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USA und China - Zollstreit: Warum Außenhandel nicht alles ist

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Seit einem Jahr dauert der Zollstreit zwischen den USA und China - mit Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Europa solle weniger auf Außenhandel setzen, rät Ökonom Flassbeck.

Archiv: Ein Container wird im Hafen von Qingdao, China, auf ein Containerschiff geladen, aufgenommen am 08.04.2018
"Man muss generell von der Handelsfokussierung runterkommen", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck. Er plädiert dafür, die Kaufkraft im eigenen Land zu stärken.
Quelle: dpa

heute.de: Die Strafzölle zwischen den USA und China gelten nun seit einem Jahr. Wie schwer wirken sie sich aus?

Flassbeck: Wie viel wir spüren, ist eine sehr offene Frage. Wir haben gerade in Deutschland einen Rückgang der Exporte. Aber wie viel davon auf die Zölle zurückzuführen ist, kann man nicht sagen. Was man sagen kann: Die Zölle haben sicher zur Irritation beigetragen. Im Übrigen: Sie haben das Wort "Strafzölle" benutzt. Aber Europa verwendet ja auch Zölle, die wir aber nicht so nennen - etwa im Stahlbereich gegenüber China. Sind das etwa "gute Zölle" gegenüber jenen von Herrn Trump?

heute.de: Gut vielleicht nicht, aber vielleicht weniger schädlich? Der IWF geht von einem Rückgang der weltweiten Wirtschaftsleistung von einem halben Prozent aus - vor allem wegen des Handelsstreits zwischen den USA und China. Welche Möglichkeiten gibt es, um Schlimmeres zu verhindern und den Konflikt zu deeskalieren?

Flassbeck: Deeskalieren heißt, dass Deutschland seine Handelsüberschüsse abbaut. Die Überschüsse gehen zwar ein bisschen zurück wegen des weltweiten Nachfrageeinbruchs. Aber Deeskalation von Anfang an wäre gewesen, wenn Deutschland gesagt hätte: Ja, wir müssen unsere Überschüsse abbauen. Riesige Überschüsse zu haben und andere als Merkantilisten zu beschimpfen, ergibt keinen Sinn und ist vollkommen falsch. Trump hat den Finger in die Wunde gelegt. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. (Merkantilismus bezeichnet die vorherrschende Wirtschaftsform im Absolutismus. Ziel war es, durch staatliche Eingriffe - etwa Schutzzölle und Exportförderung - die nationale Wirtschaft zu stärken und Überschüsse im Außenhandel zu erzielen, um damit letztlich die Staatseinnahmen zu erhöhen, Anm. d. Red.)

heute.de: Überschüsse in der Handelsbilanz entstehen doch aber, weil andere Leute die Waren - in diesem Fall "Made in Germany" gerne einkaufen …

Flassbeck: Das stimmt so nicht. Auch beliebte Waren haben ihren Preis. Nur ist dieser Preis künstlich gedrückt, weil Deutschland zehn Jahre lang seine Löhne nicht vernünftig erhöht hat und weil das unter dem Euro nicht mit einer Aufwertung der D-Mark bestraft wurde. Mit Beliebtheit hat das nichts zu tun: Das ist ganz einfach billig.

heute.de: Wenn Herr Trump als blindes Huhn ein Korn gefunden hat: Hat er dann Recht, wenn er China und möglicherweise bald auch Europa in derartige Handelskonflikte zieht?

Flassbeck: Sagen wir so: Deutschland hat durch seine Handelsbilanzüberschüsse andauernd absolute Vorteile gegenüber anderen Ländern. Insofern hat Trump Recht, wenn er sagt, Deutschland müsse von seinen Überschüssen runter …

heute.de: … und wie verhält es sich mit China?

Flassbeck: China hat immer noch einen hohen Überschuss gegenüber den USA - und darauf reitet Herr Trump herum. Aber China hat seinen Überschuss gegenüber dem Rest der Welt deutlich reduziert, hat die Löhne erhöht und damit auch die Importe. Dass Herr Trump nun weiter auf diesem Punkt herumreitet, halte ich für nicht sehr vernünftig. Um das amerikanische Defizit zu verringern, hätte Trump von Anfang an auf einen schwächeren Dollar setzen sollen. Das hätte mehr gebracht als seine Nadelstiche in Form von Zöllen.

heute.de: Die scheinen aber mehr als nur Nadelstiche zu sein. Kollidieren da nicht zwei Weltmächte mit all ihren Ansprüchen und unterschiedlichen Sichtweisen?

Flassbeck: Ja, das tun sie sowieso. Aber das liegt nicht am Handelskonflikt. Die Amerikaner sehen in China die Bedrohung schlechthin, das ist ein bisschen einseitig. In meinen Augen betreiben sie deswegen teilweise eine ziemlich irrationale Politik gegenüber China. Andererseits nutzen amerikanische Unternehmen China auch massiv als Produktionsstandort, was noch weniger konsistent ist. Ich glaube also in der Tat, es wäre vernünftig, pazifische Entspannungspolitik zu betreiben.

heute.de: Wenn wir uns die Rolle Europas anschauen nach einem Jahr Handelskonflikt: Welche Haltung müsste Europa annehmen, um mit den USA und auch China zu Kompromissen zu kommen?  

Flassbeck: Europa muss eine Politik betreiben, die sich auf sich selbst bezieht und weniger am Außenhandel hängt. Auch für die USA übrigens ist Außenhandel nicht das Entscheidende. Die amerikanische Wirtschaft hat sich fantastisch entwickelt in den letzten zehn Jahren, sie hat Vollbeschäftigung erreicht - und das trotz des hohen Leistungsbilanzdefizits.

Man muss generell von dieser Handelsfokussierung runterkommen. Wenn die eigenen Leute Geld zum Konsumieren haben, dann ist das ganz genauso gut wie Exporte. Konkreter: Wenn deutsche Autos in Deutschland verkauft werden, ist es sogar besser, als wenn sie ins Ausland verkauft werden. Da hat Europa seinen Blickwinkel eingeengt und sich verrannt. Man darf sich nicht zu sehr fokussieren auf diese großen globalen Beziehungen.

Das Interview führte Mischa Ehrhardt

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