Home', etwas, was sich junge Paare anschauen, wenn sie in ihr erstes Haus investieren. Die Gegend ist schön, viel Grün und blühende Bäume, das Haus aus den 70er Jahren, zwei Zimmer, Küche, Bad. Nichts Besonderes, aber gut in Schuss. Mehr als zwei Millionen Dollar wollen die Besitzer dafür. "Das Haus wird bestimmt nach dem Verkauf abgerissen", meint Gary, "Grund und Boden sind wertvoll, die Lage perfekt. Die neuen Besitzer werden sicherlich ein größeres, moderneres Haus bauen wollen."

Alternativen zum teuren Eigenheim gibt es schon - überall werden neue Mietwohnungen gebaut. Doch auch hier muss man tief in die Tasche greifen: Ein Studio-Appartement mit Kochnische und Bad ist unter zweieinhalbtausend Dollar pro Monat nicht zu bekommen. Bei drei Zimmern mit zwei Bädern kommt man schnell auf fünftausend Dollar. Ein Computerprogrammierer bei Google verdient im Jahr etwa 150.000 Dollar, da kann man sich so eine Wohnung schon mal leisten. Aber die Arbeiterameisen im Silicon Valley, die Putzfrauen und Bauarbeiter, der Koch im Diner um die Ecke, haben keine Chance.

Leben am Bordstein

Juan baut den Boom im Silicon Valley. Er ist Maurer, verdient Mindestlohn, in Kalifornien sind das immerhin 15 Dollar die Stunde. Mehr als in den meisten anderen Bundesstaaten. Die Familie Ruiz - Vater, Mutter und drei Kinder - lebt in einem Camper, der im Zentrum von Mountain View am Straßenrand steht. Alle paar Wochen müssen sie umziehen, erlaubt ist das Dauerparken eigentlich nicht.

Vor 16 Jahren kamen sie von Mexiko nach Amerika. Zwei Jahre ist es nun schon her, seit sie aus dem kleinen Apartment ausziehen mussten, in dem die Familie Unterschlupf gefunden hatte. Mutter Delmi hatte als Putzfrau etwas dazuverdient, auch die beiden Söhne - John, neun Jahre alt, und Marcus, 19 - arbeiten am Wochenende mit dem Vater auf der Baustelle. Aber es reicht einfach nicht für die Miete.

Man ist hier entweder arm oder reich

"Kommt rein", meint John freundlich und öffnet die Tür zum Camper, "aber passt auf das Kabel auf!" Ein kleiner Stromgenerator rattert vor der verbeulten Haustür, das Kabel schlängelt sich die Treppe hinauf ins Innere. "Hier schlafe ich mit meinem Vater", sagt John und zeigt auf ein Doppelbett über der Fahrerkabine. "Den Tisch hier kann man zusammenklappen, da schlafen meine Mutter und Schwester zusammen." Bruder Marcus hat die Kammer hinter dem Bad gewonnen. Existieren auf kleinstem Raum. Eine Mittelschicht gibt es im Tal der Träume kaum noch - man ist arm oder reich. Dazwischen klafft ein Abgrund.

"Wir bleiben hier", meint Delmi Ruiz, "weil mein Mann in der Nähe einen guten Job hat. Wir wollen nicht einfach woanders hinziehen, da, wo wir keine eigenen Reserven oder Unterstützung haben. Was passiert, wenn wir nicht sofort wieder Geld verdienen können?"

Die Stadtverwaltung ist hilflos

"Egal wie schnell du rennst, du trittst immer auf der gleichen Stelle. So kommt uns das jedenfalls vor." Lenny Siegel ist Bürgermeister von Mountain View und eigentlich sollte er stolz sein auf seinen kleinen Ort im Herzen des Silicon Valley. "Den Konzernen geht es gut. Ob Google, LinkedIn, Intuit, Symantec - alle stellen weiterhin Tausende Topverdiener ein." Aber der Erfolg hat einen Preis. "Wir haben keine Chance, den wachsenden Bedarf an bezahlbarem Wohnraum zu decken", sagt er.

Seit einiger Zeit schon arbeiten sie mit den Großen der Branche zusammen. Google zum Beispiel hat großes Interesse daran, die Städteplanung mitzugestalten. Aber Googles Angestellte haben andere Bedürfnisse und Möglichkeiten als die schrumpfende Mittelschicht. Oder gar die 'working poor', die Armen, die trotz ein, zwei, manchmal drei Jobs trotzdem nicht über die Runden kommen. Die Antwort auf die wachsende Obdachlosigkeit in Mountain View ist nicht noch ein Luxuscampus mit Restaurants, Schwimmbad und Salatbar umsonst. Das wollen die jungen Techies, die es zu Tausenden ins Tal der Träume treibt. "Menschen wie ich", meint Ellen, "wir sammeln unser Hab und Gut in einem Lagerraum. Alle paar Wochen fahre ich dort vorbei und deponiere, was sich an Papieren oder Büchern angesammelt hat." Im Auto ist nur Platz für das Allernotwendigste. Und die Stadt kommt mit dem sozialen Wohnungsbau nicht nach.

Wir sind schon wieder auf dem Weg zurück, da erreicht uns eine E-Mail des Maklers: Ich wollte euch Bescheid sagen: Das Haus, das ihr euch neulich angeschaut habt, ging für 2.599.000 Dollar auf den Markt. Es gab 23 Interessenten an diesem Wochenende. Der Vertrag ging an einen Käufer, der 3.400.000 Dollar bot. Welcome to Silicon Valley.

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