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Prävention gegen Rechtsextremismus - "In Chemnitz fehlt eine langfristige Strategie"

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Öffentliche Trauer um einen Neonazi im Stadion des Chemnitzer FC: Solch extrem rechte Hooliganszenen kann man nur gemeinsam bekämpfen, sagt Fanforscher Claus im heute.de-Interview.

Gedenken an toten Neonazi Tommy Haller in Fußballstadion in Chemnitz (Archivbild vom 06.03.2019)
Öffentliche Trauer um einen Fan im Fußballstadion. Vor der Fankurve ist ein schwarzes Transparent mit der Aufschrift "Ruhe in Frieden" gehisst.
Quelle: imago

heute.de: Im Stadion wurde dem an Krebs verstorbenen Thomas Haller öffentlich gedacht. Er war bekennender Neonazi, aber auch Fan des Chemnitzer FC. Fehlt dem Fußball Problembewusstsein für Rechtsextremismus?

Robert Claus: Das kann man so pauschal nicht sagen. Der deutsche Fußball besteht aus circa 60 Standorten mit größeren Fanszenen. Wir haben Vereine und Fanszenen, die sich seit Jahren gegen Diskriminierung und gegen rechte Gewalt stark machen. Wir haben aber auch Fanszenen, die ganz klar von Rechten dominiert werden. Da kann man sich Cottbus oder Chemnitz anschauen. Wobei das nicht heißt, dass dort die gesamte Fanszene rechts ist, aber das Gewaltmonopol liegt bei extrem Rechten. In Chemnitz fehlt eine langfristige Strategie, präventiv gegen Rechtsextremismus zu arbeiten, im Grunde völlig.

heute.de: Was ist das Problem an dem Gedenken von Sonntag?

Claus: Thomas Haller war eine schillernde Figur der Chemnitzer Neonazi- und Hooliganszene. Dass die Hooliganszene ihm jetzt gedenkt, ist leider nicht überraschend. Aber die Szene hat nicht nur ein Spruchband reingeschmuggelt, sondern auch der Verein hat auf der Videoleinwand und mit einer Stadiondurchsage Herrn Haller gedacht. Wie der Verein heute Morgen deutlich gemacht hat, wurde der Verein selbst von der Hooligan-Szene unter Druck gesetzt.

Darin besteht eine Besonderheit. Neonazis, Hooligans, die es schaffen, einen Verein so vor sich herzutreiben, finden Sie in Deutschland selten. Das spricht natürlich auch für die Macht und das Selbstverständnis, das die extrem rechte Hooliganszene in Chemnitz hat.

Vor dem Spiel des Chemnitz FC haben Fans und ein Spieler öffentlich eines verstorbenen Neonazis gedacht. Der Chemnitzer FC distanzierte sich nun von den Vorkommnissen und erstattete Strafanzeige.

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heute.de: In Ihrem Buch sprechen Sie von einem reaktionären Männlichkeitsideal und Dominanzdenken im Fußball. Inwieweit trägt ein überholtes Männlichkeitsbild zu Rechtsextremismus im Fußball bei?

Claus: Rechtsextremismus ist im Grunde, wenn man es auf eine Faustformel bringt, Gewalt und Diskriminierung. Das ist ganz zentral verbunden mit einem traditionellen Männlichkeitsbild und Machtanspruch, das sein Selbstverständnis darauf gründet, Menschen abzuwerten, z.B. durch homofeindliche Sprüche, Rassismus und Gewalt.

heute.de: Ist Rechtsextremismus im Fußball ein vorwiegend ostdeutsches Problem?

Claus: Da muss man differenziert argumentieren. Denn Rechtsextreme im Fußball finden Sie im Grunde fast überall. Aber was in Ost-Deutschland hinzukommt, ist, dass die Kameradschaft und die Hooligan-Szene Geschwister in ihrer Entstehungsgeschichte sind. Sie sind beide Ende der 80er-Jahre entstanden, hatten ihre Hochzeit ab den 90er-Jahren und sind daher gut verknüpft. Hooligans stehen im Osten deutlich weiter rechts, als im Westen der Republik. Im Westen sind die Hooligangruppen politisch ausdifferenzierter. Auch fehlt in Chemnitz ein Gegengewicht, Fans, die gegen rechte Gewalt protestieren.

heute.de: Welche Verantwortung tragen die Fußballvereine?

Claus: Die Vereine sind gefragt, langfristige, präventive Fanarbeit zu entwickeln. Und das fehlt in Chemnitz leider nahezu komplett. Bei anderen Vereinen gab es Aktionstage zu Zivilcourage im Stadion oder Gedenkstättenfahrten, also ein breites Programm an Bildungsangeboten. Man kann viel am DFB kritisieren, aber:

Der Deutsche Fußballbund (DFB) führt seit mehreren Jahren einmal im Jahr einen Fachtag Rechtsextremismus durch. Da kommen Verbände und höherklassige Vereine zusammen, um über diese Themen zu beraten, um Projekte gegen Rechtsextremismus zu entwickeln und sich auszutauschen. Der Chemnitzer FC hat die letzten Jahre durch Abwesenheit geglänzt und an diesem Beratungsangebot überhaupt nicht teilgenommen.

heute.de: Wie viel Einfluss haben die Fanbeauftragten eines Vereins?

Claus: Es kommt darauf an, ob dieser Fanbeauftragte aus der Szene kommt, ob er dorthin einen guten Draht hat. Und auch, wie professionell das ganze Umfeld ist. In der dritten und vierten Liga sind bei weitem nicht alle Fanbeauftragten hauptamtlich Angestellte. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass eine einzelne Person natürlich nicht komplett die politische Entwicklung einer Fanszene steuern kann. Das ist eine Netzwerkaufgabe für die Fanbeauftragten der Vereine, in Zusammenarbeit mit dem Fanprojekt der Polizei, der kommunalen Jugendarbeit und vielen weiteren Akteuren in der Stadt.

Das Interview führte Katharina Schuster.

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